Samstag, 3. Januar 2009

9000 Quadratmeter Beton und ein kleines Familientreffen


Wenn Sänger wie Caetano Veloso und Maria Bethania ihrer Mutter ein Denkmal setzen wollen, ist das einfach: Sie schreiben ein Lied. Oder mehrere. Das kostet nichts und wirkt einwandfrei: In Brasilien – und teilweise sogar darüber hinaus - ist Dona Canô beinahe ebenso bekannt, wie ihr Star-Nachwuchs.

Weniger künstlerisch begabte Typen haben es schwerer, ihre Erzeugerin für die Nachwelt zu erhalten. Dona Lindu kennt noch kaum jemand. Der nach ihr benannte öffentliche Raum Parque Dona Lindu in Recifes Strandviertel Boa Viagem war zwar eine kostspielige Angelgenheit, wurde aber erst vor ein paar Tagen eingeweiht. „Öffentlicher Raum“ sage ich, um mich aus dem örtlichen politischen Hickhack rauszuhalten, denn ob es sich bei dem Werk um einen Park handelt, darüber streiten sich die Recifenser seit vielen Monaten. Auf jeden Fall war er teuer: 29 Millionen Reais für rund 3,3 Hektar, ein Drittel davon, beinahe ein Hektar, bestehend aus Beton und bereits nach seinem Hundertsten geplant von Stararchitekt Niemeyer, der dafür die Summe von zwei Millionen berechnete. Das nennen jetzt manche größenwahnsinnig oder pharaonenhaft.

Angefangen hat es - zugegeben deutlich bescheidener - mit einer Idee der Stadtviertel-Bewohner. Die liefen immer wieder an dem riesigen Brachlandareal direkt am Meer vorbei und guckten begehrlich auf Kokospalmen und Büsche. Das teure Boa Viagem ist nämlich so trefflich und vor allem wirtschaftlich genutzt, dass für jeden Einwohner statistisch weniger als ein Quadratmeter Grünfläche bleibt. Weil dieses ungenutzte Grün keinem Investor gehörte, sondern der Marine, kommt irgendeiner auf die Idee, Unterschriften zu sammeln und eine Spende zu erbitten: die Marine soll das Filet-Grundstück an die Gemeinde Recife verschenken, damit die dort einen öffentlichen Park einrichtet. 17.000 Unterschriften kommen schnell zusammen. Das war im Jahr 2004.

Knapp ein Jahr später gelingt es dem Bürgermeister, nach Gesprächen mit der Aeronautica, dem Verteidigungsminister und anderen, endlich auch mit Präsident Lula über das Projekt zu sprechen. Von da an wird alles anders. Zwölf Tage nach dem Telefonat gibt Lula die Abtretung des Geländes an die Gemeinde bekannt, weitere zwei Wochen später sind bereits alle nötigen Dokumente unterzeichnet. Beeindruckend. Wessen Idee es dann war, das Ganze nach der verblichenen Mutter des Präsidenten zu nennen, verschweigen alle Beteiligten. Die Spitznamen von Mutter und Sohn passen jedenfalls prima zusammen; und Dona Lindus vollen Namen Eurídece Ferreira de Melo kennt vermutlich schon lange niemand mehr. Offizielle Begründung für die Namenswahl: Dona Lindu sei eine typische Nordostfrau, die mit ihren sieben Kindern ohne Mann vor Not und Trockenheit aus Pernambuco nach Sao Paulo floh – darunter, und das ist weniger typisch, der künftige Präsident Lula. Arschkriecherei nennen das manche böse. Dona Lindu sei nie auch nur bis nach Recife gekommen und habe erst recht nichts für den Bundesstaat und seine Bewohner getan, um ein so üppiges Denkmal zu verdienen. Ersatzweise schlagen unzählige Internauten in Kommentaren ihre eigenen Mütter, Großmütter, Cousinen und andere weibliche Verwandte als Namensgeber vor, die ebenfalls Kinder allein durchgebracht hätten. Oder wenigstens einen Künstler, Schriftsteller – kurz: einen nicht politisch besetzten Namen einer Person, die sich um die Stadt verdient gemacht hätte.

