Samstag, 18. September 2010

Friedenspolizisten, Politskandale und Star-Kandidaten


Während der finanziell ruinierte Star-Fußballer Romário sein Glück als Polit-Kandidat versucht und Dilma Rousseff unter dem Skandal der Freundin Erenice leidet, bin ich in Rios Favelas unterwegs und gucke mir an, was die Friedenspolizisten hier so machen.

In der ältesten Favela des ganzen Landes steht ganz oben hoch über dem Hafen der Stadt eine winzige Kapelle. In der hängt ein einfaches Holzkreuz, und die weiß gekalkte Wand dahinter zieren mehrere Einschuss-Löcher. Drastischer lässt sich kaum illustrieren, wie ein ziviler Kriegszustand aussieht. Trotzdem sind nicht alle Anwohner froh über die bewaffnete Polizei-Präsenz, die seit Monaten Schießereien verhindert. Weil sie auch den illegalen Handel mit geraubten Waren und Fälschungen unterbindet, den Drogenhandel erschwert und überhaupt das ganze Morro in eine andere Lebensrichtung drängt.

Heute Nacht wird in der City of God ein Baile Funk stattfinden, einer dieser Party-Spektakel mit pornografischen Tänzen und harten Texten, die früher von Drogenbossen genehmigt wurden und mit reichlich Drogen und Waffen garniert waren. Dieser Baile ist vom Polizei-Kommandant genehmigt und wird von der Schocktruppe bewacht. Vielleicht gucke ich mir das an - wenn die Cidade de Deuzs nur nicht so furchtbar weit weg wäre.

Jedenfalls ist dies eine spannende Zeit - auch wenn viele skeptisch sagen: das ist nur Wahlkampf, spätestens nach der Olympiade ziehen die ihre Polizisten wieder ab. In der Zwischenzeit bewirken die Polizisten etwas. Und ob das nach der Olympiade noch jemand rückgängig machen kann, ohne sich politisch total zu verbrennen, das ist eine ganz andere Frage.

foto: wollowski

Samstag, 4. September 2010

Kunst und Drogen


„Die Kids hier sollten genauso leicht Zugang zu Kunst haben, wie zu Drogen und Alkohol“. Das hat Lu Araujo gestern zu mir gesagt. Lu hat für Olinda ein Musikfestival erfunden, das eine Woche lang klassische und folkloristische oder poppige moderne Instrumentalmusik in Olindas Barockkirchen bringt. Olinda ist bekannt für seine koloniale Altstadt, die sogar UNESCO-Weltkulturerbe-Rang hat. Von Olindas Slums ist weniger oft die Rede.

Heute traf ich Maestro Ivan, den Leiter des Orchesters für zeitgenössische Musik, Orquestra contemporanea de Olinda. Er arbeitet mit jungen Leuten – auch aus den Slums. Sie spielen unter anderem Musik, die Mestre Ivan erfunden hat. Eine abenteuerliche Mischung aus Klassik und Folklore, nordostbrasilianischen und afrikanischen Traditionen und der Moderne. Ein Kritiker der New York Times hat sie gehört und geschrieben, aus Brasilien sei seit Chico Science nicht mehr so Aufregendes gekommen.

Der Maestro hat mir heute erzählt, dass ihm kürzlich eine vielversprechende Flötenschülerin ihr Instrument zurück gebracht habe. Sie wolle nicht mehr spielen, habe sie dazu gesagt. Als er zu dem Mädchen nach Hause in die Favela V8 ging, um mit der Mutter zu sprechen, merkte der Maestro, dass diese ihm etwas verschweigen wollte. Zwei Wochen später war das Mädchen tot. Gesteinigt. Sie hatte sich in die Welt des Crack hineinziehen lassen und war – ungewöhnlich schnell und gewöhnlich brutal – dabei umgekommen.

Am Montagabend spielt Maestro Ivan mit dem Orchestra contemporanea de Olinda oben auf dem Platz vor der Kathedrale Igreja da Sé. Das ist einer der Höhepunkte der MIMO, Kritiker aus dem ganzen Land werden darüber berichten. In den sieben Jahren, seit die MIMO existiert, haben mehrere Tausend junge und nicht so junge Leute dabei an Workshops und Kursen teilgenommen. Manche waren schon professionelle Musiker, andere wollen es werden. Hoffen wir dass es Lu; Mestre Ivan und all den anderen gelingt, für immer mehr Kinder und junge Leute Kunst genau so erreichbar zu machen, wie Drogen. Damit sie wenigstens eine Wahl haben.

Foto: Promo

Donnerstag, 26. August 2010

Harte Konkurrenz beim Busbetteln


Die Busfahrt von Recife bis in die Kreisstadt Cabo ist lang genug für ein Nickerchen, und die meisten Passagiere nutzen das gerne. Solange es geht. Ziemlich bald nach der Ausfahrt aus dem Stadtzentrum stört uns meistens eine sonore Stimme. Heute hat sie einen Sao-Paulo-Akzent, ihr Text aber ist der gleiche wie immer. Einen guten Nachmittag wünscht der schlaksige junge Mann jedem einzelnen Passagier. Er sei hier auf Mission seiner Arbeit für junge Menschen und Familienväter, die in die Unterwelt der Drogen abgetaucht seien. Wenn einer von uns einen solchen Menschen in der Familie habe, so helfe uns dieses kleine Pamphlet, das als Päckchen mit einem hübschen Kugelschreiber und einem beleuchteten Schlüsselanhänger verpackt ist. Für eine kleine Spende von nur 2 Reais gebe es diese Päckchen, die Menschen aus der Unterwelt retten können.

Er selbst sei auch acht Jahre lang abhängig gewesen, von Crack und Kokain und Alkohol und Marihuana, sagt der junge Mann. Er sei aus Sao Paulo hergekommen, zum Entzug. Ihm sei geholfen worden, jetzt wolle er anderen helfen. Gott werde uns danken, wenn er unser Herz berühren konnte. Und so weiter. Viele kaufen die Päckchen. Zwei Reais können die meisten eben noch entbehren, ein Drogenproblem gibt es in den meisten Familien, ein Herz hat jeder, und Gottes Dank ist auch nicht zu verschmähen. Ich schätze, die Missionare für den Drogenentzig gehören zu den erfolgreichsten Busbettlern im Großraum Recife.

Ich habe mich schon oft gefragt, was bei diesem Sammeln rumkommt, das angeblich das ganze Entzugszentrum finanziert. Heute rechne ich endlich nach. Wenn jedes verkaufte Päckchen sagen wir einen Real Gewinn bringt, dann hat der Schlaks heute nach Abzug des Buspreises in etwa 10 Minuten Vortrag rund 3 Reais eingenommen. Hochgerechnet wären das 18 in der Stunde, deutlich über hundert am Tag, bei einer Fünftagewoche weit über 2000 im Monat. Dreißig von ihnen seien unterwegs in den Bussen der Stadt, hat der Schlaks gesagt, und sechzig in Behandlung. Das macht womöglich mehr als 60.000 im Monat, mehr als 1000 pro Behandelten, nicht schlecht.

Kaum will ich wieder einnicken, weckt mich eine andere Stimme. Einen schönen Nachmittag wünscht der Bedürftige jedem einzelnen Passagier (sich an „jeden einzelnen“ zu wenden, müssen diese Jungs in einem Seminar fürs professionelle Busbetteln lernen, sie haben es alle, alle drauf). Und er wolle um eine kleine Unterstützung bitten. Er sei morgens um sechs Uhr aus dem Haus gegangen, auf der Suche nach einem Hilfsjob, allein vergebens. Er habe Familie, wie wir, er wolle überleben wie wir. Deswegen bitte er hier um eine kleine Unterstützung. Gott werde es uns danken. Familie hat jeder, einen festen Job kaum jemand, kurz: auch dieser Mann bekommt auf seiner Tour durch unseren Bus ein paar Münzen zusammen.

Warum also macht er sich jetzt wieder von vorne auf den Weg? Einen schönen Nachmittag, jedem einzelnen von Ihnen, tönt es neben meinem Ohr. Das ist nicht der Gleiche, das ist schon wieder ein neuer Busbettler. Dieser trägt Rauschebart und reichlich Übergewicht und will uns – im Namen Jesus – um eine kleine Unterstützung bitten. Weil er nämlich vier kleine Kinder hat. Oha, in dem Alter?, denke ich, und im selben Moment tönt es resolut aus dem hinteren Busteil: „Du hinterfotziger Alter, was brauchst du denn noch kleine Kinder! Geh lieber arbeiten!“ Das nimmt der Alte zum Stichwort, um seine Bittrede erstaunlich spontan in eine flammende Predigt umzuwandeln. Die damit beginnt, dass es Gott nicht gefalle, wenn seine Schäfchen den Nächsten nicht ehren – ihn nämlich. Wer Gottes Willen nicht tue, der komme in die Hölle, jawoll. Und außerdem Homosexuelle und Huren, das sei alles nichts wert, komme alles in die Hölle. Immer heftiger wird der Gottesmann, immer röter sein Gesicht – und immer frostiger die Atmosphäre im Bus. Dass seine Chancen auf milde Gaben gerade unter Null rutschen, scheint er nicht zu bemerken. Unter lauten Geschimpfe sowohl seinerseits, als auch seitens der Passagiere, und vielen „in Jesus Namen“, seinerseits, drängt sich der erfolglose Bettler durch den Bus.

„He Busfahrer“, brüllt die Frauenstimme von vorhin, „jetzt lässt du aber keine solchen Wegelagerer mehr rein, ja! Wir malochen für unser Geld, wir haben nichts übrig für solche Nichtsnutze!“ Vor dem Kassierer zählt gerade ein Mann Kleingeld für das Busticket, aber es scheint nicht zu reichen. Da dreht sich der Mann zu uns und hebt an: „Ich wünsche jedem einzelnen von Ihnen einen guten Nachmittag und bitte…“. Die Worte „.. um eine kleine Unterstützung“ gehen bereits im lautstarken Protest der Passagiere unter. Das macht den Mann wütend. „Das gefällt Gott nicht“, droht er, „Gott mag es nicht, wenn einer gibt, aber dabei denkt, das ist doch ein Nichtsnutz, ein Dieb, ein…“, lange sucht er nach einer Steigerung, bis er sie endlich findet: „… ein Kiffer!“ Mit offenem Herzen müsse man geben. Ja, es gebe Menschen, die Jesus Namen beschmutzen, die in Seinem Namen stehlen, aber ER gehöre zu den ehrenhaften Menschen, das müsse doch jeder gleich sehen. „Schwätz nicht rum, geh nach Hause, hier gibt’s nichts für dich“, bescheidet ihm die resolute Frau von hinten.

„Also ehrlich“, sagt meine Nachbarin, „die meisten sind doch einfach faul.“ Die andere ergänzt: „Und dann betteln sie noch in Jesus Namen, das ist doch das Allerletzte!“ Und die Frau von hinten brüllt: „Fahr nur zu Fahrer, drück mal richtig auf die Tube, und lass bloß niemanden mehr rein!“ Halt, brüllt da der Bettelnde, stopft eilig sein Kleingeld wieder in die Tasche, und macht sich auf, wieder auszusteigen. „Muss ich ja nun, hat ja nicht geklappt“, sagt er zum Abschied vorwurfsvoll an niemanden Bestimmtes gerichtet. Sogar beim Busbetteln ist die Konkurrenz groß geworden.

Foto: Diese Frau bittet für ihr krankes Kind. Bild gesehen bei http://olivacijunior.blogspot.com/2010_04_01_archive.html

Mittwoch, 18. August 2010

Lulas emotionale Ignoranz


Vielleicht liegt es daran, dass er so beliebt ist. Mehr als 80 Prozent Zustimmung, und das in einem Land mit 190 Millionen Einwohnern, das kann einem Mann schon den Kopf verdrehen. Es ist fast zu hoffen, dass Lula nicht in normaler Verfassung war, als er kürzlich den bisher gröbsten Unfug seiner ohnehin nicht gerade rühmlichen Diplomatie-Geschichte verkündete.

Dabei gab es durchaus ähnliche Fälle in der Vergangenheit, aus denen Brasiliens charismatisches Oberhaupt hätte lernen können. Zum Beispiel die Episode bei seinem Kuba-Besuch, als er sich weigerte, die politischen Gefangenen zu besuchen oder auch nur freundliche Worte für sie zu finden. Arrogant und befremdlich wirkte es, als der ehemals selbst wegen seiner Gesinnung inhaftierte Lula die inhaftierten Oppositionellen auf Fidels Insel mit gemeinen Verbrechern in Sao Paulo gleich setzte. Politisch richtig peinlich wurde es, als die spanische Regierung und die katholische Kirche sich erfolgreich für die „gemeinen Verbrecher“ einsetzen.

Doch Lula kann noch schlimmer. Nicht nur, dass er sich neben diversen afrikanischen Diktatoren und den Südamerikanern Chavez und Morales ausgerechnet Ahmadinejad als neuesten Busenfreund ausgesucht hat. Er stellt diese Busenfreundschaft außerdem nonchalant über die Menschenrechte. Gefragt, ob er sich für die zur Steinigung verurteilte Iranerin Sakineh Mohammadi Ashtiani einsetzen würde, sagte Lula: „Da ist Vorsicht erforderlich, denn die Leute haben Gesetze, die Leute haben Regeln. Wenn sie anfangen würden, ihre eigenen Gesetze zu missachten, um den Bitten von Präsidenten nachzukommen, dann wird es bald lächerlich.“ Daraus ließe sich problemlos schlussfolgern: Die Menschenrechte zu respektieren scheint Lula lächerlich.

