Dienstag, 14. November 2006

Ein kleines Hotel am Strand - deutsche Lebensträume in Brasilien

Wir Deutschen haben nicht gerade den Ruf, das phantasievollste Volk der Welt zu sein. Vielleicht fasziniert uns deswegen Brasilien mit seinen Überlebenskünstlern so. Die Deutschen stehen unter den europäischen Brasilienurlaubern an zweiter Stelle (gleich nach den Portugiesen), und die meisten kommen mehr als einmal. Kein Wunder, daß mancher irgendwann von einem Aussteigerleben unter ewiger Sonne an einem palmenbestandenen Strand träumt. Wie kann ich an einem solchen Paradies leben, und trotzdem Geld verdienen, fragen sich die deutschen Brasilienfans. Und finden flugs eine Antwort: Ja, klar, das ist es – ein kleine nettes Familienhotel an einem idyllischen Ort aufmachen. Wer nicht vom Hotel träumt, macht ein Restaurant auf, und damit ist die Bandbreite der Kreativität auch schon am Ende. Neun von zehn Deutschen, die ich hier treffe, haben ein kleines Hotel am Strand. Glücklich sind viele meiner Mit-Deutschen in Brasilien trotzdem nicht.

Mein Nachbar hat einen halben Lebenstraum verwirklicht. Er besitzt etwas, das mal ein Familienhotel werden will. Auf seinem großen, sorgfältig gemalten Schild heißt es: „Pousada, hier sprechen wir Deutsch“ – beinahe wie im Film von Gerhard Polt. Pousada heißt Pension auf Portugiesisch. Auf dem Schild zeigt ein Pfeil die Richtung, aber eine Pension ist nicht zu entdecken. Statt dessen steht in der Pfeilrichtung ein Rohbau, davor wartet der Betonmischer auf Handwerker, die nie kommen: vielleicht ist dem Besitzer nach dem Schildermalen das Geld ausgegangen. Immerhin steht die Bauruine seiner Träume direkt am Strand – und vielleicht ist mein Nachbar glücklich. Vielleicht wohnt er auch gar nicht mehr hier: Ich habe ihn noch nie gesehen.

Karl hat seinen Lebenstraum aufgegeben. Er hatte sich ebenfalls in einen Strandort verliebt, hat eine Erbschaft gemacht und - ja genau - beschlossen, ein kleines Hotel aufzumachen. Weil Karl nicht – wie der andere - sein ganzes Geld für das Grundstück ausgeben wollte, kaufte er keine Strandlage. Und ist jetzt chronisch pleite und Besitzer eines kleinen Hotels mit neun Zimmern und einem großen Garten, das niemand findet, weil es in einer der kleinen Hinterstrassen des Orts versteckt liegt. Karl stellt schon lange keine Schilder mehr auf oder macht sonstwie Werbung für sein Hotel. Er lebt überwiegend in seinem Garten, wo er Orchideen züchtet und Bananen pflanzt: die Orchideen verkauft er gelegentlich an Sammler und die Bananen kann er immerhin essen.

Thomas hat seinen Lebenstraum satt. Dabei ist sein kleines Hotel fertig gebaut – für die letzten Zimmer hat sich Thomas seine Lebensversicherung auszahlen lassen, denn zurück wollte er sowieso nicht mehr. Dann ist sein Ort vom Geheimtipp für abgebrannte Rucksackreisende zum Lieblingsferienort für hippe Typen aus Europa und Brasilien avanciert und die einst einsame Lage von Thomas’ Hotel zum idealen Standort abseits des Trubels. Das heißt: Thomas kann von seinem Hotel leben. Er muß nicht mal mehr viel arbeiten, Zimmermädchen, Köchin und Gärtner machen ihren Job zuverlässig. Jetzt schaukelt Thomas meistens in der Hängematte und guckt auf den idyllischen Strand. Tolles Leben? Findet Thomas nicht. Die ersten Jahre, als das Geld endlich gereicht hat, seien ja noch ganz nett gewesen, sagt er. Aber immer nur auf den Strand gucken! Manchmal frage er sich schon, warum ihm nichts Besseres eingefallen ist.