Dass Lulas Mama mit der Stadt Recife nichts zu tun hat, stört mich gar nicht so sehr. Eher schon, dass man aus den Luxus-Bauten des Parks nicht mal das Meer sehen können soll. Oder dass die heiß erwarteten, angeblich erwachsenen Bäume, die den Parkbesuchern Schatten spenden sollen, noch immer nicht gepflanzt sind. Oder dass die Planer mit der zum Denkmal gehörenden Skulptur „Os retirantes“, das die typische Nordostflüchtlingsfamilie darstellt, einem ungelösten Problem ein Denkmal gesetzt haben – und nicht etwa einer Lösung. Bis heute rattern Lkws voller Flüchtlinge aus dem ganzen Nordosten Richtung Sao Paulo – genau wie der, auf dem damals Lindu und Lula unterwegs waren (übrigens auf Freifahrschein, weil sie das Fahrgeld nicht aufbringen konnten – so großzügig sind die Lkw-Fahrer wohl heute nicht mehr). Weil bis heute keiner eine Lösung für die Probleme Hunger, Not, Trockenheit sowie Struktur- und Bildungsmangel im Nordosten gefunden hat. So gesehen wäre es doch eine hübsche Idee, in Rio demnächst ein Denkmal für die „Favelados“ aufzustellen, für all die Hunderttausenden Slum-Bewohner, die aus Not keine Alternative haben, als die billige Unterkunft im illegalen von Drogenbossen und paramilitärischen Milizen dominierten urbanen Raum.

Aber darum geht es natürlich gar nicht. Hier haben sich – so darf vermutet werden – Politiker und Geschäftsleute diverse Gefallen getan. Der scheidende Bürgermeister von Recife hat sein Großwerk geschickt noch schnell vor der Amtsübergabe eingeweiht und beim Präsidenten bestimmt auf längere Zeit einen dicken Stein im Brett. Womöglich nicht nur beim Präsidenten: Das neuste stadtplanerische Werk in Boa Viagem hat in seinen zwei Jahren Planungs- und Bauphase eine Kostenexplosion erlebt, die erstaunlicherweise kaum kommentiert wurde: die neuerdings genannten umgerechnet fast 10 Millionen Euro Gesamtkosten sind das Doppelte der ursprünglich veranschlagten Summe.

Wer sucht, findet weitere Unstimmigkeiten: So hat etwa die benachbarte Hauptstadt des Bundesstaats Paraiba ebenfalls ein Niemeyer-Werk bekommen. Ebenfalls einen sogenannten Park. Mit ganz ähnlichen Bauwerken und sogar deutlich mehr Grünfläche. Der ist allerdings viel billiger. Unter anderem (aber nicht nur!), weil Niemeyer den Joao Pessoanern das Projekt geschenkt hat. Ob er das bei den anderen Nordost-Städten, die sich bald ebenfalls mit Niemeyer-Parks schmücken können, ebenfalls getan hat, weiß ich nicht. Könnte aber sein, dass unser beileibe nicht reiches Recife den Prototyp für alle anderen mit finanziert hat. Dabei mag jeder selbst entscheiden, ob dieser Prototyp nun ein Park ist, ein Platz, ein Vergnügungszentrum oder antidemokratischer Frevel, wie manche behaupten.

Jedenfalls ist der Präsident persönlich zur Einweihungsfeier gekommen. Auch wenn noch nicht viel fertig war, und sich vor dem Rohbeton reichlich zerrupfte Rest-Palmen im heißen Sommerwind wiegten: Es gab ein hübsches kleines Familienfest mit Musik vom immerhin aus der Nachbarstadt Olinda stammenden Sänger Alceu Valenca und nur wenig Proteste. Wenn einer 23 Brüder, Cousins und Neffen um sich versammelt, kann man das doch ein kleines Familienfest nennen, oder? So viele Verwandte des Präsidenten waren gekommen, das Denkmal für Dona Lindu zu sehen. Wer weiß, vielleicht ist sie bald ebenso bekannt wie Dona Canô.

Kommentare:

G.M. hat gesagt…

Dabei sind Sie mit dem Park noch recht bescheiden davongekommen, sie sollten mal die Entstehungsgeschichte des Memorial Frei Damião in Guarabira/PB recherchieren. Eine Statue mit 34m (inkl. Sockel) nur wenig kleiner als der Cristo Redentor in Rio.

So richtig sauber ging es in Guarabira auch nicht zu – jeder versucht halt seine Schäfchen ins trockene zu bringen und seinen Nutzen aus solchen Prestigeprojekten zu ziehen....

Stefan hat gesagt…

Zwerge unter sich:

Lula hat dem französischem Präsidenten Sarkozy ja auch U-Boote mit veralteter Technik für 5 Mrd. Euro abgekauft. Dazu kommen wohl noch einige Milliarden für Bomber, Jäger und Hubschrauber.

Die Zwerge waren bei Bekanntgabe ihres Deals so besoffen von der eigenen Machtfülle, dass beide vor lauter Testotseron kaum gehen konnten.