Ein paar Tage später schienen dem brasilianische Präsident Zweifel über seine eigene Aussage gekommen. Jedenfalls kam er bei einer Wahlkampfveranstaltung für seine Wunschnachfolgerin noch einmal auf Sakineh zu sprechen. In der ihm eigenen spontanen und lässigen Art, mit der er die Wähler so spielend für sich gewinnt, lancierte er etwas, was er selbst als „humanitären Appell“ bezeichnete und kündigte an, er werde seinen Kumpel Ahmadinejad anrufen, um über den Fall zu sprechen. Den Appell formulierte Lula folgendermaßen: „“Wenn diese Frau Unbehagen auslöst, werden wir sie gerne hier in Brasilien aufnehmen.“ Damit lag er gleich doppelt daneben. Unbehagen löst nicht Frau Mohammadi Ashtiani aus, sondern die Art, wie das Regime von Ahmadinejad mit ihr umzugehen droht. Ganz abgesehen davon, was die Bezeichnung „diese Frau“ über den Respekt aussagt, den der Sprecher der Verurteilten entgegen bringt. Wie um seine erschreckend ignorante Haltung zu zementieren, trällerte der Präsident abschließend fröhlich einen brasilianischen Gassenhauer, dessen Refrain lautet: „Wirf den ersten Stein, ai, ai, ai“.

Nicht nur beim Freien Sprechen unterlaufen dem Präsidenten solche groben Schnitzer. Auch überlegt vorgebrachte Aussagen können ihm peinlich geraten. Der iranische Regierungssprecher kanzelte Lulas seltsames spontanes Asylangebot ziemlich harsch ab und befand – hart an der Grenze der Beleidigung, der brasilianische Präsident sei „sehr menschlich und emotiv, aber wohl nicht ausreichend informiert über den vorliegenden Fall“. Das ist zumindest insofern zutreffend, als Lula selbst vorher reichlich naiv geäußert hatte: „Über den Fall der Menschenrechte im Iran, da weiß ich nicht, wie die funktionieren.“

Die Adjektive menschlich und emotiv klingen denn auch aus dem Mund des Sprechers des iranischen Außenministeriums nicht gerade wie ein Kompliment. Aber das kommt bei unserem beliebten Präsidenten nicht an. Ist der Mann so an Zustimmung gewöhnt, dass er alle Kritik einfach ausblendet, umdeutet, rationalisiert, wie die Psychologen sagen? Anders ist es kaum zu verstehen, wenn er dem Regierungssprecher immer noch fröhlich antwortet: „Ich bin glücklich, dass der iranische Minister gemerkt hat, dass ich ein emotionaler Mann bin. Ich bin sehr emotional.“ Das heißt dann wohl emotionale Ignoranz.

Foto: Lula weint über die Nationalelf (gesehen bei estadao.com.br, Foto von Paulo Liebert AE)

Mittwoch, 11. August 2010

Kinderglück beim Klauen?


Kinder, die klauen hält man normalerweise nicht für unverbesserliche Diebe. Es ist schließlich gar nicht so leicht, fremdes Eigentums zu akzeptieren, manche lernen das nicht mal als Erwachsene. Bei Kindern wird Klauen meist als Ausrutscher gesehen.

Es ist gar nicht so einfach, Kind zu sein, in manchen Gegenden von Rio de Janeiro. Wo Menschen im Kindesalter für Drogenchefs interessant sind, weil sie noch nicht strafmündig sind. Wo Zehnjährige mit Maschinengewehren herumlaufen und Achtjährige mit Crack und noch wüsteren Drogen anfixen.

Dagegen erzählt eine Meldung aus den heutigen Nachrichten womöglich eher von einer Art Kinderfest.

Im Norden der Stadt Rio de Janeiro hatten Nachbarn Geräusche in einer anderen Wohnung gehört. Lachen war eines der Geräusche. Das kam den Nachbarn seltsam vor, denn die Bewohner des Apartments waren verreist. Also riefen sie die Polizei. Die Ordnungshüter kamen, brachen in die Wohnung ein und fanden eine vierköpfige Einbrecherbande vor, die sie umgehend fest- und auf die Wache mitnahmen.

Es handelte sich um drei Schwestern und eine Freundin. Sie waren zehn, sechs und drei Jahre alt. Ihre Eltern haben sie gezwungen, in die fremde Wohnung einzudringen, sagten die Mädchen aus. Sie wurden zum Klauen geschickt, damit die Eltern sich Drogen kaufen konnten. Brachten sie keine Beute nach Hause, gab es Prügel.

Kinder sind manchmal geschickte Erfinder von haarsträubenden Geschichten. In diesem Fall allerdings gab es Indizien dafür, dass die Geschichte der Wahrheit entsprechen könnte. Der Polizist auf der Wache glaubte den Einbrecherinnen. Weil er an ihnen seltsame Narben wie von Messerschnitten und Zigarettenverbrennungen entdeckt hatte.

So gesehen war das Einbrechen womöglich für die drei Schwestern und ihre Freundin eine nahezu vergnügliche Unternehmung in einer Art Freiraum außerhalb der Reichweite der Eltern und deren brutaler Parallelwelt. Normalerweise lachen Kinder nicht fröhlich, wenn sie etwas mitgehen lassen. Aber normal war es bei den drei Schwestern zuhause sicherlich eben so wenig, wie vergnüglich.

Foto: Drogenkid - gesehen bei www.zaroio.com

Dienstag, 3. August 2010

Zico haut auf den Tisch


So geht es nicht weiter. Brasilien wird in absehbarer Zeit die beiden größten Sportereignisse der Welt beherbergen, und gleichzeitig geraten immer wieder gerade die Sportstars in Schlagzeilen. Genauer gesagt, die Fußballer. Zuletzt und am schrecklichsten Bruno, der Torhüter und Kapitän des Vereins Flamengo in Rio de Janeiro. Gerade der Flamengo, der einst Größen wie den legendären Zico hervorgebracht hat. Wie gesagt, so geht es nicht weiter. Deshalb haut jetzt Zico haut jetzt auf den Tisch.

Seit zwei Monaten ist er in der Direktion des traditionellen Vereins – und musste dabei die schlimmste Phase des Vereins erleben. Fehltritte bringen Brasiliens Fußballstars regelmäßig – und häufig werden ausufernde Orgien, uneheliche Kinder, außereheliche Beziehungen, gar Kontakte zu käuflichen Transvestiten mit der einfachen Herkunft der Kicker erklärt. Die Favela-Wurzeln müssen auch als Erklärung herhalten, wenn die oft schwerreichen Jungs die Nähe von Banditen suchen. Fast schien es, als sei der Verein wie eine Mutter, die dem fehlgeleiteten Sohn alles verzeiht. Bruno etwa, wurde von seinem Verein nur beurlaubt, als ihm kriminelle Machenschaften bereits nachgewiesen waren und er außerdem unter schwerem Mordverdacht stand. Dagegen wirken andere Details wie Kinkerlitzchen. Etwa dass häufig für den frühen Morgen angesetzte Trainings verschoben werden mussten - weil mancher Star so früh einfach nicht erschien, womöglich weil er noch verkatert war.

Jetzt soll Schluss sein mit der mütterlichen Nachsicht. Wie ein strenger Vater will Zico endlich Konsequenz einführen, die bekanntlich bei jeder Art von Erziehung unerlässlich ist. Wer beim Flamengo fehlt, bekommt künftig Konsequenzen zu spüren, die von Strafgeldern über Sperrung bis zum Ausschluss aus dem Verein reichen sollen. „Wir sprechen hier von Idolen, die Millionen Brasilianer bewundern und imitieren. Ihr Verhalten sollte sich auf der Höhe dieser Vorbildrolle bewegen“, sagt Zico in einem Interview der Zeitschrift Veja. Eventuelle Vorbehalte, Vereine sollten sich nicht ins Privatleben ihrer Spieler einmischen, lässt er ebenso wenig gelten, wie die Herkunftsentschuldigungen. Ohne Disziplin gehe es nicht, sagt der Altstar, der in sechs Ländern als Spieler und Trainer gearbeitet hat, nur mit Talent komme niemand weit. Dafür seien die Vereine verantwortlich – und auch die Agenten der Spieler, die häufig nur schnelles Geld sähen, anstatt ihre Klienten menschlich zu beraten.

Ob es Zufall ist, dass Ronaldo Fenómeno gerade jetzt seinen Ausstieg für 2011 ankündigt? Das Wunderkind der WM 2002 kam immer mal wieder wegen ausufernden Partys oder wechselnder Gespielinnen in die Medien, aber noch treuer begleitete ihn ein anderes Disziplinproblem während seiner ganzen Karriere: die Vorliebe für Leckeres vom Grill und das daraus folgende Übergewicht. Ab 2011 darf der zum dritten Mal verheiratete Ronaldo endlich schlemmen wie er will. Er wird eine Eventfirma leiten, die außerdem auch Fußballerkarrieren betreut. Hoffentlich in Zicos Sinne.

Foto (Zico) gesehen bei: http://urubunews.com.br/francisco-aiello-novo-comentarista-o-zico-dirigente/

Donnerstag, 29. Juli 2010

Nix zu lachen bei der WM-Vorbereitung


Lula sieht – wie so oft – kein Problem. „Ich werde von Afrika nach Hause schwimmen, wenn Brasilien nicht auf die nächste WM vorbereitet ist“, verkündete er gewohnt optimistisch. Diesen Optimismus werden wir allerdings nur noch bis zum Ende des Jahres an der Spitze des Landes haben – und so ungebrochen zuversichtlich wie unser Lula ist keiner der Präsidentschaftskandidaten. Dennoch muss einer oder eine von ihnen mit dem WM-Problem leben.

Denn so sieht der Fifa-Generalsekretär die Sache. Straßen, Flughäfen, Stadien, Telekommunikation – Brasilien ist alles andere als darauf vorbereitet, nach 64 Jahren zum zweiten Mal eine WM auszurichten. Wörtlich sagte Jerome Valcke, der Verzug bei den Plänen sei „beeindruckend“. Beeindruckend sind auch die geschätzten Kosten des Großereignisses: Die WM 2014 soll etwa doppelt so teuer werden wie die soeben in Südafrika gelaufene. Brasilien muss also umgerechnet mehr als 7,5 Milliarden Euro locker machen, für 59 Baustellen, 12 davon Stadien. Dabei sind all die Steuervorteile nicht eingerechnet, die den beteiligten Unternehmen eingeräumt werden – und die dann in der Staatskasse fehlen. Sind ja auch nur bescheidene 150 Millionen Euro.

Während der CBF-Chef Ricardo Teixeira noch besorgte Gemüter beruhigen will und behauptet Brasilien sei ja irgendwie doch „relativ im Zeitplan“, wettern die Kollegen aus Sao Paulo - immerhin Brasiliens größte Metropole und der Wirtschaftsmotor des ganzen Landes - weil ihr Morumbi-Stadion nicht für die WM zugelassen ist. Damit droht Sao Paulo, von der WM ausgeschlossen zu bleiben. Wirtschaftlich ist das kein Nachteil. Entgegen allgemeiner Annahmen, eine WM im Land beschere demselben ein erhöhtes Wirtschaftswachstum, haben die Briten Simon Kuper und Stefan Szymanski herausgefunden: “Tatsächlich wird kein Land reich, weil es Sportereignisse ausrichtet. Der Grund, warum die Länder so scharf darauf sind, Sportevents auszurichten, ist ein ganz anderer: Sportgroßereignisse machen das Volk glücklich.“

Dass es dafür nicht unbedingt notwendig ist, das Ereignis auszurichten, ließ sich kürzlich in Deutschland bestens beobachten. Deswegen: Stadien, Straßen, Flughäfen und all die Infrastruktur sind wichtig, keine Frage. Aber vielleicht ist es eben so wichtig, die brasilianische Nationalelf geschickt neu aufzustellen.

foto gesehen bei: www.ibahia.globo.com

Freitag, 23. Juli 2010

Neue Banditen an die Macht?


Bald ist es wieder soweit. Das brasilianische Volk wird seine Vertreter wählen. Und die Banditen stehen schon Schlange. Das darf man sich getrost vorstellen wie ein direktes Erbe der Kolonialzeit: Damals haben die Herren einfach ihren den Sklaven und sonstigen Untertanen gesagt, wo es lang ging. Und als es dann etwas zu wählen gab, hieß das noch lange nicht, dass wirklich gewählt wurde. Denn natürlich gab es da immer noch Herren, die ihren Untertanen sagten, wo das Kreuz zu machen war.

