Freitag, 13. Oktober 2006

Heute kaufen, nächstes Jahr bezahlen

Die brasilianische Wirtschaft funktioniert gut, steht in allen Zeitungen. Eigentlich kann das nicht sein. Denn die Brasilianer können nicht rechnen. Oder nicht denken. Jedenfalls nicht in die Zukunft.


Letztens habe ich in einem Plattenladen CDs angeguckt. Die sind hier genau so teuer, wie in Deutschland, nur verdienen die Menschen weniger. Deswegen steht Brasilien auch mit an der Spitze bei der Herstellung von Raubkopien. Sogar der Präsident, der ja nicht so richtig schlecht verdient, kauft sich gerne raubkopierte DVDs. Als ich den Plattenladen verlassen wollte, ohne etwas gekauft zu haben, rief mir der Verkäufer in einem letzten Überzeugungsversuch nach: „Hey, wenn du jetzt kaufst, fängst du erst 2007 an zu bezahlen!“


Kurz darauf zücke ich an der Supermarktkasse die Kreditkarte, da fragt die Kassiererin: „Wollen Sie sofort zahlen oder in Raten?“ So geht das nämlich hier in Brasilien. Heute genießen und nicht an morgen denken. Als mir ein Paar Schuhe nach ausgiebigem Anprobieren doch zu teuer ist, zeigt sich die Verkäuferin höchst verwundert: „Den Preis kann man aber in 12 Raten aufteilen!“ Ja und? Die zwölf Raten muß ich trotzdem bezahlen, denke ich. Das ist deutsches Denken. Die Brasilianer leben anders. Sie konsumieren ganz gelassen im Hier und Jetzt. Schmeichelnde Worte und zwingende Fakten überzeugen früher oder später jeden. Wer auf Pump kaufen will, aber keine Kreditkarte hat, läßt sich bei den großen Läden eine Kundenkarte ausstellen. Die bieten noch längere Rückzahlfristen, noch niedrigere Zinsen, noch mehr Ware, noch mehr Schulden. Um eine solche Kundenkarte zu bekommen, braucht man eine Art Leumund. Der muß weder persönlich anwesend sein, noch irgendwie für den Beleumundeten haften. Er muß nur eine Festnetz--Telefonnummer haben.


Weil ich eine solche habe, bekomme ich gelegentlich seltsame Anrufe. „Kennen Sie Milton Santos?“, fragte mich kürzlich eine sanfte Frauenstimme. Kennen ist leicht übertrieben. Milton ist der Bekannte eines Bekannten, den ich letztens auf einem Fest getroffen habe. Kann mich nicht erinnern, Milton meine Telefonnummer gegeben zu haben. „Oh, können Sie ihm bitte ausrichten, er möge sich bei der Calca Calcados melden? Er hat seine Ratenzahlungen bei uns etwas vernachlässigt,“ erklärt die Frauenstimme. Ob die das darf? So einfach die Finanzengpässe von Milton Santos in die Welt hinaus posaunen? Oder ist er selbst schuld, weil er meine Nummer angegeben hat, obwohl wir uns nur flüchtig kennen?


Meine Bekannte Virginia ruft mich lieber selbst an: „Paß auf, wenn dich jemand von der Millora anruft, dann sagst du denen, daß ich als Kellnerin arbeite und 400 Reais im Monat verdiene, ja?“ Ok. Mache ich. Beim ersten Mal hatte ich noch Gewissensbisse. Ich habe nämlich keine Ahnung, ob Virginia als Kellnerin arbeitet. Ich weiß nur, daß sie mir nie das Geld zurückgezahlt hat, das ich ihr vor zwei Jahren geliehen habe. Aber weder die Millora, noch irgendein anderer Laden, in dem Virginia Kundenkarten besitzt, hat mich je angerufen.


Ich bin nach sechs Jahren immer noch zurückhaltend gegenüber den ganzen Ratengeschäften. Das einzige, was ich mir zugestehe, ist ein Konto“ im Kramladen. Das heißt, ich kann dort jederzeit mal schnell einen Liter Milch einpacken, auch wenn ich grade kein Geld in der Tasche habe. Besitzer Dimaz schreibt alles in ein kleines Schulheft und ich zahle so ungefähr einmal pro Woche. „Ein Konto“ kann man auch beim Gemüsehändler, an der Tankstelle oder im Restaurant haben. Es kostet keine Zinsen und schadet eigentlich nur dem Ladenbesitzer. Und damit der brasilianischen Wirtschaft. Oder? Während die Regierung die Staatsschulden an den IMF vorzeitig zurückgezahlt hat, treiben Banken, Unternehmer und Illegale das Volk immer weiter in den Konsumrausch auf Pump.