Stefan hat gesagt…

Ach ja,

das habe ich fast vergessen. Die ganzen Militärgerätschaften die Sarkozy an Lula verkaufte, sind natürlich notwendig - Achtung jetzt kommts - um die Ölplattformen im Meer zu schützen.

Keine Ölfördernation der Welt sieht einen besonderen Schutzbedarf ihrer Plattformen im Meer. Brasilien schon.

Man fragt sich natürlich was soll denn geschehen, wenn böse Menschen eine solche Plattform kapern? Werden die das Rohöl selbst verbrauchen ? Oder heimlich mit 300 Meter langen Tankern nach nirgendwo verschiffen? Ohne das es jemand merkt?

Das erinnert an die seltsame Behauptung der Brasilianer, das die USA (wahlweise ausländische Kräfte) das Amazonasgebiet okupieren wollen um an die Süsswasserreserven zu gelangen.

Kaffka lässt grüssen ..

David hat gesagt…

Den besagten Park als eine Art Denkmalsetzung kenne ich nicht; Brasilien ist in den täglichen Nachrichten hier in Deutschland ohnehin wenig präsent. Selbst die Unwetterwelle, welche vor geraumer Zeit den Staat Santa Catarina schwer erschütterte, war vielen Zeitungen und Fernsehberichten nur wenige Meldungen wert. Was uns selbst hier in Europa und Deutschland allerdings nicht verborgen bleibt, sind die beabsichtigten Rüstungsgeschäfte. Eben, weil wir selbst involviert sind, auch Deutschland an der Angebotsabgabe mit beteiligt war, als es um Weiterentwicklung/Kooperation bei den U-Booten für die brasilianische Marine ging. Die Deutschen hätten Brasilien eben gerne auch als Käufer für die eigenen U-Boote mit dem doch revolutionären Brennstoffzellenantrieb gesehen.

Nun belebt aber bekanntlich Konkurrenz das Geschäft und somit hat eben Frankreich diesmal das Rennen gemacht. Und, es ist einfach so, die Wahrnehmung eines Landes beruht, neben vielen anderen Dingen, auch auf dem militärischen Potential. Ein Streitthema, gewiss. Wobei Brasilien aus Expertenperspektive in Sachen Rüstung technologisch einfach nicht "up-to-date" ist, auch im Bereich der Landstreitkräfte. Am Beispiel von Kampfpanzern, hier findet Technik eine Verwendung, die hierzulande den Ruf des Vorgestrigen genießt.

Freilich darf man nicht außer Acht lassen, dass das Militär in Brasilien, auch durch die jüngste Geschichte, einen anderen Stellenwert hat, als z.B. momentan bei uns die Bundeswehr. Zudem, viele wahre Einsätze gibt es für die bras. Streitkräfte nicht, daraus ergibt sich auch eine nicht allzu sehr gegebene Notwendigkeit eines hochgerüsteten Militärapparates.

Hingegen wird ja bei den U-Booten von einer Art Schutzfunktion für die Förderplattformen genannt.
Taktische Unterseeboote können auch Patrouillen-Aufgaben wahrnehmen. Inwieweit es die Boote der deutschen Klasse 212 A, bzw. deren Vergleichtypen, anhand ihres Funktionsumfanges und den Kosten für Anschaffung und Unterhaltung. Dazu angemessen sind, einen adäquaten Beitrag zur Sicherheit der Off-Shore-Förderanlagen von PetroBras zu leisten, darf zumindest hinterfragt werden...

Was etwas überraschend ist, ist wie viel Bedeutung diesem Thema beigemessen wird, mit die heroische Art von Berichterstattung darüber. Auch weil Brasilien weder von feindlichen Nachbarn, noch von irgendwelchen äußeren Bedrohungen umgeben ist. Und welche finanziellen Aufwendungen dafür in kauf genommen werden. Während in Brasilien der Staat sich aus anderen Bereichen zurückzieht, in denen doch Lücken klaffen: Z.B. Wahrnehmung von Polizeiaufgaben in Favelas und deren Überlassung an andere Mächte, oder das öffentliche Schulsystem, welches auch finanzieller Mittel bedürfte. Militärisches Prestige kontra gegebenem Handlungsbedarf in anderen Bereichen, so erschließt es sich zumindest einigen Personen, mich mit inbegriffen. Und wie gesagt, soll keine Kritik an einem großartigen Land sein. So wie bei uns gilt “Die Gedanken sind frei”, sagt man genauso im Portugiesichen, “os pensamentos são livre”. Und so dürfen wir uns Gedanken machen, unsere eigenen.

 
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