Heute sagen die Bandenchefs auf den Hügeln vor allem von Rio de Janeiro schon den Kandidaten, ob sie überhaupt Wahlkampf machen dürfen, in dem jeweiligen Slum. Und vorsichtshalber auch noch den Bewohnern desselben, wen sie zu wählen haben. Natürlich vorzugsweise Leute aus den eigenen Reihen. Das klappt gut und ist schwer nachweisbar. Bei den letzten Wahlen hat das Wahlgericht in Rio recherchiert, dass mindestens 100 der Kandidaten für politische Ämter in der Stadt zur Zeit des Wahlkampfs des Mordes angeklagt oder sogar bereits wegen eines Mordes verurteilt waren. Untersucht hat das Gericht diese Fälle nicht etwa, um diese Kandidaten auszuschließen. Die Beamten forderten einen Metalldetektor am Eingang ihres Gerichtsgebäudes und brauchten dafür Argumente. Solange ihnen keine Verbindung zum organisierten Verbrechen nachgewiesen ist, durften Mörder so lange gewählt werden, bis sie in letzter Instanz verurteilt waren. Ganz legal.

Damit soll jetzt Schluss sein. Bei den jetzt bevorstehenden Wahlen soll bereits das neue Wahlgesetz in Kraft treten. Mehr als eineinhalb Millionen Menschen hatten ihre Unterschrift unter den Gesetzesentwurf gesetzt, der im Mai verabschiedet worden ist und strengstes Vorgehen gegen Wahlverbrechen vorsieht. Wegen bestimmter Verbrechen vorbestrafte Kandidaten sollen gar nicht mehr zugelassen, Stimmenkauf und Co. generell verhindert werden. Das klingt gut und ist sicher ein Fortschritt. Ob aber wirklich alle Banditen außen vor bleiben – da ist sich nicht mal der Präsident des Wahlgerichts sicher, wie er kürzlich in einem Interview der Zeitschrift Veja zugab.

„Man darf nicht vergessen, dass die politischen Parteien die ersten sind, wenn es darum geht, Kandidaten mit schmutziger Weste zu legitimieren“, sagte Nametala Machafo Jorge reichlich direkt. Und genau hier schließt sich der Kreis. Die Banditen auf den Hügeln sagen den Untertanen wo es langgeht, und welcher Kandidat der wichtigste ist. Wenn dadurch dieser Kandidat für eine Partei ein interessantes Gewicht bekommt, - dann wird wohl die Partei einiges für ihn tun. Schmutzige Vergangenheit lässt sich prima vertuschen. Dass theoretisch die Einträge ins Strafregister theoretisch im Internet abrufbar sind, stört dabei keinen großen Geist – erfahrungsgemäß gucken die Wähler da sowieso selten nach.

Die Statistik sagt nichts darüber aus, ob die Nicht-Nachgucker dieselben sind, die für das neue Gesetz gestimmt haben. Oder zu welchem Prozentsatz die 1,6 Millionen Befürworter des neuen Gesetzes aus den Armensiedlungen kommen, in denen laut Gerichtspräsident Nametala „nicht mal das Grundlegendste gesichert ist: dass die Wahlen in Freiheit stattfinden, wie es in einer guten Demokratie der Fall sein sollte.“ Ziemlich sicher scheint hingegen, dass auch diesmal Banditen an die Macht gelangen werden. Vielleicht immerhin ein paar weniger als vor vier Jahren.

Foto : ssp.se.gov.br
So sieht man die Herren Kandidaten natürlich nicht, das Foto zeigt normale Banditen, ganz ohne reingewaschene Westen.

Samstag, 17. Juli 2010

Das Ende eines Fußballmärchens


Wer arm geboren wird in Brasilien, kann problemlos sein ganzes Leben arm bleiben. Oder er steigt auf. Dass es ein Slumbewohner zum Bankdirektor schafft, ist bekanntlich eher selten. Die Chancen darauf, Profi-Fußballer zu werden, sind auch nicht so groß, wie viele träumen, aber im Vergleich stehen sie doch deutlich besser. Am einfachsten ist es immer noch, eine Karriere im Drogen- und Bandenmilieu zu machen. Kein Wunder, dass beides oft sehr nah beieinander liegt.

Wenn ein Nachwuchskicker einen Profivertrag bei einem der großen Vereine bekommt, kann er oft auf einen Schlag seiner Mutter ein Haus und sich selbst ein Auto kaufen. Er wird zum Frauenheld und gern gesehenen Gast auf jeder Party – und selbst die Feinde seiner Kindheit wollen seine Freunde sein. Meist muss er mit dem Vertragsbeginn aber auch hinaus in die Welt der anderen. Die anderen, bei denen er nie dazu gehört hat. Weil die anderen immer schon Geld gehabt haben. Weil sie eine gute Schule besucht haben. Weil sie immer schon eine sichere Zukunft hatten. Dass sie immer noch nicht dazu gehören, verkraften viele nicht.

Manche schmücken sich mit dicken Diamanten und coolen Sprüchen, wie Carlos Alberto, der immer noch bei Bremen unter Vertrag steht, aber wegen seiner Anpassungsschwierigkeiten schon an so viele brasilianische Vereine zurück ausgeliehen wurde, dass man schnell den Überblick verlieren kann. Oder sie verlieren sich in Alkohol und Frauengeschichten wie Adriano, der bei Mailands Inter eine so beneidenswerte Karriere hingelegt hatte. Irgendwann ist der Zwei-Meter-Mann zusammengebrochen und ist untergetaucht. Gesichtet wurde er nach Tagen zuhause in seinem Slum in Rio.

Von Adriano existieren Fotos mit erhobener Waffe – angeblich nur ein Spielzeug. Er hat zugegeben, einem Drogenboss größere Geldmengen zugeschoben zu haben – angeblich, damit dieser Nahrungsmittel an die Armen verteilen sollte. Sein Kollege Vagner Love wird regelmäßig auf Funkparties in zweifelhafter Gesellschaft gesichtet. Alles kein Problem? Alles nur Spielerei? "Wir können die Jungs nicht von ihren Wurzeln abschneiden, da kommen sie eben her" – heißt es gerne von Seiten der Vereine. Das mag stimmen. Aber jetzt ist es komplizierter geworden. Im Fall Bruno.

Bruno ist ein vielversprechender junger Torwart, unter Vertrag beim traditionellen Flamengo-Club in Rio. Der 25Jährige verdient momentan beinahe 100.000 Euro im Monat und hat sich von seinem neuen Reichtum bereits ein Haus in Belo Horizonte, eine Wohnung in Rio und einen Jeep gekauft. Unter anderem. In die Schlagzeilen ist er jetzt allerdings wegen einer anderen Sache gekommen. Bruno steht unter dringendem Verdacht, an einem Mord beteiligt zu sein.

Bei einer Party, die der junge Mann selbst als „Orgie“ bezeichnet, hat er eine junge Frau kennengelernt. Eliza sah gut aus, war jung und sie war vor allem scharf darauf, einen Profi-Fußballer zum Freund zu haben. Dafür war sie schon mit mehreren ins Bett gegangen. Vor gut einem Jahr tat sie das auch mit Bruno. Und wurde schwanger. Das Sex-Intermezzo hatte dem Torwart so gut gefallen, dass er es noch mindestens zweimal wiederholte. Die Folgen gefielen dem seit Jahren verheirateten Star gar nicht. Er soll Eliza deswegen mit folgenden Worten gedroht haben: Ich will dieses Kind nicht und ich bin zu allem bereit, damit du dieses Kind nicht bekommst. Du kennst mich nicht und weißt nicht, wozu ich fähig bin, denn ich komme aus der Favela.“

Eliza ist tot. Misshandelt, verprügelt und schließlich erwürgt, zerteilt und Rottweilern zum Fraß vorgeworfen. Es sieht ganz so aus, als habe Bruno das veranlasst, der junge Held aus dem Fußballmärchen. Wie ist so eine Barbarei zu erklären? Weil Bruno aus der Favela kommt? Weil das seine Wurzeln sind? Weil er bei seinem kometenhaften Aufstieg jegliches Gefühl für die Realität verloren hat? Oder ist er einfach ein Psychopath, der zufällig auch noch Fußballer ist?

Foto: http://urubuzadams.wordpress.com/noticias/

Samstag, 10. Juli 2010

Freundliche Lügen aus dem Callcenter

Wer heutzutage eine Dienstleistung braucht, hat es ja immer seltener mit echten Menschen zu tun. Sprachcomputer steuern unter Abfragung persönlicher Daten von Geburtsdatum bis zum Namen der Mutter (vermutlich, um sicher zu gehen, dass sie nicht ihrerseits mit einem Computer sprechen) durch komplizierte Menüs, und wenn das Ziel endlich in erreichbarer Nähe gerückt scheint, bricht gerne die Leitung zusammen. Manchmal bedienen einen auch als Menschen getarnte Roboter, die vorformulierte Texte vom Teleprompter ablesen, vollkommen unbeeindruckt vom Gesprächsanteil des Kunden.

Mit diesem Spiel habe ich den größeren Teil des letzten Tags vor meiner Abreise zugebracht. Den letzten Versuch, musste ich leider abbrechen, weil es Zeit wurde, an Bord des Flugzeugs zu gehen, das mich nach Deutschland bringen sollte.

Ich hatte vorgehabt, mein Internetabo für die zwei Monate Abwesenheit zu unterbrechen. Die Servicenummer des Anbieters ist aus dem Ausland nicht zu erreichen. Leider sei es nur über diese Nummer möglich, eine Unterbrechung zu veranlassen, so sagte die letzte der freundlichen Callcenter-Mitarbeiterinnen, kurz bevor ich ins Flugzeug stieg. Trotzdem versuchte ich, über eine Website für Reklamationen, doch noch zu meiner kostensparenden Unterbrechung zu gelangen. Tatsächlich erhielt ich am 9.6. eine Antwort auf meine Anfrage: Leider sei es den Mitarbeitern meines Internetanbieters nicht gelungen, mich telefonisch zu erreichen, und deswegen konnten sie mir nicht helfen. Logisch. Wie sollten sie mich auch unter meiner brasilianischen Festnetz-Nummer erreichen, wenn ich in Deutschland war. Das mailte ich den Unbekannten zurück – und bestärkte dabei noch einmal meine Bitte um Unterbrechung des Internetservices bis zum 3. Juli. Es kam keine Antwort mehr.

Wieder an meinem brasilianischen Schreibtisch, musste ich feststellen: keine Internetverbindung herzustellen. Also die Servicenummer angerufen. Und erfahren: mein Abo war unterbrochen! Sie könne gerne die Wiederherstellung beantragen, sagte die Dame im Callcenter, aber ich müsse mit 24-48 Stunden Wartezeit rechnen, länger gewiss nicht, das garantiere sie mir. Als ich nachhakte, ob das nicht schneller hinzubekommen sei, brach die Leitung zusammen. Ich habe mich dann einfach zuerst um die Pferde gekümmert, das Haus geputzt, die Reisewäsche gewaschen und Freunde besucht.

Nach 48 Stunden lief das Internet immer noch nicht. Eine weitere freundliche Callcenter-Mitarbeiterin erklärte mir, ihre Kollegin habe vor 48 Stunden zu Protokoll gegeben, sie habe mich über die Unterbrechung informiert – und nicht etwa eine Wiederherstellung meiner Leitung veranlasst. Das könne aber jetzt sofort nachgeholt werden. Allerdings sei die Wartezeit…

Ich verlangte, mit einer höheren Hierarchiestufe verbinden zu werden. Die freundliche Dame von der Supervision verstand mein Unglück und versprach zu veranlassen, dass ich binnen weniger als 24 Stunden online gehen könne. Ihr Wort darauf, sagte Elaine.

24 Stunden später lief mein Internet nicht. Der freundliche Edimar erklärte mir, das würde es auch noch lange nicht tun, denn es sei ja am 12.6. abgestellt worden und die Mindest-Unterbrechungszeit betrage 30 Tage. Das hatten seine beiden Vorgängerinnen doch glatt versäumt, mir mitzuteilen! Ich verlangte wieder nach höherer Hierarchie-Ebene.

Eine freundliche Dame aus der Supervision bestätigte die Worte Edimars. Es sei ihr nicht klar, warum ihre Vorgängerinnen anderes vermittelt hätten. Ich wurde dramatisch. Sprach von Aufträgen der nächsten Monate, die mir nun durch die Lappen gingen. Von Miete, die ich nicht würde zahlen können. Nur die 12 hungernden Kinder sparte ich mir noch auf. Carol hielt auch so Rücksprache mit noch einer höheren Ebene. Und teilte mir dann mit, sie könne mein Internet jetzt sofort wieder zum Laufen bringen. Dann müsse ich allerdings die volle Gebühr zahlen, als sei das Netz nie abgestellt gewesen. Grumpf. Ansonsten könne ich ja bis Montag warten, dann würde ich eine Antwort auf meine Reklamation bekommen und erfahren, wann denn mein Netz normal wieder angestellt werden könne.

Ich sagte, na dann habe ich ja keine Alternative. Doch, behauptete Carol. Und fragte – ganz offensichtlich für die Rechtsabteilung, denn diese Gespräche werden natürlich alle mitgeschnitten: Sind Sie also einverstanden, die vollen Gebühren zu bezahlen. Muss ich ja, grummelte ich, aber hinterher kann ich mich ja immer noch beschweren. Nein so geht das nicht, befand Carol nun sehr streng. Entweder ich sagte ja, ohne wenn und aber, oder ich wartete bis mindestens Montag. Normalerweise würde man so etwas Erpressung nennen. Nur bei Internetanbietern anscheinend nicht.