Manche Brasilianer gehen zum Geldhai, um ihre dringenden Wünsche zu befriedigen. Sie müssen entweder verzweifelt oder dumm sein: Der Geldhai gibt zwar Bares auf die Hand heraus ohne viel zu fragen, aber dafür treibt er später mindestens zehn Prozent Zinsen ein. Jeden Monat. Inzwischen vergeben manche Banken Kleinkredite an Menschen ohne Einkommensnachweis, und Kreditkarten für Arme mit Kreditlimits von bis zu 200 Euro werden auch immer beliebter. Schwieriger zu bekommen, sind altmodische Scheckhefte. Die sind hier äußerst begehrt, weil man sie vordatieren kann. Als das Vordatieren in Mode kam, ging es erst um maximal 30 Tage, bis zum nächsten Lohn eben. Das reichte irgendwann nicht mehr. Inzwischen wetteifern die Unternehmen darum, wie viele Tage man bei ihnen vordatieren darf. Es gibt Läden, die akzeptieren Schecks, die auf ein Datum in 120 Tagen ausgestellt sind. Das sind vier Monate. Wenn der Kunde Glück hat, überlebt der Laden solange gar nicht. Aber soweit denken die Ladenbesitzer wohl nicht in die Zukunft.

1 Kommentar:

David hat gesagt…

„Kaufen und Bezahlen“ durfte ich in der Art erleben, wie Christine es schrieb







Eine weitere Impression, der Zahltag in Brasilien. Ziemlich zeitgleich erfolgt für die meisten Arbeitnehmer die Überweisung deren Monatslohnes. Dass es sich hierbei um einen ganz besonderes Ereignis handelt, blieb mir, einem schon als "gringo" und "alemão" titulierten Ausländer, nicht verborgen: Vor den Banken und Geldautomaten waren langen Schlangen von Menschen, die offenbar diesen Tag wahrlich herbeigesehnt haben. Es "rieche nach Geld", sagte mir ein alter Mann. Das wiederum lockte dann tatsächlich auch ein paar fliegende Händler auf den Plan, welche die an den Geldautomat stehenden Menschen umschwirrten und dabei für das gerade abgehobene Geld sogleich ihre Waren feilboten, etwa Sonnenbrillen, Hüte, Schnürsenkel. Und, auch Geldbeutel.





Und während sich viele Brasleiros und auch Insider oft mit den Dingen des täglichen Lebens im Mercado Municipal versorgen, wo es für den täglichen Bedarf eigentlich auch alles gibt, so kaufte ich zunächst mangels Zeit und Wissens lediglich "no shopping", einem großen Einkaufszentrum.

Mercado Municipal durfte ich folgendermaßen kennenlernen. Das ist in kleinen Städten ein Markt, der in einer dafür eigenen Halle untergebracht ist.
Und die Lage ist meist zentral, in Stadtmitte oder –Zentrum.
Dort ist alles relativ preiswert, und, nun ob kolumbianische Rosen, Ingwer, in Flaschen eingelegten Pfefferschoten, frische Kokosnüsse oder Fisch: Eine große Bandbreite, vor allem an Frischem, Authentischem, Lebensmitteln ohne Umverpackung, wie auch allerlei anderen Dingen, bis hin zu den obligatorischen „cinelos“, den markanten Schlappen. So ein Markt ist vom Aufbau und Übersichtlichkeit her etwas anders als ein gewöhnlicher Supermarkt. Beim ersten Besuch braucht es genug Zeit oder einen Freund, um sich zurechtzufinden, und überhaupt um zu wissen, dass es so einen Markt überhaupt gibt.

Ganz anders dazu die oftmals „Shopping“ genannten Einkaufszentren.
Neubauten, oft außerhalb traditioneller Stadtkerne.
Dort kosten die „cinelos“ gut das drei- oder vierfache als in der städtischen Markthalle; Es sich um, in vielen Städten gleich aufgebaute, Einkaufszentren. Die mehr sind, als nur dem eigentlichen Einkaufen zu dienen. Die Einkaufszentren beherbergen oftmals vieles unter einem Dach: Kino, Apotheke, Filialen von Pernambucanas, CASAS BAHIA, sowie eine ganz beträchtlichen Zahl unterschiedlicher Anbieter von Fast-Food und Kilo-Essen.
Und natürlich, viele kleine Geschäfte: Für Spielzeug, Klamotten, Schuhe, Duftwasser und vieles andere mehr. Mit, für den deutschen Betrachter, jeweils sehr vielen Verkäuferinnen und Verkäufern.

