Montag, 13. Oktober 2008

Ausverkauftes Blond, plötzlicher Rassismus und ein Todesurteil


Ich träume von langen Haaren. Immer schon. Jeder hat so seine kleinen Eitelkeiten und heimlichen Wünsche, warum also nicht lange Haare. In Brasilien ist der Wunsch naturgemäß eher noch stärker geworden. Neben all den herrlichen langen, dichten Locken, die hier so durch die Gegend schwingen, sieht mein eigener Flaum noch dünner aus als sonst. Ich weiß, dass manche hiesigen Lockenbesitzerinnen ihre Pracht ohne zu zögern gegen meinen Flaum tauschen würden – weil er blond ist. Das nutzt mir aber wenig, denn bekanntlich sind die Zeiten vorbei, in denen das Wünschen noch geholfen hat.

Oder auch nicht. Vor ein paar Monaten in Rio weckte eine Freundin neue Hoffnung in mir. Sie war gerade dabei, einem Bekannten lange Rastazöpfe zu flechten. Nicht, dass der Bekannte lange Haare gehabt hätte, er hatte einen dürren drahtigen Krauskopf, bevor sie mit dem Flechten anfing. Dank diverser Pakete „Dream Hair“ konnte er einige Stunden später eine Fülle winziger Zöpfchen weit über seine Schultern schwingen lassen. „Das mache ich dir auch“, versprach meine Freundin, „du musst nur die Haare kaufen.“

Ich lernte eine Straße in Rios Zentrum kennen, die ich nie zuvor betreten hatte und in der sich ein Falsch-Haar-Laden an den anderen reiht. Manche verkaufen auch Echthaar-Implantate, da kostet eine knappe Handvoll blonden Flaums – allerdings gute 60 Zentimeter lang – lockere 80 Euro. Dream Hair hingegen gibt es ab umgerechnet 2 Euro 50 das Päckchen. Nur nicht in Hellblond. Jedenfalls nicht an diesem Tag und auch nicht am nächsten und übernächsten. Ich fuhr fünfmal ins Zentrum, solange ich in Rio war, aber Hellblond blieb ausverkauft. „Das liegt daran, dass Blond unter den Käuflichen in Copacabana gerade in Mode ist“, tröstete mich meine Freundin. Zurück zu Hause musste ich feststellen: In Recife war Hellblond auch ausverkauft.

Fündig wurde ich Monate später - in Berlin. Geflochten hat dann eine Ghanaesin in München, deren Deutsch weniger weit reichte als ihre Geduld: So blieb unsere Unterhaltung sehr bruchstückhaft, während der Sitzung. Die ersten vier Zöpfchen ergaben ungefähr die Dicke meiner Echthaare, und knappe zehn Stunden später konnte ich unzählbar viele Rastazöpfe nahezu in meiner eigenen Haarfarbe aber von einer Länge bis weit unten auf den Rücken schwingen! So viel Haar hatte ich noch nie. Beinahe hätte ich meine persönliche Fee zum Abschied geküsst.

Wenig später zurück in meinem Fischerdorf, kam meine neue Haarpracht nicht ganz so gut an wie in Deutschland, wo die Zöpfe allen gefallen hatten. Im angeblich so gar nicht rassistischen Brasilien bekam ich Bemerkungen zu hören, wie: „Wenn jetzt die Weißen anfangen, Schwarze sein zu wollen, da hört sich doch alles auf!“ Oder „Dabei hatte sie so schöne Haare…“ Meine Ex-Friseurin drohte gar: „Dir werden die ganzen Haare ausfallen, du wirst schon sehen!“

So weit ist es nicht gekommen: Letzte Woche musste ich mich amputieren.

Schon ein paar Nächte lang hatte ich schlecht geschlafen, weil mich ein lästiger Juckreiz plagte. Ich dachte an Ameisen im Bett und suchte vergeblich. Bis ich im Haus einer Freundin über mein Leiden klagte. Die bekam ein schuldbewusstes Gesicht und fing an, auf meinem Kopf herum zu zupfen. Dann zerknackte sie etwas Undefinierbares zwischen Daumen und Zeigefinger und murmelte: „Ich fürchte, du hast auch welche abbekommen. Meine Tochter hat Läuse aus der Schule mitgebracht.“ Klang leider sehr plausibel. Die kleinen Knäuel, die meine nachwachsenden Haare am Ansatz inzwischen gebildet hatten, waren sicher ideale Laus-Nester. Kein Problem, Läuse loszuwerden: Einfach an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen die Haare mit Anti-Kopflaus-Shampoo waschen, das Ganze nach einer Woche wiederholen, fertig. Also ab in die Apotheke, Flasche Shampoo gekauft und nach Hause. Da entdeckte ich noch einen Hinweis in der Packungsbeilage: Haare so kurz wie möglich halten und mehrmals täglich mit dem feinen Kamm durchkämmen. Das war das Todesurteil für meine Zöpfe.

Ich machte noch ein Abschiedsfoto und schnitt sie ab, einen nach dem anderen. Lächerliche zwei Stunden später hatte ich meinen Flaum wieder. Der kam mir jetzt im Gegensatz so kärglich vor, dass ich mir ein Tuch umband, als ich das nächste Mal aus dem Haus ging. Unterwegs traf ich eine Bekannte, die mich prüfend ansah und mitleidig fragte: „Was ist mit deinen Haaren passiert? Hast du sie abgeschnitten?“ Ich gestand ihr die Geschichte und sagte traurig: „Vermutlich finde ich hier nie wieder jemanden, der mir neue Zöpfe flechten kann.“

„Ich kann das“, sagte meine neue Fee, „du musst nur die Haare kaufen, dann mache ich dir neue Zöpfe.“ Wenn nur das Blond nicht wieder ausverkauft ist.

1 Kommentar:

Wolfgang hat gesagt…

Na! Sie trifft es aber auch immer so hart in Ihrem Leben und mit blonden Haaren eilt Ihnen ja noch so ein „Ruf“ voraus, mit dem Sie sicher so zu kämpfen haben!
Da Sie aber eine Fotografin sind, würden mehr Fotos Ihr (Blog) "Leben in Brasilien" verschönern.

 
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