Andererseits hatte ich wahrlich keine Lust noch das ganze Wochenende von der Welt abgetrennt zu bleiben. Also forderte ich Carol säuerlich auf: Sie können Ihre Frage nochmal stellen. Und antwortete brav: Ich bin einverstanden. So, Ihr Netz ist bereits freigeschaltet, säuselte Carol fröhlich. Darf ich mal live testen, fragte ich. Aber gern.

Es ließ sich keine Verbindung herstellen. Das kann nur ein technisches Problem sein, befand Carol und stelle mich bereitwillig in die entsprechende Abteilung weiter. Dort informierte mich eine freundliche Technikerin, dass mein Netz zwar freigeschaltet sei. Dass aber zur tatsächlichen Verbindung zusätzlich einer Autorisierung nötig sei. Und die könne bis zu 24 Stunden dauern.

Ich war sprachlos. Erklärte dann der Technikerin mein komplettes Gespräch inklusive Erpressung von Carol. Worauf sogar die Technikerin kurz sprachlos blieb. Noch mehr, als sie feststellte, dass Carol mir zudem eine falsche Protokollnummer angegeben hatte.

Daraufhin verbündetet sie sich etwas regelwidrig mit mir, nannte mir die korrekte Nummer und bot mir an, mich umgehend in die gleiche Supervisionszelle zurückzustellen, in der Carol an ihrem Headset saß und sicher dachte, ich fände sie garantiert nie wieder. Dann müssen Sie sich nur noch mit ihr verbinden lassen, sagte meine gerechtigkeitsliebende Freundin.

Ha! Ich malte mir aus, wie ich mit zunächst unverfänglichen, dann aber immer fieseren Fragen zum Punkt hinlenken würde. Alles für die Aufnahme und die Rechtsabteilung. Carol sollte sich wundern!

Meine Triumphgedanken währten nicht lange. Carol?, fragte eine Dame aus der Supervisionsabteilung. Die arbeitet erst nachmittags. Aber wie konnte sie dann um 8 Uhr 57 mit mir gesprochen haben? Das konnte sich die Dame leider nicht erklären. Rufen Sie doch später nochmal an, forderte sie mich freundlich auf.

Später lief das Internet.

Donnerstag, 3. Juni 2010

Gruß aus der Sommerpause

Ich bin mal wieder in Deutschland. Wie jedes Jahr. Ebenfalls wie jedes Jahr, zeigt sich der hiesige späte Frühling deutlich unwirtlicher als der brasilianische Spätherbst. Einige frostige Maiwochen habe ich in einer geliehenen finnischen Jacke überstanden, die sogar Hagelschauer zuverlässig abhält. Dann habe ich leichtsinnig darauf vertraut, dass es wärmer würde, und die Finnenjacke nicht mehr mitgeschleppt. Seitdem sitze ich recht viel in den frostigen Wohnungen von Freunden und Bekannten herum. Aber jetzt soll ja alles besser werden.

Mein Rückflug ist für Anfang Juli gebucht, und ich hoffe, bis dahin wenigstens einmal im T-Shirt aus dem Haus gehen zu können. Und wenn ich wieder im Nordosten angekommen bin, werde ich weiter berichten. Bis dahin freue ich mich - wie jedes Jahr - über Anregungen und Kommentare.

Schönen Sommer allerseits!

Samstag, 24. April 2010

Hat der nichts zum Anziehen? Eine altmodische Liebesgeschichte


Es geht auch anders. All die Geschichte von winzigen Bikinis, pornographischen Songtexten und minderjährigen Müttern mögen wahr sein, sie zeigen nur eine Seite. Die andere hat mir kürzlich eine Bekannte erzählt. Ihre Geschichte ist gerade mal 14 Jahre alt. Da ist die junge – nennen wir sie Andrea – mit ihrer Cousine in ein Dorf am Strand gefahren, weil es dort eine interessante Quadrilha geben sollte. Quadrilhas sind zum einen Banditenbanden, zum anderen Tanzgruppen, die zu den in Brasilien sehr beliebten Junifeiern höfisch inspirierte Tänze in aufwändigen Kostümen aufführen. Das Quadrilha-Tanzen war das liebste Hobbie der 18-jährigen Andrea.

Sie Jungs auf dem Dorf tanzten gut. Und sie sahen neugierig nach den Neuzugängen. Die beiden Cousinen sahen neugierig zurück und tuschelten in den Tanz-Pausen: „Hast du die Beine von dem da drüben gesehen?“, fragte Andrea, „so muskulös… den würde ich gerne mal kennenlernen!“ Sie hatte wohl zu laut getuschelt, jedenfalls fragte der mit den muskulösen Beinen sie in der Woche darauf, ob sie ihn immer noch gern kennenlernen wollte. Danach verstummt er, wie erschrocken über den eigenen Mut.

Es dauerte eine weitere Woche, bis Andrea mit ihm ins Gespräch kam. Danach plauderten sie gelegentlich vor oder nach den Proben. Rauschten Blicke, die anderes versprachen. Nur Blicke. Andreas Tanzpartner war ein hochaufgeschossener Magerer, dessen Hände auf ihrem Rücken wie kalte Fische lagen. Nach Monaten brachte – nennen wir in Gilberto – es über die Lippen: „Willst du meine Freundin sein?“ Andreas Antwort war eindeutig: „Dann musst du aber zuerst zu meiner Mutter in die Stadt fahren und sie bitten, dass du mit mir gehen darfst.“ Gilberto schluckte. Dann ließ er sich erklären, wie er zum Haus von Andreas Mutter gelangte.

Andrea hatte schon nicht mehr damit gerechnet, als Gilberto eine Woche später plötzlich vor ihrer Tür stand. Baseballkäppi so tief ins Gesicht gezogen, dass von seinem Gesicht nicht viel zu erkennen war, die Hände tief in den Taschen der Bermuda vergraben, schweigend. „Wenn gleich meine Mutter kommt, musst du aber schon was sagen!“, erklärte Andrea besorgt, während die Mutter bereits hinter ihr gucken kam, wer der Überraschungsbesuch war. Andrea ließ die beiden allein. Eine Ewigkeit später verabschiedete ihre Mutter Gilberto, schloss die Tür hinter ihm, kam zu Andrea und fragte: „Ist ja ein netter Kerl, aber sag mal, hat der nichts Anständiges anzuziehen?“

Das ist wie gesagt 14 Jahre her, inzwischen ist Andreas und Gilbertos Tochter 13, ein Alter, in dem schon einige Jungs neugierig auf ihre schlanken Beine gucken. „Wer mal mit meiner Tochter gehen will“, sagt Gilberto streng, „der muss sich erst mal hier in mein Haus trauen, um zu fragen, ob er das darf. Und dass der mir nicht in kurzen Hosen ankommt!“

Samstag, 17. April 2010

Skalpierte Frauen

Zurzeit läuft in Nordbrasilien eine Kampagne gegen das Skalpieren. Ja, in Brasilien wird bis heute skalpiert. Gar nicht mal selten. Vollständige Erhebungen gibt es nicht, aber es sind wohl mindestens 50 Skalps jedes Jahr, die vor allem im Norden vor allem Frauen und Mädchen vom Kopf gerissen werden. Im Norden nicht etwa deswegen, weil dort besonders viele Indiostämme besonders blutige Bräuche pflegen, sondern weil dort viele Menschen unter bescheidensten Umständen auf Booten leben.

Wer auf einem Boot lebt, verrichtet dort alle Alltagstätigkeiten, vom Waschen und Kochen bis zum Zähneputzen und Haare-Kämmen. In Brasilien hat der Kurzhaarschnitt für Frauen bestenfalls in Metropolen wie Sao Paulo oder Rio bescheidenen Einzug gehalten, für die absolute Mehrheit der Brasilianerinnen ist eine üppige lange Mähne der Inbegriff von weiblicher Schönheit. So auch für die meisten Bootsbewohnerinnen. Wenn diese während der Fahrt auf ihrem Boot ihre langen Haare kämmen, passiert es: Das Haar verfängt sich in der Schraube des ungeschützt offenliegenden Motors, wird aufgewickelt bis an die Haarwurzel – und dann reißt die Motorkraft der Frau den Skalp vom Kopf. Manchmal nur einen Teil der Kopfhaut mit Haaren, manchmal die kompletten Haare, manchmal inklusive Augenbrauen oder sogar Ohren und Teilen der Gesichtshaut. Manche Frauen sterben an den Unfallfolgen, alle werden grausam verunstaltet.

Viele Familien haben nicht genug Geld, der Verletzten eine Perücke zu kaufen, manche kümmern sich aus Abscheu nicht einmal mehr um die Unfallopfer ihrer Familie im Krankenhaus. Die verunstalteten Frauen leben im Abseits der Gesellschaft, finden nur unter großen Schwierigkeiten Partner oder einen Job. Allein im Bundesstaat Amazonas sind schätzungsweise 100.000 Boote mit Personen unterwegs –ein Drittel davon außerhalb jeder Kontrolle. Bislang hat die Vereinigung der skalpierten Frauen 1400 Opfer gezählt, die Dunkelziffer dürfte weit darüber liegen.

Anfang 2010 hat Lula ein Gesetz verabschiedet, das den 28. August zum Tag des Skalpierens erklärt. Kürzlich wurde zudem beschlossen, dass den Skalpierten eine gesetzliche Entschädigung von umgerechnet etwa 1450 Euro zusteht. Das ist selbst in Brasilien kaum genug für eine Schönheits-OP, die den Frauen ein normales Aussehen zurückgäbe. Die Vorsitzende der Vereinigung skalpierter Frauen, Maria do Socorro Pelaes Damasceno, verlor ihren Skalp als Siebenjährige und hat bereits diverse OPs hinter sich, in denen ihr Gesicht wieder hergestellt werden sollte. Bislang ohne zufriedenstellendes Ergebnis. „Wir fordern, dass Chirurgen, die OPs zur Wiederherstellung durchführen, in unseren Bundesstaat kommen, denn wir haben nicht die nötigen Mittel, um zu ihnen nach Sao Paulo oder Rio zu reisen“, sagt Maria

Obwohl bereits im Juli des vergangenen Jahres ein weiteres Gesetz verabschiedet wurde, welches den Einsatz ungeschützter Motoren auf Booten verbietet und mit Bußgeldern sowie Bootsführerscheinentzug bestraft, geht das Skalpieren weiter. „Wie sollen wir denn unseren eigenen Vater oder Ehemann anzeigen, wenn dieser unseren Lebensunterhalt verdient?“, gibt Maria do Socorro zu bedenken.

Hat mal jemand daran gedacht, dass der gesetzlich geforderte Schutz zu teuer sein könnte, für Menschen, die sich nach einem Unfall nicht einmal eine Perücke leisten können? Oder dass es vielleicht mehr Wirkung zeigen würde, Schutzvorrichtungen zu stiften, anstatt Strafen zu verhängen?

foto: Die Vorsitzende der Vereinigung skalpierter Frauen, Maria de Socorro, verlor außer ihrem Skalp auch beide Ohren (Antonio Cruz, Agencia Brasil)

Mittwoch, 7. April 2010

Eine Rache für uns alle


Meine Nachbarn haben es sogar live am Radio verfolgt, und sie waren nicht die Einzigen. Wir haben ja in letzter Zeit in Brasilien leider öfter gruselige Verbrechen in den Medien miterlebt. Von dem kleinen Jungen Joao Hélio, der von Autodieben im Teeniealter zu Tode mitgeschleift wurde, über die wohlhabende junge Suzane von Richthofen, die ihren Liebhaber dazu brachte, ihre Eltern umzubringen, bis zum Mord an der jungen Deutschen Jennifer Kloker, als Tochter einer Puffmutter seit jungen Jahren daran gewöhnt, als Ware angesehen zu werden, deren brasilianischer Ehemann und Schwiegervater sie umbrachten, um ihre Lebensversicherung zu kassieren. Aber am meisten schockiert hat die Nation der Tod von Isabela Nardoni.

Vor zwei Jahren starb das 5jährige Mädchen Isabela in Sao Paulo. Sie war im sechsten Stock aus dem Fenster gestürzt und erlag kurz nach dem Aufprall auf dem Rasen ihren Verletzungen. Isabela war zu Besuch bei ihrem Vater und dessen neuer Freundin gewesen. Das Paar gab zunächst an, ein Einbrecher habe die Kleine aus dem Fenster geworfen, verstummte aber, als Untersuchungen ergaben, dass Isabela bereits vor dem Fenstersturz Würgemale zugefügt worden waren. Indizien verwiesen auf eine andere Variante als die des Einbrechers. Vaters Neue hatte bereits im Auto mit dem Mädchen gestritten und sie in Folge heftig gewürgt. In der Wohnung angekommen, glaubten Anna Jatobá und Alexandre Nardoni, das Kind sei bereits tot und beschlossen, sich seiner zu entledigen. Der Vater warf seine Tochter, die zu diesem Zeitpunkt noch lebte, aus dem Fenster in den Tod.

