Sonntag, 14. September 2008

Vertrauen in den König ohne Krone


Die Politiker sind alle Diebe. Haben viele Brasilianer früher geschimpft. Hätten sie mal nicht machen sollen. Denn jetzt ist es schlimmer geworden.

Wir sind ja wieder mitten im Wahlkampf mit allen dessen Annehmlichkeiten: billige Arbeitskräfte halten Plakatwände oder Flaggen mit den freundlich lächelnden Gesichtern der Kandidaten in die Gegend. Radler, Mopedfahrer und Autos beladen sich mit Lautsprechern, um frohe Botschaften auch in jedes noch so kleine Dorf zu schallen. Die Slogans sind bestechend ähnlich: Batata („Kartoffel“) vom kommunalen Radio wirbt ebenso um das Vertrauen der Wählerschaft, wie Chico aus der Pfingstkirche und Bucho („Bauch“) von den Stränden. Warum sie das verdienen, können sie nicht so recht begründen. Und genau das ist ja das Problem: es gibt nicht viel zu vertrauen. Wären die Brasilianer nicht gezwungen, zu wählen, würde womöglich kaum jemand hingehen, am 5. Oktober.

Zur Auswahl stehen ungefähr 380.000 Kandidaten: Bürgermeister und Abgeordnete wollen sie werden. Darunter etwa der wegen Korruptionsvorwürfen abgetretene Severino Cavalcante. Wie viele Diebe dabei sind, hat bislang keiner gezählt. Wenn man nach der Menge der Korruptionsskandale der letzten Jahre urteilen wollte: vermutlich viele. Außer geschätzten Dieben stehen – und das ist bewiesen – in diesem Jahr reichlich Mörder zur Wahl. Mitgeteilt hat das der Präsident der Wahlgerichtsbarkeit von Rio de Janeiro. Dort seien unter den diesjährigen Kandidaten 100 wegen Mordes verurteilt oder haben einen Menschen getötet. Politiker werden dürfen sie trotzdem. Das ist ihnen erst verboten, wenn sie in allerhöchster Instanz verurteilt sind. Sollte das Verfahren noch laufen sind sie wählbar. Und damit die Verbrecher nicht benachteiligt werden, darf das Gericht die Strafregister der Kandidaten nicht einmal veröffentlichen. Der TRE-Präsident hat also keine Namen genannt. Er wollte eigentlich auch niemanden schocken, mit seinen Worten. Er wollte nur begründen, warum sein Gericht einen Metalldetektor am Eingang braucht.

Angesichts dieser Geschichte scheint es ein echtes Privileg, hier auf dem Dorf zu wohnen, wo nur Bauch, noch Chico oder Kartoffel um unser Vertrauen werben. Vermutlich ist keiner von ihnen ein Mörder.

Außerdem dürfen sogar demokratisch einen Monarchen wählen, wenn wir wollen. Der „Rei“ läuft das ganze Jahr mit einer hübschen goldenen Krone herum, auch wenn er in seiner kleinen Kneipe am Straßenrand bedient. Sein Name ist ihm vom „König der Brillen“ übrig geblieben., als der er vor vielen Jahren Sonnenbrillen am Strand verkaufte. Und jetzt will der Rei in die Politik: „Nao pense duas vez, vote no Rei“, lautet sein etwas schütter gereimter Wahlspruch. Schade ist nur, dass ihm seine Partei den Gebrauch der Krone im Wahlkampf untersagt hat. War den Grünen wohl nicht vertrauensbildend genug, das Symbol der Macht und des Reichtums. Aber kann man einem König ohne Krone vertrauen?

Foto: Ricardo Phebo

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Bei 380.000 Kandidaten sind die 100 Mörder doch geradezu unter-
präsentiert und spiegelt keineswegs den brasilianischen Gesellschaftsdurchnschnitt wieder.
Warum? Nun in den letzten 28 Jahren sind in Brasilien ca. 980.000 Menschen ermordet worden die Zahl wird in diesem Jahr noch die der 1 Million übersteigen. Bei einer Aufklärungsquote von unter 3% laufen also immer noch hundertausende Mörder frei herum rechnet man diese Zahl auf die Kandidaten um so müßte die Anzahl der Mörder viel höher liegen.oder?

christine wollowski hat gesagt…

Vorsicht: die 380.000 Kandidaten sind landesweit wählbar, die 100 Mörder allein in Rio de Janeiro gezählt worden. Es fragt sich natürlich trotzdem, ob in einer Gesellschaft mit Verbrecheranteil, deswegen auch anteilsmäßig Verbrecher das Volk repräsentieren sollen.

 
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