Klaus-Dieter ist glücklich ohne Lebenstraum. Sein Traum war die Pension, die er vor zwanzig Jahren von seinen Ersparnissen gebaut hat. Die lief so schlecht, daß Klaus-Dieter sich schon bald als Fremdenführer auf Ökotouren durch den Wald versuchte. Aber den Brasilianern war es zu heiß im Tropenwald – Strandurlauber wollen hier lieber im Schatten sitzen, als bei sportlichen Aktivitäten zu schwitzen. Also hat Klaus-Dieter ein Restaurant aufgemacht. Nachdem er das Restaurant mangels Gästen wieder schließen mußte, hat er eine Räucherkammer gebaut und Hühnerbrüste und Fische geräuchert. Das war so exotisch, daß sich dafür sogar Kunden fanden. Nur zum Leben hat der Verdienst wieder nicht gereicht. Vor einiger Zeit erzählte mir Klaus-Dieter, er habe die Dauerpleite satt, er werde jetzt in die Politik gehen. Kürzlich traf ich ihn wieder: Klaus-Dieter hat jetzt einen Job als Umweltsekretär eines winzigen Ortes und dafür sogar die brasilianische Staatsangehörigkeit angenommen. Als Umweltsekretär verbringt er den halben Tag im eisgekühlten Büro und die andere Hälfte des Tages in stickigen öffentlichen Transportmitteln - am Strand ist er so gut wie nie. Aber glücklich ist Klaus-Dieter. Vielleicht, weil er selbst zum Überlebenskünstler geworden ist.

1 Kommentar:

David hat gesagt…

... verdadeiramente, não é fácil!



Nach dem Kommentar zum Salário Mínimo, noch ein paar Gedanken hierzu:

Ja, in der Tat übt Brasilien eine Faszination aus, gerade auf Deutsche.

Und oft kommt dabei der Gedanke auf, ob es nicht möglich wäre, das Angenehme mit dem Notwendigen zu verbinden. Ob es sich nicht machen ließe, seinen Lebensmittelpunkt dorthin zu verlagern, wo andere Urlaub machen. Und sofern dort dann nicht von einer Rente oder Zinsen gelebt werden kann und auch kein reicher Erbonkel da ist, so liegt oft der Schluß nahe, sein Glück doch in irgendeinem Bereich des Tourismus zu versuchen.

(Auch viele Leute, die aufgrund ihrer Arbeit Brasilien kennenlernten und dann Gefallen am Land und der brasilianischen Art fanden, tragen sich mit solcherlei Gedanken.)

Ob wir uns nun das Beispiel von "Karl", "Thomas" oder "Klaus-Dieter" nehmen: Solche gibt es viele, und bei weitem nicht nur in Brasilien. Und leider bescheren wohl viele von deren Versuchen nicht halbwegs den Erfolg, welcher zumindest erhofft wurde.

Freilich, jeder Schritt in die eigene Selbstständigkeit ist ein Wagnis ohne Erfolgsgarantie.
Viele Leute, die sich dann als Auswanderer selbstständig machen wollen, waren es zuvor nicht und erliegen auch dem Reiz dessen, „endlich sein eigener Chef zu sein“. Eher wenige haben hingegen im Bereich Tourismus Erfahrung und fundiertes Wissen.

Und einen "Selbstläufer" gibt es nicht. Ideen reichen oft nicht, es braucht einen Background an Wissen. Und Stehvermögen, mental, physisch, und finanziell. Was auch heißt, finanzielle Engpässe überbrücken zu können. So oder so ähnlich sagte das bereits einer der berühmtesten Immigranten, der Juwelier Hans „Agga“ Stern: Wer in Deutschland nichts fertig brächte, der würde dies in Brasilien auch nicht schaffen. Seine Auswanderung war ja keineswegs ein exotisch angehauter Wunschtraum. Vielmehr ging es um den eigenen Fortbestand überhaupt. Er, als jüdischer Deutscher, auf der Flucht vor einem totalitären Regime. Und, er hatte eine kaufmännische Basis, auf der er aufbauen konnte. Freilich, Hans Stern war ein Visionär mit Zielen enormem Stehvermögen und dem Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort das Richtige getan zu haben. Er sah sich selbst als Schaffer, und das eben in Brasilien, weniger verstand er sich als Urlauber oder einen „Das-Leben-Genießer“. Insofern ist seine Story zwar gut, um den eigenen Traum zu beflügeln. Aber dennoch nicht repräsentativ, wenn es darum geht, anhand seines Exempels den eigenen Erfolg zu messen.

Sehr viele, von deutschen Immigranten stammende, Brasilianern leben heutzutage in sehr einfachen Verhältnissen. Wie das Leben so spielt: Einst begab ich mich morgens in eine der vielen Bäckereien. Ich war dort, um zu frühstücken, es gibt sehr guten, frischen Orangensaft aus Früchten mit noch grüner Schale. Dazu ein typisches „chapa“, ein einer Pfanne mit Butter angeröstetes Brötchen, zu essen. Dazu bevorzugte ich oft einen, nun eher Brasil-untypischen „café com muito leite, mas sem açúcar, se faz favor“, einen Kaffee mit Milch, dafür aber ohne Zucker (Zucker und das Süßen damit ist in Brasilien ja ein Thema für sich, wie ich erleben durfte).