Nun ist in Rekordzeit das Urteil gesprochen worden. Wie in Fällen von Mord, Totschlag etc. in Brasilien üblich, von einem willkürlich ausgewählten Geschworenen-Gericht. Recht repräsentativ war es nicht für die brasilianische Gesellschaft: Mindestens vier der sieben Geschworenen sind entweder Studenten oder Hochschulabsolventen. Das Ergebnis dürfte dennoch dem Volk aus der Seele sprechen. „Schuldig“ hieß es für Alexandre Nardoni und Anna Jatobá: Sie wurden zu 31 und 26 Jahren Haft verurteilt, wegen Mordes mit erschwerenden Umständen.

Veja, Brasiliens größtes Nachrichtenmagazin titelt daraufhin: „Verurteilt! Jetzt kann Isabela in Frieden ruhen.“ Muss das sein? Brauchen wir das? Eine Rache für uns alle?

Der Reporter der Zeitschrift meint: Ja. Weil wir uns zwar nicht der illusionären Hoffnung hingeben wollen, es werde keine Schwerverbrechen mehr geben. Aber weil es uns beruhige, zu wissen, dass die Verbrecher ihre gerechte Strafe bekommen.

Das halte ich für ebenso illusionär. Üblicherweise dauern Verfahren in solchen Prozessen viele Jahre. Der Journalist Pimenta Neves, der seine Geliebte erschoss, weil sie sich von ihm getrennt hatte, wartete sechs Jahre in Freiheit auf seinen. Bei Verbrechen aus Leidenschaft kann ein geschickter Verteidiger den Geschworenen sowieso manchmal Mindeststrafen oder gar einen Freispruch entlocken. Und wenn die Angeklagten das nötige Kleingeld haben, werden sie höchstens dann zu Höchststrafen verurteilt, wenn sie ein niedliches kleines Mädchen umgebracht haben. Wie Isabela.

Vielleicht ist das der Triumph des Volks: Ausnahmsweise hat es mal die Wohlhabenden erwischt. Und zwar richtig. Das ist unser aller Rache. Nicht nur für Isabela, sondern für die komplette soziale Ungerechtigkeit.

Fotos: Anna Jatoba und Alexandre Nardoni (oben), Isabela Nardoni und ihre Mutter (unten) - ohne Bildnachweis

Mittwoch, 31. März 2010

Gnade den Geduldigen


Letztens war ich zum ersten Mal in einer Kirche der evangelikalen Pfingstgemeinden, die hier noch im winzigsten Dorf ihre Tempel aufstellen und vor allem unter den Ärmsten ihre Schäfchen finden. Der Mensch liebt es, an etwas zu glauben. An einen Sinn im Leben, eine Hoffnung auf Verbesserungen, an eine höhere Macht, die ihm wohl gesonnen ist. Viele Brasilianer glauben an den Präsidenten Lula. Weil er mit seiner Assistenzialismus-Politik viele von ihnen direkt mit guten Gaben beschenkt und den anderen zumindest Versprechungen macht. Außerdem glauben viele daran, dass Jesus Christus wieder kommen wird, und dass schon jetzt der Heilige Geist ihr Leben in die Hand nehmen und verbessern kann. Das sind die Pfingstler, und sie werden immer mehr.

Ich muss nicht mal das Haus verlassen, um ihre Gespräche mit Gott in der Kirche in der übernächsten Gasse zu hören: wenn sich gegen Ende des Gottesdienstes das Lobpreisen und Klagen zum Crescendo steigert, wird es so ohrenbetäubend, dass ich es nur mit Mühe durch Musik übertönen kann. Das hat mich irgendwann neugierig gemacht: Was treibt diese immer adrett gekleideten Menschen, die bei 40 Grad im Schatten nach langen, schlecht bezahlten Arbeitstagen lange Fußmärsche in Kauf nehmen, um sich in diesen Tempeln die Seele aus dem Leib zu brüllen? Eine Bekannte, die ich danach fragte, erklärte mir: „Ach, es ist einfach schön, so Halleluja zu brüllen.“ Da Cilene immer gerne laut ist, auch wenn sie singt oder redet, war das keine sonderlich erleuchtende Antwort.

Deswegen bin ich letztens im Nachbardorf in einen Gottesdienst der Assembléia de Deus gegangen. In die Assembléia, weil das die Pfingst-Kirche ist, die in Brasilien am schnellsten wächst. Und im Nachbardorf, damit nicht etwa missionarisch ambitionierte Brüder und Schwestern anschließend mein Haus aufsuchen, um mich zu weiteren Besuchen einzuladen. Üblicherweise sind die Gotteshäuser der Armen so schick, dass ich mich schon oft gefragt habe, ob die Gläubigen der neuen Kirchen etwa noch mehr als den obligatorischen Zehnten von ihrem schmalen Einkommen abzweigen, um all dies Pracht zu finanzieren. Der Tempel, zu dem mich die Cousine einer Freundin führte, war erstaunlicherweise ein schlichter Bau aus Holz, ordentlich in Weiß und Blau gestrichen, mit zeitlosen blau-weißen Plastikblumen geschmückt.

An diesem Abend ist der gesamte Gottesdienst eine Art Bezahlung für die Gnade, die Gott einem seiner Schäfchen erwiesen hat. Evanildo Santos hat mit Seiner Hilfe sein Lebensziel erreicht und einen Job als Busfahrer ergattert. Das erzählt er strahlend seinen Glaubensgenossen, worauf diese zustimmend „Gloria Deus“ und „Gepriesen sei Gottes Name“ brüllen. Dann hebt der Pastor an, laut und sehr falsch zu singen, was die Gemeinde zu weiteren „Gloria Deus“ veranlasst: wichtig ist offensichtlich nur die Leidenschaft, mit der gesungen, gebetet und gepriesen wird. Ob dabei einer jeweils scharf an den richtigen Tönen vorbei singt oder in jeden preisenden Satz mehrere Grammatikfehler baut, ist Nebensache.

Die Evangelikalen scheinen sich als ein auserwähltes Volk zu fühlen. Die Anderen bezeichnet der Priester abfällig als „Indianer“ – vermutlich in der kolonialen Tradition, Indianer als dumm und gottlos zu betrachten. Diese „Indianer“ feiern nämlich Erfolge mit vielen, vielen Kisten Bier, wie der Pastor mitteilt. Während die Gläubigen (und das klingt so, als seien nur die Evangelikalen Gläubige, nicht etwa Angehörige anderer Glaubensrichtungen) ihre Erfolge mit Lobpreisungen feiern. Solch wohlfeiles Verhalten wird von Gott belohnt: „Niederlagen gehören nicht zum Leben eines Gläubigen“ versichert der Priester.

Das gefällt natürlich allen und es hebt ein heftiges „Halleluja“ an. Ohne Geschrei geht es ja nicht bei den Pfingstlern. Als ich die Cousine meiner Bekannten frage, warum der Pastor in sein Mikro schreien muss und warum überhaupt alle nur mit höchst erhobenen Stimmen jubilieren, zitiert sie Jesaja, bei dem es heißt: „Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune!“. Wie eine verstimmt Posaune in diesem Fall, aber so kleinlich bin natürlich nur ich. Später darf der Begnadete noch einmal genauer berichten, wie lange er auf die Gnade gewartet hat und durch wie viele dunkle Täler er schreiten musste, immer im Vertrauen auf das Wunderwerk, das da irgendwo in der Zukunft seiner harren musste.

So stellen sich die Evangelikalen erfolgreich als bessere Alternative zu den Katholiken dar: Bei ihnen muss der Gläubige nicht aufs Paradies warten. Nur auf die Gnade. Und die kommt noch in diesem Leben. So einer genügend daran glaubt. Und um den steinigen Weg bis zur Gnade besser auszuhalten, gibt es ja jeden Tag lautstarke Gottesdienste. Die klingen wie eine kirchliche Urschrei-Therapie und scheinen auch so ähnlich zu wirken. „Nach dem Lonpreisen“, sagt die Cousine begeistert, „habe ich jedes Mal alle meine Sorgen vergessen.“

foto: wollowski

Donnerstag, 18. März 2010

Versuch eines Massenmords


Es soll endlich ein Ende nehmen. Ich will keine tierischen Schnüffler und Schnorrer mehr im Haus beherbergen. Schluss mit den ungebetenen Gästen. Gegen Beutelratten und andere Nager habe ich bereits vor Monaten die fiese Futtermischung aus Maisstreuseln und Zementpulver ausgelegt. Keine Ahnung, ob und wie viele sich tatsächlich damit den eigenen Magen zementiert haben. Jedenfalls scheint sich meine Unerbittlichkeit bei den Viechern herumgesprochen zu haben: die Säcke mit Pferdefutter bleiben seitdem unangenagt.

Anders erging es bis vor wenigen Tagen jeglichen Lebensmitteln, die ich in meiner Küche gelagert hatte. Tomaten, Papayas oder Äpfel, die ich zum letzten Nachreifen auf dem Küchentisch liegen ließ, wiesen immer exakt an dem Morgen, an dem sie perfekt gereift und zum Verzehr geeignet waren, hässliche vielleicht daumennagelkleine Knusperstellen auf. Zu klein für Nager. Angemessen für Schmarotzer geringerer Körpergröße. Als ich mir kürzlich nachts ein Glas Wasser aus der Küche holen wollte, wimmelte da der Beweis: Kakerlaken führten einen orgiastischen Tanz auf. Auf dem Fußboden, auf dem Tisch, in der Spüle zwischen den frisch gespülten Gläsern und Tellern.

Ich spüle jetzt jedes Küchenutensil mindestens zweimal gründlich: einmal, wenn ich es nach Gebrauch säubere, um es wegzuräumen. Und ein zweites Mal, wenn ich es aus dem Schrank oder vom Regal nehme, um es zu erneut zu benutzen. Unter den Schrank legte ich eine Art Maispulverimitat aus, das die Viecher töten sollte. Und im Internet recherchierte ich nicht sonderlich ermutigende Informationen: Kakerlaken haben auf dieser Erde bereits eine deutlich längere Geschichte als Menschen. Sie passen durch millimeterkleine Öffnungen, verstecken sich in Rohren und Ritzen, leben gerne in Sickergruben mitten in den menschlichen Exkrementen, können aber notfalls auch wochenlang ohne Wasser und Nahrung auskommen. Sie verpacken ihre (vielen!) Eier in kleinfingernagelkleine schmale Kapseln, die sie überall hinkleben.

Seitdem ich das gelesen habe, finde ich ständig Kakerlakeneierpakete: Im Schrank an ein sauberes Handtuch geklebt. In eine Ritze der Mauer geklebt. Unter einen Teller geklebt. Und letztens sogar in der Packung der papiernen Teefilter an einen solchen geklebt. Kakerlaken haben zwar einen winzigen Kopf, aber trotzdem ein gut funktionierendes Gehirn – das ist irgendwie dezentral untergebracht. Als ich abends auf meiner Terrasse Dutzende von Fühlern entdeckte, die wie Sensoren durch die Luft tentakelten, begann ich mich zum ersten Mal unterlegen zu fühlen.

Vermutlich gehörten diese Fühler Spionen, die für den Rest der Mannschaft heraus fand, was ich als nächstes gegen die Viecher unternehmen wollte –um dem Gift dann eben so sicher auszuweichen, wie sie es offensichtlich mit meinem Maispulver-Imitat handhabten: Das hatte nicht viel mehr ausgerichtet als meine Katze, die täglich zwar zuerlässig rund ein halbes Dutzend Kakerklaken erledigt, aber damit nur unwesentlich zur Verringerung des Bestands beiträgt. Experten raten dazu, in Abständen von mehreren Wochen wiederholt Kammerjäger einzusetzen, um so einer Plage Herr zu werden. Manche Forenbeiträge im Internet vertreten gar die Meinung, ein von Kakerlaken heimgesuchtes Haus würde erst dann kakerlakenfrei, wenn man es komplett abfackelt.

Abfackeln geht nicht, weil das Haus nicht mir gehört. Kammerjäger geht auch nicht, weil die unfehlbar Mittel und Gifte verwenden, die auf der Basis von Pyrethroiden hergestellt sind. Über Pyrethroide, ihre Wirkungen und Nebenwirkungen, sowie über Vereinigungen von Pyrethroid-Geschädigten habe ich vor vielen Jahren als Praktikantin der taz Hamburg einen Text geschrieben. Seitdem weigere ich mich, solche in meinem Wohnumfeld einzusetzen. Meine wochenlange Recherche in Supermärkten, Futterhandlungen und Apotheken ergab: auch alle im Haushalt üblicherweise eingesetzten Insektengifte basieren auf Pyrethroiden. Egal ob Pülverchen, Lockstoffe, Futterimitate, Giftlösungen oder Sprays. Pyrethroide stehen übrigens auf einer Greenpeace-Liste von Mitteln, die möglichst weltweit und möglichst rasch durch weniger gesundheitsschädliche ersetzt werden sollten.

Letzte Woche entdeckte ich ein Kakerlakengel. Doppelt so teuer wie die Pyrethroide, wird es in Spritzen à 10 ml angeboten. Seine Wirkung beruht auf „Sulfamid“. Sulfamid steht nicht auf der schwarzen Liste von Greenpeace. Es steht allerdings auch nicht auf der grünen Liste für die unbedenklichen Mittel. Über die gesundheitsschädigende Wirkung von Sulfamiden ist ganz einfach bislang zu wenig bekannt, um das Mittel zu beurteilen. Ehrlich gesagt befürchte ich, dass um mit einem so hartnäckig agierenden Wesen wie der Kakerlake fertig zu werden, nur absolut brutale Gifte taugen: Immerhin überleben die Viecher aller Voraussicht nach sogar einen Atomkrieg. Ich habe das Sulfamid trotzdem gekauft.

