Montag, 8. September 2008

Hartes Durchgreifen in der Schnapsfrage

„Ich bin auch nur ein normaler Mensch“, sagte Fernando, als er mich vom Flughafen abholte. „Ich bin nicht besser oder schlechter als andere. Aber ich finde das gut, das neue Gesetz“. Was Fernando meinte, ist, dass er genau so gerne ein Bierchen trinkt, wie die meisten Brasilianer. Und, dass er trotzdem dafür ist, in der Schnapsfrage hart durchzugreifen. Das hat die Regierung nämlich soeben getan. Das Bundesgesetz nº. 11.705 ist im Juni in Kraft getreten und soll “den Konsum alkoholhaltiger Getränke für Fahrer von Kraftfahrzeugen“ unterbinden. Seitdem zeigt sich, dass die Schnapsfrage in Brasilien so etwas wie eine Glaubensfrage ist. Erbitterte hoch-emotionale Diskussionen hat das neue Gesetz ausgelöst. Eine Verfassungsklage gar. Und nur bei manchen Erleichterung und Zustimmung, wie bei Fernando.

Fernando ist vor allem am Wochenende für ein paar Gläschen unter Freunden zu haben. Meistens trinkt er die hier im Dorf und kann danach zu Fuß nach Hause gehen. Ganz vorsichtig - weil andere Sonntagstrinker derweil motorisiert die Straßen unsicher machen. Vielleicht ist Fernando deswegen so ausdrücklich für das Schnaps-Verbot. Durch das Internet ging nämlich eher ein Aufschrei des Protests. Zum Beweis, wie absurd das neue Gesetz sei, fanden Internauten Beispiele vom Muttertagsfest, bei dem künftig nicht ein einziges Bierchen getrunken werden dürfe, bis hin zum Pfarrer, der nach der Messe künftig zu Fuß nach Hause gehen müsse. Damit wir uns recht verstehen: Das neue Gesetz bedeutet Null Promille. Null Alkohol. Aus für das Bierchen vor der Heimfahrt, und Aus erst recht für das – unter Nordost-Großgrundbesitzern (und solchen, die das gerne wären) durchaus übliche - Glaschen Whisky on the rocks noch während der Fahrt.

Plötzlich findet sich Brasilien weit vor Deutschland, den USA oder seinen südamerikanischen Nachbarn unter den Ländern mit der strengsten Gesetzgebung, was die Promillegrenzen angeht. Noch sind sich die Medien nicht ganz einig: Ab 0,1 Promille ist der Lappen weg, heißt es in einem Artikel. In einem anderen scheinen 0,2 Promille und also ein kleines Glas Bier gerade noch durch zu gehen. Wer aber mehr als 0,6 Promille im Blut hat, kann jetzt sogar ins Gefängnis wandern. Bei 0,6 lag auch vorher schon die Grenze. Nur wurde die äußerst selten kontrolliert und ihr Übertrinken noch seltener bewiesen. Und das lag nicht nur daran, dass es Polizisten geben soll, die gegen ein kleines Trinkgeld sogar eindeutige Anzeichen von Trunkenheit übersehen: Brasilianer sind grundsätzlich nicht verpflichtet, „Beweise gegen sich selbst“ zu produzieren. Wenn einer sich also weigerte, ins Teströhrchen zu pusten, so war er im Recht – egal wie weit seine Fahne wehte. Damit soll jetzt Schluss sein. Das neue Gesetz sagt, wer sich weigert, zu blasen, kann mit Geldbuße bis zu umgerechnet 400 Euro und Führerschein-Entzug bis zu einem Jahr bestraft werden.

Fies und gemein ist das? Verfassungsfeindlich? Vielleicht. 35.000 Verkehrstote im Jahr verzeichnen die brasilianischen Statistiken, davon 75 Prozent unter Alkoholeinfluss. Psychiater Valdir Ribeiro Campos hat Ende 2006 eine Untersuchung zu Alkohol am Steuer in Belo Horizonte durchgeführt: Von den in Wochenends-Nächten befragten Autofahrern hatte jeder Dritte Alkohol im Blut, mehr als die Hälfte gab an, regelmäßig zu trinken, und jeder Dritte war bereits in einen Unfall verwickelt. Laut Untersuchungen sind in den ersten beiden Monaten seit dem neuen Gesetz knapp 20 Prozent weniger Menschen auf Brasiliens Straßen ums Leben gekommen als in den Monaten davor.

Präsident Lula, bekennender Cachaca-Liebhaber, hat die Schnapsfrage wie folgt zusammengefasst: “Ich weiß, dass diese Maßnahme gewissen Interessen widerspricht”, sagte er in einer Rede anlässlich der Anti-Drogen-Woche, “aber sie dient dem Wohl der gesamten Gesellschaft.” Recht hat er.

Kommentare:

Annealema hat gesagt…

Schön, dass Sie wieder schreiben!
Und Dank dem neuen Gesetz! Das war wirklich nötig. Ich habe noch nie so viele Menschen so leichtfertig mit ihrem und dem Leben anderer umgehen sehen wie in Brasilien.

Anonym hat gesagt…

Das erwischtwerden ist immer eine Frage des Geldes. Kostete für einen Bekannten von mir (1,5%0 beim Blastest) rude R$ 3.000 und er ging als freier Mann aus der Delegacia !!!!

Stefan hat gesagt…

Schön dass man wieder Artikel von Ihnen lesen kann! Hat mir gefehlt ..

 
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