Und so war ich am frühstücken, als plötzlich betritt ein gut 60jähriger, vom Leben schon etwas gezeichneter, Mann die Bäckerei, welche zugleich auch Kneipe, Bar und „Tante-Emma-Laden“ mit Treffpunkt-Funktion ist. Der Herr wird, vom immer zahlreichen Personal, sogleich davon in Kenntnis gesetzt, dass ein „echter Deutscher“ zugegen sei. Und der Mann fragt, ob ich wohl der Deutsche hier sei? Dies, in einem deutschen Dialekt. Das ganze noch, fernab der traditionell deutsch-geprägten Stätten des brasilianischen Südens. Hier, wo nicht damit zu rechnen gewesen wäre, auf die eigene Sprache zu treffen.

Und so kommt man ins Gespräch. Es gab ja mehrere Wellen von deutschen Auswanderern, die es nach Brasilien zog. Einmal lockte die Kirche nebst Missionaren auch Handwerker und Leute vom Land nach Argentinien und Südbrasilien, um sich dort mit niederzulassen. Dann gab es Menschen, die fassten zu einer anderen Zeit selbst den Entschluß, Deutschland hinter sich zu lassen, aufgrund von Hunger, schlechten Zukunftsaussichten und der Hoffnung, sich anderswo selber etwas schaffen zu können, gegenüber dem Dasein als Dienstboten in Deutschland, etwa zur Wende zum 20. Jahrhundert…

Einen solchen Brasilianer deutscher Wurzeln durfte ich treffen.
Und was ich sah, weil es mir wirklich vor Augen geführt wurde:

Sie leben in kleinen, einfachen, eingeschossigen Häusern, auf kleinen Grundstücken. Und sie fahren oftmals noch Fahrzeuge, welche in Deutschland schon vor Jahrzehnten aus dem Straßenbild verschwunden sind, seien es „VW Variant“ oder der berühmte „Käfer“, welcher in Brasilien „Fusca“ heißt. Diese Fahrzeuge sind mitunter in einem technischen Zustand, der von deutschen Sachverständigen wohl als „nicht mehr verkehrstauglich“ bewertet werden würde. Dazu gehen diese Leute einfachen Tätigkeiten nach, die entsprechend gering entlohnt werden. Bescheidene Verhältnisse.

Diese finden darin ihre Fortsetzung, daß nahezu jegliche bessere Bildung und Ausbildung Geld kostet, welches die einfachen Leute nicht haben. Deswegen sind die Leute nicht unglücklich.

Was sein größter Wunsch sei, fragte ich meinen Quasi-Landsmann. Daß er einmal wirklich Deutschland besuchen könne, um zu sehen, wo seine Familie her sei. Deutschland sei ein schönes Land, habe er gehört. Aber es fehle am Geld, allein einen Flug könne er sich nicht leisten. Und es sei auch nicht absehbar, dass sich diese momentane Tatsache jemals ändere. Er selbst, Cláudio, komme aus dem Süden. Sei dann aber aus Gründen der Arbeit zum Migranten innerhalb Brasiliens geworden. Und es ist zu beobachten, wie sich das Deutsch, welches er noch verhältnismäßig gut beherrscht, im Laufe zweier Generationen in seiner Familie verliert. Die Kinder sprechen und verstehen noch einzelnen Worte. Bei den Enkeln jedoch erinnert allenfalls der Nachname noch daran, dass sie auch deutsche Ahnen haben.
Mit diesem Beispiel kann man sich einmal bildlich vor Augen führen, was es heißt, in Brasilien ein einfaches Leben zu führen. Bestimmt ist es möglich, damit ebenso zu einer inneren Zufriedenheit zu kommen, wenn man seine Ziele nicht so hoch steckt. Wahrhaftig hat ein solches Leben aber nicht mehr viel mit Urlaubsidylle gemein.

Immer wieder mal trifft man dann in Brasilien, auch auf dort lebende Deutsche. Auswanderer jüngerer Vergangenheit, wenn man so will.

Dabei sehen sich manche gar nicht als unbedingte Auswanderer. Manche etwa wurden im Auftrag einer deutschen Firma anfänglich nach Brasilien geschickt, und alles Weitere ergab sich dann, Schritt für Schritt. Sie kamen beispielsweise erneut beruflich ins Land, erklärten sich darauf hin einverstanden mit einem längerfristigen dortigen Engagements, welches dann erneut verlängert wurde, heirateten vielleicht, Familie mit Kindern. Und irgendwann hat sich faktisch eine dauerhafte Rückkehr nach Deutschland erübrigt. Was auch zeigt, vieles im Leben ergibt sich, „einfach so“. Nicht alles lässt sich planen. Letztgenannte sind oft Leute, die sich erfolgreich einleben, weil die begleitenden Umstände gepasst haben: Ein Job, der gutes Auskommen, Sicherheit und Perspektive bot.