Vorgestern habe ich den Massenmord eingeläutet. Habe die Küche komplett ausgeräumt. Alle Schubladen, alle Regale, alle Schränke, alle Gewürze, alles Geschirr, sämtliches Besteck. Gewaschen, desinfiziert, Regale und Flächen mit Kerosin abgerieben. Alle Geschirrhandtücher mit garantiert höchst umweltschädlichem Chlor ausgewaschen. Alles, was zu deutliche Spuren kakerlakischen Lebens aufwies: weggeworfen. Alle nicht hundertprozentig glatten Flächen mit einem Versiegelungs-Harz gestrichen. Ich war den ganzen Tag beschäftigt, hatte hinterher zwei ehemalige Pferdefuttersäcke mit Müll gefüllt, eine Dose Harz und einen halben Liter Kerosin verbraucht. Bevor ich alles wieder eingeräumt habe, kam das Sulfamid zum Einsatz. Es ist ein bräunliches Gel, das mittels der Spritze in Ritzen in Wänden und Türen gedrückt werden kann, unter den Herd und neben den Kühlschrank. Nachdem ich eine ganze Spritze aufgebraucht hatte, habe ich vorsichtshalber das Haus verlassen: 0.05 Gramm sollten laut Packungsbeilage für einen Quadratmeter reichen, und ich hatte 10 Gramm in meinen maximal sechs Quadratmetern Küche und weitere 5 Gramm im noch kleineren Bad verbraucht.

Gestern habe ich mich wieder nach Hause gewagt. Im Bad lag etwa ein Dutzend Leichen. In der Küche lagen vier. Verdächtig wenig eigentlich. Aber eine wunderbar reife Tomate, die ich auf dem Tisch liegen lassen hatte, war unversehrt. Das lässt eine verführerische Hoffnung in mir wachsen: Angeblich sind Kakerlaken ja Kannibalen und fressen ihre eigenen Toten, inklusive dem Gift, das diese im Leib haben. Vielleicht gelingt mir diesmal doch noch ein richtiger Massenmord.

Foto: gesehen auf http://www.topgyn.com.br/conso00/noticias.php?ultima=1230

Sonntag, 7. März 2010

Ich bin Brasilianerin, ich gebe nie auf


Am Sonntag kosten die Bustickets hier im Großraum Recife nur den halben Preis, deswegen ist Sonntag Volkswandertag. Die meisten fahren an den Strand, manche vergnügen sich auch in vollklimatisierten Shopping Malls. Es gibt noch eine dritte Gruppe, die jeden Sonntag unterwegs ist. Sie besteht vor allem aus Frauen. Mütter, Schwestern, Ehefrauen, die mit großen Picknicktaschen schon in aller Frühe aufbrechen: Sonntag ist Besuchstag in Pernambucos Gefängnissen.

Letztens bin ich mit gefahren. Weil mir eine Freundin so viele Geschichten erzählt hat. Von den Vier-Mann-Zellen, die mit 20 belegt sind, und den anderen, die auf den Fluren nächtigen müssen. Von den „Capos“, die Einzelzellen vermieten und anderen, die an Besuchstagen im Hof aus Bettlaken Zelte improvisieren, die ebenfalls vermietet werden. Wie einmal ein spielendes Kind ein solches Laken runtergezupft hat und dahinter ein splitterfasernacktes Paar gerade voll bei der Sache war – illegal, denn Intimbesuche sind nur mittwochs gestattet. Wie am Eingang die Besucherinnen sogar das Höschen runter lassen müssen, damit sie ja keine Drogen einschmuggeln, drinnen aber Crack-Steine offen über die Tische verschoben werden. Und dass auch nicht-verwandte Frauen besuchen dürfen.

Also bin ich am Vorabend schon in die Kreisstadt gefahren, um von dort den ersten Bus zu nehmen, bin um drei Uhr nachts aufgestanden und um halb vier mit den anderen zum Busbahnhof gewankt. Normale Busse sind sonntags um vier Uhr morgens leer. So können wir noch eine Weile dösen, bis wir in den ersten fahlen Lichtstrahlen in Recife ankommen. Am nächsten Umsteige-Busbahnhof ist dann gleich zu erkennen, wo es weiter geht: an der Haltestelle des Gefängnisbusses hat sich bereits eine lange Schlange gebildet. Wir drängen uns zwischen alten Mütterchen, tätowierten Minirockträgerinnen und allen nur denkbaren Varianten Frauen in den Bus, schwanken eine weitere halbe Stunde durch einsamer werdende Straßen und kommen an im Centro de Triagem Professor Everardo Luna.

Es ist sechs Uhr morgens, die Sonne deutet erst an, zu welcher Kraft sie sich in den nächsten Stunden steigern wird, und die Schlange vor dem Untersuchungsgefängnis ist bereits mehrere Hundert Personen lang. Tatsächlich sind es vier Schlangen: die längste ist unsere, in der Frauen mit Gepäck stehen. Auch ein Alupäckchen mit Essen ist Gepäck. Die anderen Schlangen sind kürzer und für Frauen ohne Gepäck, für solche mit kleinen Kindern, für über 65-Jährige sowie eine für Männer. Die warten auf gut Glück, denn selten dürfen an einem Sonntag alle wartenden Männer hinein, nach nur Verwaltungsangestelltem bekannten Regeln wird jeweils für den aktuellen Sonntag eine Höchstzahl festgelegt, die am nächsten Sonntag schon nicht mehr bindend ist. Auch sonst gibt es allerlei Regeln. Männer dürfen kein Schwarz tragen, Frauen weder kurze Röcke und Shorts, noch zu tief ausgeschnittene oder rückenfreie Oberteile. „Lächerlich“, sagt eine, „kaum sind sie drinnen, duschen die meisten und laufen dann in den Boxershorts ihres Mannes rum“. Für alle Fälle gibt es an mehreren Ständen, die neben der Warteschlange aufgebaut sind, dezente Hosen, Röcke, Blusen oder Jäckchen zu kaufen und zu mieten.

Überhaupt ist hier einiges geboten. Da weder Handys, noch Fotoapparate mit hineingenommen werden dürfen, ist eine Gepäckaufbewahrung organisiert, die umgerechnet 40 Cent kostet, komplett auf Vertrauen beruht und hervorragend funktioniert: die Habseligkeiten werden erst in eine Plastiktüte und dann in eine leere Kühlbox gestopft, bis die Besitzerin wieder nach Hause will. Da die Sonne schon um sieben empfindlich brennt, und sich in der Folge nur noch weiter steigert, sind auch Schirmmützen, Sonnenmilch und Sonnenschirme im Angebot. Und natürlich Snacks vom Wurstbrot bis zur frittierten Pastete, Zuckerrohrsaft, Kokoswasser oder Bier für die härteren Kandidatinnen. Auf die sicher hoch lukrative Idee, Klapphocker zu vermieten, ist noch niemand gekommen. Also hocken sich die Wartenden auf Ziegelsteine von einer nahen Baustelle, auf Kartonfetzen von einem nahen Müllhaufen, auf leere Plastiktüten oder Stücke Stoff, lehnen die Rücken aneinander und nehmen die Sonne ergeben hin.

Aus einem Kombi dröhnt Musik der Evangelikalen und kündet davon, dass es auch heute Wunder gebe, wenn man nur daran glaubt. Vielleicht gilt es schon als Wunder, dass wir es um elf bis in den Vorhof des Centro geschafft haben. Der ist von weißen Mauern umgeben, die das Licht unbarmherzig bündeln und jeden Luftzug zuverlässig abhalten. So muss sich ein Hühnchen auf dem Grill fühlen. Hätte mir doch eine Schirmmütze kaufen sollen, aber wer jetzt wieder hinaus geht, muss sich anschließend ganz hinten an der Schlange wieder anstellen. So wie eine leichtgeschürzte Blondierte, die sich wohl jetzt schnell noch ein Jäckchen besorgt. Gelegentlich gibt es ein paar Zentimeter Schatten, aus dem man am liebsten nie mehr heraus treten will. Wir kaufen Mineralwasser, um es auf unsere kochenden Häupter zu tröpfeln. Vorher haben die Frauen noch erzählt, von dem Mörder, der sich frech vor die Leiche des soeben von ihm ermordeten Kindes setzt, bis die Polizei kommt und zynisch kommentiert: „Unmenschlich so etwas“. Alle Anwohner wissen Bescheid, alle schweigen, denn „lieber feige leben als ehrenhaft sterben“. Von dem ungerecht eingesperrten Ehemann. Oder davon, dass sie zum ersten Mal hier sind und noch nie mit der Polizei zu tun hatten. Jetzt spricht keine mehr. Es ist sogar für Worte zu heiß.

In kleinen Grüppchen werden die ersten ins Gebäude eingelassen. Dort werden die Taschen und Plastiktüten durchleuchtet, die Frauen müssen sich ausziehen, das Höschen herunter lassen und dann dürfen sie hinein, zur Sonntagsfrische mit dem Liebsten, Bruder oder Sohn. Manche beziehen erst mal Prügel vom Ehemann, weil sie sich nicht benommen haben, wie es ihm gefällt. Manche haben draußen ihre Spitzel. Manche leiten von drinnen einen lukrativen Drogenhandel und wollen gar nicht mehr raus. Jetzt lässt der Wachmann an der Tür einen Riesenschwung auf einmal hinein. Bis zwölf Uhr werden Besucherinnen eingelassen, dann ist Mittagspause bis halb zwei. Wenn es in diesem Tempo weiter geht, könnten wir es gerade so eben schaffen. Da knallt der Wachmann die schwere Glastür zu und legt das Gitter vor. Um 11 Uhr 45. Für uns bedeutet das: eineinhalb zusätzliche Stunden hier im Hof, auf dem Hühnergrill.

Schade, dass ich meine Kamera draußen zur Aufbewahrung lassen musste. Das wäre jetzt das Bild: Manche Frauen haben sich das Oberteil ausgezogen und stehen im BH in der prallen Sonne, eine Übergewichtige stopft sich gerade gierig das Huhn in den Schlund, das sie vermutlich eigentlich dem Inhaftierten mitbringen wollte. Auf den wenigen Zentimetern Schatten direkt an der Mauer drängen sich so viele Menschen, wie man es nicht für möglich halten sollte. Wer nicht schnell genug in den Schatten gestürmt ist, steht in der Sonne, ergeben wie ein Schaf vor der Schlachtbank. Bekommt hier nie jemand einen Sonnenstich? Und wenn, interessiert das jemanden?

Ein Mann verkauft Zweiliterflaschen mit selbstgepresstem Fruchtsaft. Als wir den ersten Plastikbecher an die Lippen setzen, bemerken wir ein leichtes Fäulnisaroma. Beim dritten Becher haben wir uns daran gewöhnt. In der Mitte des Hofes geht zuweilen so etwas wie ein winziger Hauch. Den Kopf auf den Arm zu stützen bringt ein winziges bisschen Schatten. Um halb zwei bleibt die Tür geschlossen. Sie öffnet sich erst um zwei. Um halb drei bin ich dran. Und werde abgewiesen: mein Ausweis entspreche nicht der Norm. Ich könne ja mein Glück beim Oberaufseher versuchen, wenn der es gestattet, dann ja. Der Oberaufseher sieht mich nicht einmal an. Also wanke ich zurück zur Bushaltestelle. Inzwischen sind alle Busse rappelvoll, weil all die Billigticketnutzer von den Stränden und aus den Einkaufszentren wieder nach Hause fahren. Abends um sechs stehe ich im letzten Bus nach Hause. Manche Frauen machen diese Sonntagsausflüge jede Woche. Jahre lang. Auf dem Hof hatte eine Frau eine Tätowierung quer über den Rücken die besagte: Ich bin Brasilianerin, ich gebe nie auf.

foto: wollowski

Dienstag, 2. März 2010

Intimitäten auf der Wartebank


In den Wartezimmern deutscher Frauenärzte habe ich noch nie mit jemandem ein Gespräch geführt. Das ergibt sich einfach nicht. Jede blättert in irgendeiner dieser Zeitschriften, die frau immer nur beim Arzt liest, bestenfalls wird beim Betreten des Raums gegrüßt, damit hat sich die Kontaktfreude erledigt.

Gestern war ich hier bei der Frauenärztin im kostenlosen öffentlichen Gesundheitssystem. Den Termin hatte ich erstaunlich leicht bekommen, ein Anruf unserer dörflichen Gesundheitsagentin hatte genügt, und ich habe nur zwei Wochen warten müssen. Dafür ist der Termin morgens um sieben in der Kreisstadt, 45 Busminuten von mir entfernt. Um halb sieben rühren dort nur ein paar Garnelenverkäufer in ihrer Ware, die in riesigen Styropor-Kisten auf Interessierte wartet, ein paar Übergewichtige mit schlechtem Gewissen drehen in Turnschuhen und Leggins ihre Runden durch die Innenstadt. Und ich weiß nicht so genau, wo ich hin muss.