Bei genauerem Hinsehen auf die Schaufenster stellt man sehr schnell fest, dass eben für viele hochpreisigen Artikel neben dem Kaufpreis auch Raten ausgewiesen sind. Turnschuhe einer deutschen Marke etwa kann man über 12 Monate finanzieren! „Entweder ich habe Geld, oder ich stelle mir die Frage, wie sehr ich etwaige Turnschuhe wirklich brauche“, so mein sofortiger Standpunkt dazu, als mir ein Verkäufer versuchte, mittels großem Taschenrechner unterschiedliche Varianten der Bezahlung aufzuzeigen. Was der Verkäufer nicht wusste, ich war nicht bloß am Probieren, sondern ich hatte mich bereits vor Betreten des Geschäftes bewusst zum Kauf entschieden. Somit musste er mir keine kleiner werdenden Raten bei dafür längeren Laufzeiten anbieten. Was ihm gleich sichtlich gefiel. Verhandeln ist auch immer eine Zeitfrage. So wurden wir uns schnell einig und ich wurde alsbald mit einem „volte sempre“ verabschiedet.

Vielen Leuten wird, genau wie bei uns, mittels Prospekten, Internet, Fernsehwerbung und tollen Schaufenstern suggeriert, was das Leben angeblich lebenswert macht. Jede und jeder wollen „wer sein“ und „auch was vom Leben haben“.
Und, wir in Deutschland sind nicht da nicht anders.
Bei uns Deutschen gibt es allzu oft auch private Insolvenz, oftmals resultierend aus Anschaffungen wie Schrankwand, Couch, Unterhaltungselektronik, Urlaubsreise und Auto, dem Deutschen liebstes Kind: Schöne Dinge zwar, für die jedoch nicht immer Geld da ist.

Warum sollte das in Brasilien anders sein, als bei uns?
Auch in Brasilien geht es, bei Gesprächen am Familientisch, oft ums liebe Geld. Wie viel da ist, wer was braucht. Und die Wünsche stehen gewöhnlich über dem des Möglichen.
Gut, die Dimensionen sind andere:
Während bei uns selbst nicht so gut Situierte einen Urlaubsreise mit Flug antreten können, ist für viele einfache Menschen in Brasilien das Fliegen an sich nicht üblich. Und selbst große Entfernungen werden mittels Bussen zurückgelegt. Wer bei uns keinen Sportwagen hat, für den ist eben so ein Auto das Ziel auf welches hingeeifert wird. Und für die Menschen, die sich normalerweise keine teuren Turnschuhe leisten können, stellen diese eine Art Sportwagen dar
Das zeigt wiederum, die Deutschen in Deutschland sind reich: An Möglichkeiten! Ein einfacher Arbeiter aus Deutschland hat, gegenüber seinem brasilianischen Kollegen, immer noch ungleich mehr Möglichkeiten, in vielerlei Hinsicht.

Und für die Reicheren gilt, vielleicht etwas mehr als in Deutschland: Zeigen, was man hat. Das dabei oftmals nur finanziert statt wirklich bezahlt wird, ist auch eine Tatsache. Nicht überall „sitzt“ man derart auf seinem Ersparten, wie bei uns in Deutschland. Eine Frage der Erziehung, der Prägung, der Standpunkte. Hier wurde ich als typisch Deutscher wiedererkannt. Mit der Aussage, in jungen Jahren etwas dafür zu tun, um im Alter etwas zu haben.

Ja, ich fühle mich gut bei dem Gedanken, etwas in der Hinterhand zu haben, wohl wissend, dass es da viele nette Dinge zu kaufen gäbe. Dem gegenüber stehen brasilianische Sichtweisen wie: „Lebe doch Dein Leben, Du weißt ja nicht, was morgen ist“ und „a vida merece ser vivida“. Eben, wenn dann in manchen Familien der Verdienst aus irgendeinem Grund ausfällt, sind oft keine großen Reserven da und die „Not“ macht sich schnell breit. Dann in der Form, dass der bisherige Lebensstil nicht mehr beibehalten werden kann.

 
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