Das ist selbst für Brasilianer erstrebenswert. Und manche jungen, ungebundenen Leute dort wären bereit, für eine gute Arbeit sogar ihr Land zu verlassen. Das will etwas heißen.

Um auch hier noch einmal auf die drei genannten, „Karl“, „Thomas“ und „Klaus-Dieter“ zu kommen, so könnte eine Erkenntnis auch auf das Sprichwort führen, welches besagt: „Schuster bleib bei Deinen Leisten“. Wer qualifiziert ist und Gelerntes anwenden kann, hat die Nase vorn und grundsätzlich die besseren Karten.

Weniger will ich mit diesem Rat Leuten die Träume nehmen, die zweifelsohne jeder haben soll. Nur ist es aber auch bitter, hart erspartes Geld zu verlieren und viel Arbeit und Hoffung in eine Geschäftsidee zu stecken, die am Ende keine Früchte trägt. Sprich, besser könnte es sein, sich auch als Brasilien-Immigrant indem zu versuchen, was man souverän beherrscht (wie etwa die Initiatorin dieses Blogs), als sich, im ohnehin „neuen“ Land, auch noch beruflich total neu positionieren zu wollen.


Anpassen muß man sich ohnehin schon an Kultur, Sprache und die landestypischen Gegebenheiten. Mein eigener beruflicher Hintergrund ist technischer Natur. Deshalb zur Verdeutlichung ein einschlägiges Beispiel: Ein deutscher Automechaniker oder Elektroinstallateur werden feststellen, dass ihre brasilianischen Kollegen oft ganz andere Herangehensweisen und Möglichkeiten haben, als es in Deutschland/Europa der Fall wäre. Sehr vieles dauert ungemein länger, oft muß zu Lasten der Qualität improvisiert werden. Viele Werkzeuge und Materialien, welche daheim in Deutschland vorrätig oder dank Express-Lieferdienst und vergleichsweise kurzen Wegen kurzfristig verfügbar sind; Solche Dinge gibt es in Brasilien oftmals nicht oder sind nur unter zeitlichem und finanziellen Mehraufwand „vielleicht“ zu beschaffen. Und Zoll-Modalitäten tun ihr übriges. Dies begegnet einem im beruflichen Wirken. Alltäglich, anhand vieler, ganz banal anmutender Beispiele.



Es gibt in Brasilien Universitätsabsolventen, die sprechen nicht eine einzige Fremdsprache.
Außer Frage und in Brasilien sehr wichtig ist, gewisse sprachliche Fertigkeiten im Portugiesischen zu besitzen. Selbst wenn man nur befristet beruflich dort wäre, so sind Sprachkenntnisse ein „Türöffner“ in vielen Bereichen. Auch, um sich in der vielleicht knapp bemessenen Freizeit etwas vom Land und die Leute erschließen zu können, sowie grundsätzlich in der Lage zu sein, etwas auf eigene Faust zu unternehmen.

In Brasilien fällt eines schnell auf: Daß dort Menschen mit Kenntnissen in anderen, sog. "gängigeren" Fremdsprachen, wie Englisch oder Französisch, die Ausnahme bilden. Selbst Spanischsprechende sind, trotz vieler spanischsprachiger Nachbarländer, eher die Ausnahme.

Gründe dafür mögen einem nicht so hohen Niveau der öffentlichen Schulen sein. Als auch, daß Brasilien aufgrund seiner enormen Größe von den allermeisten Brasilianern kaum verlassen wird. Womit sich die Notwendigkeit von Fremdsprachenkenntnissen für die allermeisten Brasilianer erübrigt.

Was von Brasilianern sehr positiv angenommen wird, ist alleinige Versuch von Ausländern, sich anzupassen, portugiesisch zu lernen. Selbst wenn das eigene Sprachvermögen noch auf wackeligen Beinen steht. Hier werden gemachte Fehler großzügig verziehen, es geht darum sich zu verstehen, nicht um ein sofortiges Perfektsein.


Fazit: Brasilien unterscheidet sich von Deutschland durch weit mehr als die Sprache und das bessere Wetter.

Es gibt aber auch Möglichkeiten, für qualifizierte Leute. Brasilien verzeichnet ein Wachstum in vielen Bereichen. Brasilien hat angesiedelte deutsche wie europäische Unternehmen, wo es mitunter Möglichkeiten gibt, Fuß zu fassen.


!Gutes neues Jahr 2009!

 
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