Da vorne rechts und dann wieder abbiegen, erklärt mir eine Frau, die ein Kind hinter sich her zerrt. Folgsam biege ich in eine Straße ein, die eher in eine Favela zu führen scheint, als zu einer Gesundheitsstation. Bevor ich mich in den Gassen verliere, frage ich eine weitere Frau, die ein Kind vor sich her schiebt. „Zum Gesundheitsposten?“, fragt die, „da muss ich auch hin, geh einfach mit mir“. Und läuft vor mir her bis zu einem Fertigbau-Bungalow, der in seinem vorigen Leben recht schmuck ausgesehen haben muss. Davor warten ein halbes Dutzend Patientinnen aller Altersklassen. Da bei diesen kostenlosen Terminen alle Patienten zur gleichen Uhrzeit bestellt werden, müssen sie sich selbst merken, in welcher Reihenfolge sie eingetroffen sind und also später behandelt werden. Ich werde nach einer fröhlichen jungen Frau im Ringelshirt an der Reihe sein.

Während die Sonnenstrahlen allmählich unangenehm auf jedem entblößten Quadratzentimeter Haut brennen, reden wir über Sozialsiedlungen, die seit einigen Jahren rund um das Stadtzentrum irgendwo in die Pampa gesetzt werden. Planquadrate von ein paar Hektar, auf denen einige Dutzend Schuhschachtelheime mit exakt gleichem Grundriss dicht nebeneinander gesetzt werden. Dann werden die neuen Heime im neuen „Viertel“ unter Bedürftigen verteilt. „Ich wollte da nicht hin“, sagt eine ältere Dame im knallroten Leibchen, aus dem reichlich zu verbrennende Haut herausschaut. „Ich habe mir lieber hier ein Haus gekauft, bevor sie mich beschenken konnten, Gott sei mir gnädig!“ Ihr selbst erworbenes Eigenheim, so erfahren wir, hat sie knapp 1200 Euro gekostet. So günstig wohnt es sich nur in – bei Regenfällen durch Abrutsch bedrohten – Hanglagen, aber das erwähnt sie nicht, sondern betont stattdessen: „Sozialwohnungen können mir gestohlen bleiben, da ist man doch seines Lebens nicht sicher, in diesen Verbrecherbunkern!“ „Wo ich wohne, ist es wunderbar!“, hält eine magere junge Frau im Blümchenkleid dagegen: „alle Anwohner haben sich zusammengetan und wir bezahlen drei Sicherheitsmänner – wir lassen sogar unsere Wäsche auf der Leine hängen, wenn wir aus dem Haus gehen, kein Problem!“

Als eine halbe Stunde nach unserem kollektiven Pauschal-Termin endlich eine Mitarbeiterin die Gesundheitsstation aufschließt und wir in der Intimität des Warteraums auf kühlen Betonbänken Platz nehmen können, wendet sich das Gesprächsthema. Die fröhliche Ringelshirt-Trägerin erzählt von einem Mann aus ihrem Viertel, der „ungelogen!“ ausgestattet sei wie ein Hengst, „der findet keine Frau, ist mit über 40 immer noch Single, nur manchmal zeigt er sein Organ Passantinnen – und die rennen schreiend weg, so groß ist das!“

In der nächsten Stunde lernen wir außerdem ihre Mutter kennen, die heute noch eine Krise bekommt, wenn die verheiratete Tochter einen Tagesausflug macht, ohne vorher Bescheid zu sagen, oder die den Schwiegersohn in Schutz nimmt, wenn der mal wieder reichlich über den Durst getrunken hat und nachts nicht nach Hause kommt. „Mein Mann liebt seinen Zuckerrohrschnaps“, betont die Geringelte, °aber er hat deswegen noch nie auf der Arbeit gefehlt“ – als mache das die allwochenendlichen Schnapsorgien des Ehemanns irgendwie wieder wett. Und mit einer anderen gesehen habe sie ihn auch noch nicht.

Als sie gerade anhebt, zu erzählen, wie sie sich einmal trotzdem beinahe von ihrem Angetrauten getrennt hätte, bin ich dran. Eigentlich hätte ich gerne noch ein Weilchen länger zugehört. Aber vielleicht gibt es ja ein nächstes Mal.

Foto: Robson Ventura /Folha Imagem

Samstag, 20. Februar 2010

Kein Dach auf unserer Schule


Nach Karneval sind in Brasilien die Sommerferien endgültig vorbei, und der Unterricht geht wieder los. Nicht so hier im Dorf. Hier wird der Unterricht voraussichtlich Anfang März wieder beginnen. Wenn bis dahin das neue Dach auf der Schule ist. Den ausgefallenen Unterricht sollen die Schüler dann im Juli nachholen – wenn alle anderen Winterferien haben. Das ist psychologisch nicht sehr geschickt und kann auch noch zu anderen Schwierigkeiten führen: Schüler, die mit dem Bus zur Schule fahren, bekommen für diese Fahrten staatlich finanzierte Wertmarken. Da im Juli allgemein unterrichtsfrei ist, werden für diesen Monat solche Marken gar nicht erst gedruckt. Ob daran schon jemand gedacht hat? Ob dann nur für eine einzige Schule die Druckerei angeworfen wird?

Für unbeteiligte Zuschauer wie mich, ist es nicht so richtig nachvollziehbar, wieso es zu diesem Problem überhaupt kommen musste. Das Dach, so meine ich, hätte doch einfach bereits am ersten Ferientag, Ende Dezember, abgedeckt werden können. Dann wäre jetzt längst alles fertig. Stattdessen wurde es erst vor Karneval abgedeckt, also am ersten Schultag nach den großen Ferien. So geraten die Dachdecker obendrein noch in die ersten Regenfälle, die traditionell hier im Nordosten nach Karneval nieder gehen. Vermeidbare Komplikationen, könnte man meinen.

Kürzlich veröffentlichte die Unesco ihren jährlichen Weltbildungsbericht, der die weltweiten Fortschritte auf dem Weg zum Milleniums-Ziel „Bildung für alle“ misst. Darin zeigte sich, dass Brasilien insgesamt weit mehr im Verzug ist als mit einem Schuldach. Das größte Land des südamerikanischen Kontinents, das die globale Krise so außergewöhnlich gut überstanden hat, und das wirtschaftlich in so rasantem Tempo auf die vorderen Plätze im weltweiten Vergleich vorprescht, liegt im Bildungsvergleich auf dem 88. Platz. Hinter den ärmsten Ländern Südamerikas wie Bolivien, Ecuador und Paraguay.

Eine andere Untersuchung zeigte, dass die besten Pädagogik-Studenten eines Jahrgangs sich nicht für den Lehrer-Beruf interessieren. Kein Wunder. Grundschullehrer verdienen hierzulande immer noch kaum mehr als den gesetzlich festgesetzten Mindestlohn von momentan umgerechnet rund 200 Euro. Davon kann keine Familie leben. Die Unesco-Untersuchung über Lehrer in Brasilien belegt, dass die Hälfte der brasilianischen Lehrer aus Familien der Unterschicht stammt, und 68 Prozent selbst ausschließlich staatliche Schulen besucht haben. 81 Prozent sind Lehrerinnen. Obwohl das Gesetz auch bei Grundschullehrern eine universitäre Ausbildung vorschreibt, haben die heute angestellten Lehrer im Schnitt 14 Jahre Schul- und Unibesuch vorzuweisen – nicht genug für einen Universitätsabschluss, meist nicht einmal genug für Kenntnisse in nur einer Fremdsprache. 20.000 Lehrer haben maximal acht Schuljahre absolviert. Laut einer Schätzung des Bildungsministeriums sollen mehr als eine halbe Million Lehrer ohne ausreichende Ausbildung lehren. Solche Daten verbreitet die brasilianische Regierung naturgemäß nicht so gern.

Bislang ging es der Regierung Lula hauptsächlich darum, möglichst viele Schüler überhaupt zum Schulbesuch zu bewegen. Dafür war die Unterstützung „Bolsa familia“, die nur ausgezahlt wird, wenn die Schule regelmäßigen Besuch bescheinigt, eine große Hilfe. Heute besuchen 97,6 Prozent der schulpflichtigen Kinder tatsächlich eine. Und die restlichen 680.000 werden innerhalb eines speziellen Programms gerade vom Erziehungsministerium identifiziert – vor allem unter der indigenen und der ländlichen Bevölkerung. Diese Zahlen werden regelmäßig gefeiert und sind ja auch wirklich schön anzusehen.

Langsam ist es also an der Zeit, genauer nachzufragen, was die Schulbesucher in der Schule eigentlich tun: Nahezu ein Drittel aller Schüler besucht eine Klasse, die dem jeweiligen Alter nicht angemessen ist. Jeder fünfte bleibt mindestens einmal sitzen. Jeder vierte Brasilianer über 15 Jahre ist funktionaler Analphabet: Er kann zwar einfache Sätze lesen und zu Papier bringen, ist aber nicht in der Lage, komplexere Texte zu verstehen oder eigene Ideen schriftlich auszudrücken.

Wie viel Hoffnung darf man haben, dass es einem Land gelingt, die öffentliche Bildung zu verbessern, wenn es einer Dorfschule nicht möglich ist, nötige Renovierungsarbeiten in die Ferien zu legen? Oder vergleiche ich da gerade Eier mit Nüssen?

foto: wollowski

Montag, 15. Februar 2010

Wer zu spät kommt, trifft die Dämonen


Die Evangelikalen brüllen ihre Predigten noch lauter als sonst. Sogar die Candomblé-Priester rufen ihre Söhne und Töchter zusammen, zu einer pre-karnevalesken Reinigungs-Zeremonie. Als Schutz vor den Dämonen, die in diesen hemmungslos tollen Tagen so ungehemmt durch die Straßen jagen.

Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, am Eröffnungsabend am Freitag in der frischen Brise am Marco Zero in Recifes Altstadt zu stehen und das Konzert von Zeca Baleiro zu hören. Bloß klemmte ich länger als erwartet in diversen Bussen, die allesamt nicht ihre normale Route, sondern um die „Folia“ genannten feiernden Massen herumfuhren. Die ersten zwei Kilometer des verbliebenen Fußwegs gingen schnell – dann näherte ich mich der Folia.

Die drängte sich zutraulich zusammen wie eine betrunkene Schafherde und stank wie ein Müllwagen. Zu durchdringen war sie nur, wenn man sich an einen möglichst aggressiven Tremzinho anhing: so heißen die Zweck-Polonaisen, in denen sich Freundesgruppen im Karneval durch die Massen quälen. Dunklere Straßen waren zwar weniger bevölkert, dafür aber von Lachen und Seen eindeutiger Herkunft bestanden. Die Pinkler suchten sich längst nicht mal mehr dunklere Straßen, sondern drehten sich mitten in der Folia mal eben zur Seite an die Brücke, an das nächste Auto, an eine Plakatwand zur ungezwungenen Erleichterung. Ebenso ungezwungen schütteten sie sich gleichzeitig allerlei alkoholische Getränke ins Hirn.

Als ich es – nicht zur Bühne, die war unerreichbar – bis zu eine der Großleinwände geschafft hatte, sagte Zeca Pagodinho gerade : „Danke, Recife!“ – und dann erklärte einer der Organisatoren, es gäbe ja noch vier weitere Tage Karneval, wir sollten also nicht traurig sein! Traurig wurde ich erst, als ich die Schlangen am Busbahnhof sah.

Drei Sicherheitskräfte mit Schlagstöcken versuchten, die Wartenden aus zwei konkurrierenden Warteschlangen per Reißverschlussverfahren in einen Bus einzufädeln bis der randvoll war. Dertweil stürmten ungesicherte Horden zwei weitere Busse, die unvorsichtigerweise bereits auf dem Weg zur Haltestelle ihre Türen geöffnet hatten. Aus einem dröhnten Hilferufe, es gäbe eine Schlägerei. Die Sicherheitskräfte zögerten kurz, erkannten dann aber, dass es, wendete sie sich der Schlägerei zu, voraussichtlich hier, wo sie jetzt standen, auch nicht mehr länger friedlich zugehen würde. Also blieben sie wo sie waren.

Ich schaffte es in den vierten Bus auf den letzten verfügbaren Platz. Als ich mich auf den bierklebrigen Sitz niederließ, drängte eine kleine Folia aus vielleicht sechs Leuten hinter mir in den Wagen. Sie stimmten alsbald in den höchsten Tönen fröhliche Karnevalslieder an, wie „Pega, pega minha rola*“, wobei ein Kleingewachsener mit nackte Oberkörper, der vor Anstrengung und Männlichkeit einen ziemlich strengen Geruch entwickelt hatte, mit voller Wucht gegen die Busdecke hämmerte. Erstaunlicherweise gab das keine Dellen, also versuchte der junge Wilde es mit den Füßen.

Danach fiel der fröhlichen Truppe eine vermutlich sinnlich gemeinte Schunkelvariante ein, bei der die Männer ihre Leibesmitte eng aneinander drängten und im Takt ihres Gesangs möglichst synchron vor und zurück schwankten. Gelegentlich geriet einer dabei ein wenig aus der Spur und torkelte einem Mitreisenden auf den Schoß. Aus anderen Bussen, die neben unserem im Stau standen, staunten uns langweiligere Passagiere zu. Mein Sitznachbar nahm einen tiefen Schluck aus seiner mitgebrachten Bierdose und kommentierte das Geschehen: „Alles Karneval, alles Spaß!“

Ich würde eher sagen: Wer im Karneval zu spät kommt, trifft die Dämonen.

foto geshen bei: g1.globo.com

Montag, 8. Februar 2010

Weltreporter

Seit einigen Monaten bin ich Mitglied im Netzwerk freier Korrespondenten Weltreporter. Dort gibt es auch einen Blog, in dem 40 Kollegen von ihrem Alltag auf der ganzen Welt berichten. Einmal im Monat bin ich dort vertreten, so heute, guckt mal hier.

Feuchte Brüder in den Knast


Es ist eine internationale männliche Macke, die weltweit Spuren hinterlässt. Zu Oktoberfest-Zeiten verbreiten sich internationale Duftmarken in München im ganzen Theresienwiesen-Viertel. Männern ist es anatomisch leicht möglich, sich auf der Straße zu erleichtern, und das scheint für viele Grund genug, vor allem bei feuchtfröhlichen Anlässen und nach einigem Biergenuss mehr oder weniger in der Öffentlichkeit einfach so den Hosenlatz aufzumachen und an den nächsten Laternenpfahl zu strullern wie ein Köter.

Was in München das Oktoberfest, ist in Rio de Janeiro der Karneval. Will sagen: die Hochsaison der Mackenmänner ist angebrochen. In diesem Jahr haben sie sogar einen eigenen Namen bekommen: als Mijoes – Pinkler, gehen sie neuerdings in offizielle Statistiken ein. Weil die Stadtverwaltung genug hat von den allgegenwärtigen Duftmarken und jetzt hart gegen die Pinkler vorgeht: Am vergangenen Wochenende wurde bei Probe-Karnevalsumzügen insgesamt 46 der Rumstruller festgenommen.

„Es wird nicht mehr toleriert, dass die Karnevalisten an die Türen der Anwohner urinieren. Das ist inakzeptabel. Die Stadt hat 4000 Chemie-Toiletten aufgestellt. Die Leute sollen feiern und sich amüsieren, aber dabei ihre Erziehung nicht vergessen. Die Pinkler, die in flagranti erwischt werden, bringen wir zur nächsten Polizeidienststelle“, erklärt dazu der Sekretär für Öffentliche Ordnung, Rodrigo Bethlem. Wie lange die feuchten Jungs im Knast bleiben und was danach mit ihnen passiert, sagte er nicht.

Foto: gesehen bei seraquepode.blig.ig.com.br

Donnerstag, 4. Februar 2010

Prä-kämpferische Duelle


Politiker sind keine Brasilianer, jedenfalls keine normalen. Scheut der normale Brasilianer offene Konflikte, schürt der brasilianische Politiker dieselben mit Vorliebe. Vor allem natürlich im Wahlkampf. Der hat in diesem Wahljahr noch nicht begonnen, wie kürzlich die Richter entschieden haben. Es hatten nämlich böse Zungen behauptet, Lula schicke seine Lieblingskandidatin Dilma Rousseff nur deswegen durchs ganze Land, um soziale und andere Errungenschaften gemeinsam mit dem Volk zu feiern, damit die Leute gleich wissen, wen sie im Oktober wählen sollen. Das wäre ungesetzlich. Weil Steuergelder und Regierungsämter nicht für den Wahlkampf verwendet werden dürfen. Dilmas Reisen aber sind ganz ok, auch wenn sie dabei ständig auf die Opposition schimpft. Weil Wahlkampf erst dann existiert, wenn es einen deklarierten Kandidaten und ebenso deklarierten Stimmenfang gäbe. So doof ist die Ministerin natürlich nicht, platt zu sagen: Wählt mich, Leute!

Als doof stellt da lieber der Präsident ganz undiplomatisch den Chef der Oppositionspartei hin. „Babaca“ hat er den Senator Sérgio Guerra mitten in einer Plenarsitzung genannt, weil dieser in einem Interview angekündigt hatte, seine Partei werde im Falle eines Wahlsiegs das mit reichlich Vorschusslorbeeren eingeführte und bis jetzt nicht gerade durchschlagend erfolgreiche Programm zur Beschleunigung der Entwicklung, PAC, abschaffen. Vielleicht hat den Präsidenten auch gestört, dass Guerra behauptet hat, das Programm diene vornehmlich dazu, den Wähler in die Irre zu führen.

Auf Lulas verbalen Ausbruch ließ der Oppositionsführer gleich schriftlich verbreiten, dass Dilma eine Lügnerin sei. Dem kann nicht mal widersprochen werden, denn es ist bekannt, dass die Ministerin ihren Lebenslauf um einen Universitätsabschluss an der hoch angesehenen Unicamp und einen Doktortitel derselben Universität geschönt hat. Guerra geht aber noch weiter. Wörtlich schrieb er:

„Dilma Roussegg lügt. Sie hat in der Vergangenheit über ihren Lebenslauf gelogen und verbreitet heute Lügen über ihre Gegner. Sie benutzt die Lüge als Methode. Setzt auf Desinformation des Volks und missbraucht den guten Glauben der Bürger.“ Harte Geschosse, auf die der PT-Präsident umgehend antwortete, indem er Sérgio Guerra als „Jagunço“* beschimpfte. Diese Art Duelle nennt die Presse hierzulande jetzt Prä-Wahlkampf.

Im eigentlichen Wahlkampf, der irgendwann im März beginnt, geht es dann vermutlich erst richtig zur Sache. Lula hatte bereits im Januar angekündigt, er erwarte Debatten auf hohem Niveau. Einerseits. Dass aber keiner glaube, er werde im Wahlkampf den „Liebe und Frieden“-Weg einschlagen. „Ich bin Capoeirista“, tönte der Präsident, von dem als einzige sportliche Aktivität gelegentliche Fußballspiele bekannt sind. „Ich weiß mich gegen Angriffe über Brusthöhe zu schützen.“ Von Angriffen unter der Gürtellinie hat er nicht gesprochen. Die teilt er vielleicht lieber selbst aus.

* Jagunços waren in längst vergangenen Zeiten die fest angestellten Mörder der Großgrundbesitzer .


Foto: gesehen bei o-mascate.blogspot.com

Freitag, 22. Januar 2010

Der Pferdeklau und ein Hauch von Unverständnis


Bekanntermaßen ist der Brasilianer an sich nicht so gerne direkt. Vor allem bei Konflikten. Oft ist das eine gute Sache, weil zwei Konfliktpartner sich in kleinen Dörfern immer wieder über den Weg laufen – und das fällt ihnen natürlich wesentlich leichter, wenn sie sich nicht bis aufs Blut gestritten, sondern in freundlichen Arabesken um den eigentlichen Streit-Gegenstand kreiselnd verständigt haben. Ich versuche also, in dieser Hinsicht lebenslanges Lernen zu verwirklichen und meine unpassende deutsche Direktheit abzulegen. Es gelingt mir immer öfter, nicht gleich wütend herauszuplatzen, wenn irgendwas passiert ist. Meist ist es auch mir als Fremder möglich, die mehr oder weniger eleganten Andeutungen zu verstehen, in denen sich Einheimische den eigentlichen Sachverhalt mitteilen.

Meine Nachbarin zum Beispiel, also nicht diejenige, die immer mit ihren Hühnern schimpft, sondern die andere, welche morgens mit einem Kinderstimmchen singend durch den Garten wandelt und gelegentlich auf ihrer Terrasse grollende Prediger empfängt. Meine Nachbarin also, wendet sich meist sehr freundlich an mich. „Frau Nachbarin“, sagt sie etwa, „ich wünsche einen schönen Guten Morgen“, und lächelt dabei. Dann fährt sie fort, immer noch lächelnd: „Frau Nachbarin, sammeln Sie etwa den Pferdemist als Dünger?“ „Nein“, sage ich wahrheitsgemäß, „den sammele ich nicht, den hat das Pferd gestern hier fallenlassen, als es gerade da war.“ „Ach“, antwortet die Nachbarin, jetzt sichtlich bekümmert, „Sie wissen gar nicht, wie unglaublich das gestunken hat, den ganzen Tag und die ganze Nacht“. Und dann wendet sie sich ab und verschwindet in ihrem Haus.

So weit, so klar. Meine Nachbarin ist einfach zu verstehen, sie hasst Tiere. Katzen verdächtigt sie, ausschließlich und ständig auf ihre Terrasse zu defäkieren – ungeachtet der Tatsache, dass Katzen keine glatten kalten Unterböden, sondern sandige weiche für solcherlei Tätigkeiten vorziehen. Sie kann Hunde nicht ausstehen, weil die sich sämtlich in ihrem Garten versammeln, um dort wilde Paarungen vorzunehmen. Und Pferde mag sie auch nicht, weil die ständig stinken. Insofern passen wir schlecht zusammen, aber ich tue mein Bestes, ihre Geduld mit der Tieranwesenheit auf meinem Grundstück nicht zu sehr auszureizen.

Schwieriger wurde es heute. Da suchte ich mein Pferd. Das hatte jemand von seinem Weideplatz entfernt, an dem es gestern im Morgengrauen noch angebunden stand. Da ich den ganzen Tag in der Stadt war, hörte ich erst abends im Dunkeln von seinem Verschwinden. Und erfuhr außerdem, dass jemand auf ihm reitend gesichtet worden war, spätnachmittags, im übernächsten Dorf. Das waren gleichzeitig schlechte und gute Nachrichten: gute, weil das Pferd noch in der Nähe war und nicht etwa unterwegs zum Pferdemarkt, auf dem jeden Sonntag reichlich Tiere verkauft werden, nach deren Herkunft niemand fragt. Schlechte, weil die Tatsache, dass jemand auf ihm durch die Gegend ritt, bedeutete, dass dieser jemand kein sonderliches Interesse daran hatte, mir das Pferd zurück zu geben.

Im Dunkeln suchen, ist schwierig, also wartete ich bis heute Morgen. Kaum war ich auf der Mutter des Vermissten losgeritten, traf ich einen Bekannten. Der guckte sich seltsam um, druckste etwas, und sagte dann, er wisse, wer mein Pferd habe. Nämlich Y, nennen wir ihn João. Der sei gestern auf ihm geritten. Morgens schon und abends wieder - im übernächsten Dorf. Aber das solle ich bitte niemandem sagen, dass er mir das verraten habe. Ein paar Hundert Meter weiter fand ich meinen Hengst. Angebunden vor der Tür eines Pferdebesitzers und Bekannten von João. Dieser Pferdebesitzer, nennen wir ihn Manoel, kam gleich aus seinem Haus, als er das freudige Willkommensgewieher meines Hengstes hörte und erklärte mir Folgendes: Ich solle doch bitte besser Acht geben auf mein Pferd. Weil der nämlich ständig hier aufkreuze und sein Pferd schon mal übel zugerichtet habe. João habe ihn herrenlos und ohne Seil herumirrend gefunden und netterweise hier angebunden. Gestern abends sei das gewesen. Und wenn ich nicht besser Acht gäbe, könne es ja sein, dass ich mein Pferd verliere, nicht jeder sei so nett, es gleich wieder anzubinden.

Das Pferd hatte einen blutigen Nasenrücken, typische Spur brutaler Reiter, die einen verletzenden Nasenbügel dazu einsetzen, das Pferd besonders markig zum Stehen zu bringen. Ich macht Manoel halbwegs elegant darauf aufmerksam, dass João mit meinem Pferd gesehen worden war. Nachmittags. Reitend. Im übernächsten Dorf. Hhm, sagte Manoel ausweichend. Der João habe so Anfälle, dann sei er unterwegs wie ein Verrückter. Er selbst sei schon manchmal sauer geworden deswegen, habe dann aber doch nichts gesagt, weil der João an sich ein guter Junge sei. Wenn er nicht diese Aussetzer habe. Aber auf mein Pferd solle ich wirklich Acht geben. So ein Hengst, der gut unter dem Sattel und vor der Kutsche geht, da gäbe es viele Interessenten. Ich speicherte Manoels Telefonnummer, um ihn in Notfällen anrufen zu können, bedankte mich für die Hilfe, ließ vorsichtshalber auch Dank an João ausrichten und ritt nachdenklich zurück.

Was wollte Manoel mir sagen? Dass João unzurechenbar sei und es nicht lohnen würde, ihn auf sein Verhalten anzusprechen? Dass er es auf mein Pferd abgesehen hatte, und es demnächst einfach verkaufen würde, wenn ich es nicht in einem abschließbaren Stall versteckte? Dass nicht nur João mein potentieller Feind war? Ich grübelte, bis ich mit meinem Hengst zuhause angekommen war, aber es blieb immer noch ein Hauch von Unverständnis: Manchmal ist deutsche Direktheit eine schöne Sache.


PS. Gehalten habe ich es dann doch lieber wie die Brasilianer: Habe überall - ohne Namen zu nennen - herum erzählt, dass einer angeblich mein Pferd gefunden habe, aber weit vorher bereits fröhlich herumreitend damit gesehen worden sei. Da hier jeder jeden kennt, wird das João garantiert zu Ohren kommen. So hat er einerseits sein Gesicht gewahrt, weiß aber andererseits Bescheid, dass ich Bescheid weiß. Ganz schön elegant, oder?

foto: rphebo
 
Add to Technorati FavoritesBloglinks - Blogkatalog - BlogsuchmaschineBrasilien