Wenn die Sklaven ihre Feste feierten, stopften sich die Kolonialherren Watte in die Ohren und taten, als hörten sie die Trommeln nicht. Sie konnten den Sklaven das Feiern nicht verbieten, sie hatten es versucht und die Sklaven hatten heimlich weiter gefeiert, wenn die Götter es so wollten. Vielleicht waren die Verbote auch halbherzig geblieben, weil die weißen Kolonialherren Angst hatten vor der Macht der religiösen Rituale, vor Verwünschungen und schwarzer Magie. Das weiß heute keiner mehr so genau.
Magie jedenfalls gehört hier zum Alltag. In ihrer banalisierten Form tritt sie zum Beispiel als Badezusatz auf, der dem Käufer und Badenden für umgerechnet 40 Eurocents Freunde und Reichtum verschafft, ihn vom bösen Blick befreit oder einen begehrten Mensch in Liebe entbrennen läßt. Zu solchen Mittelchen kann jeder greifen, unabhängig vom Glauben. Flyer preisen die Dienste von Wahrsagerinnen, die gegen Gebühr das traditionelle Candomblé-Orakel aus Kaurimuscheln befragen – ebenfalls unabhängig vom Glauben. Von den komplizierten und vermutlich wirksameren Ritualen der „Terreiros“, der echten Glaubensgemeinschaften, findet der Laie bestenfalls Spuren: Auf einsamen Wegen liegen gelegentlich Hühnerfedern und Schnapsflaschen, oder Perlen und halbabgebrannte Kerzen – Reste eines Opferrituals oder eines „Trabalho“, eines Rituals, mit dem jemandem Gutes oder Schlechtes angetan werden kann. Candomblé ist kein Hokuspokus und hat im modernen Brasilien durchaus prominente Anhänger: Kultusminister Gilberto Gil bekennt sich dazu, ebenso wie der halbe Stadtrat von Bahia. So offen wird die Religion allerdings bis heute nur im schwarzen Salvador da Bahia praktiziert, wo sogar Touristen in Busladungen zu den Festen der Terreiros gebracht werden. Hier in Recife lebt der Candomblé versteckt.
Deswegen halte ich es zunächst für eine Halluzination, als mitten im schicken Strandviertel Boa Viagem direkt an der Strandavenida ein Linienbus hält, aus dem Frauen in Reifröcken und Rüschenblusen steigen, Männer in Leinenhosen und weißen Hemden, ausschliesslich Weißgekleidete. Weiß ist die Farbe des Candomblé. Es ist acht Uhr abends und am Strand leuchten noch viel mehr weiße Gestalten. Manche tragen zum Weiß blaue Ketten oder blaue Haarbänder, und damit ist klar: Keine Halluzination, sondern ein Fest für die Meeresgöttin Iemanjá. Der 8. Dezember ist nicht nur der Feiertag der Heiligen Maria der Empfängnis, sondern auch der von Iemanjá – seit damals die afrikanischen Sklaven hinter jedem katholischen Gott einen ihrer Götter versteckt haben.
Es hat etwas von einer Filmszene, als sich die weiße Gesellschaft auf einer Art runder Tanzfläche am Strand versammelt und anfängt, uralte Gesänge in der afrikanischen Sprache Yorubá anzustimmen - direkt vor der urbanen Kulisse der mehrspurigen Strandavenida und der Wolkenkratzer. Ein paar Touristen kommen neugierig gucken – von den Bewohnern der schicken Apartmenthäuser ist niemand zu sehen. Vielleicht haben sie Angst vor schwarzer Magie. Immer lauter rufen die Trommeln, immer mehr Menschen drängen sich auf der kleinen Fläche, in deren Mitte immer mehr Blumen darauf warten, Iemanjá überreicht zu werden. Kurz vor Mitternacht spricht ein weißhaariger Herr ins Mikrofon. Er erklärt den Tanzenden, daß dieser Platz am Strand ihnen gehört, daß sie dieses Rund von nun an jederzeit für Rituale nutzen können. Die Stadtverwaltung hat sich den Traditionen gebeugt. Weil auch in der Stadtverwaltung manche vom „Santo“ sind, wie der Herr sagt. Weil die Vereinigung der Pai-de-Santos, der Priester des Xangó*, nicht nachgelassen hat in ihrem Kampf um die Anerkennung ihrer Religion. Der Candomblé hat sich ein Stück Boa Viagem erobert.
Punkt Mitternacht tragen die Gläubigen einen Berg weißer Blumen zu einem hölzernen Fischerboot. Damit werden die Opfergaben weiter draussen auf dem Meer an Iemanjá übergeben, wie seit Urzeiten. Oben auf der Tanzfläche gehen die Gesänge weiter, rufen die Trommeln weiter. Sie werden die ganze Nacht trommeln, bis zum nächsten Morgen. Weil das die Tradition und die Götter so wollen. Die Anwohner können sich ja Watte in die Ohren stopfen und so tun, als hörten sie nichts. So wie damals.
* In Recife heißt der Candomblé auch Xangó
Sonntag, 10. Dezember 2006
Montag, 4. Dezember 2006
Auf der Suche nach dem Geburtstagskuchen
Brasilianische Bürokratie ist anders. Flexibler. Persönlicher. Sympathischer. Und manchmal sogar schneller.
Letztens rief mir Luciana abends auf der Strasse hinterher: „Komm mal wieder deine Post holen, ich habe einen aviso für dich!“ Das muß der Kuchen sein, dachte ich. Meine Mutter hat mir einen Geburtstagskuchen geschickt, und wo ich wohne, kommt keine Post an. In den Strandorten der Gegend gibt es weder Briefträger noch Postämter. Statt dessen hat jedes Dorf einen Einwohnerverein mit einem Vereinsgebäude und Postfächern für die Vereinsmitglieder. Wer Post bekommen will, muß zuerst Mitglied im Einwohnerverein werden, um einen Schlüssel für eine der bienenwabenkleinen Postfächern zu ergattern. Für knapp 60 Eurocents pro Monat und Mitglied sortiert Luciana, die Vereinsangestellte meines Dorfs, die Briefe in die Fächer. Kommen Sendungen, die nicht in die Waben passen – wie etwa Geburtstagskuchen – , hinterläßt der Postwagenfahrer einen „aviso“, einen Hinweiszettel, dass ein Päckchen im nächsten Postamt wartet. Und weil es nur eine kurze Zeit dort wartet, sagt Luciana in solchen Fällen Bescheid. Nach Feierabend, auf der Strasse und ganz ohne Dienstvorschrift oder Überstundenlohn.
Im 30 Kilometer entfernten Cabo de Santo Agostinho gibt es ein spezielles Postamt nur für die Strandorte. Eine Art Lieferanteneingang mit einem einzigen Schalter, an dem keine Briefe aufgegeben werden können, nur abgeholt. In kleinen mit Gummibändern zusammengehaltenen Stapeln wartet dort vor allem die Korrespondenz all derjenigen, die kein Postfach haben. Jeweils ein Stapel für jeden Ort, schön alphabetisch geordnet: Telefonrechnungen, Ratenzahlungsmahnungen, dazwischen sehr vereinzelt mal ein handgeschriebener Brief von Verwandten.
Seu Chico ist Herr über die Stapel. Während er konzentriert in den Umschlägen blättert, halten die Wartenden ein Schwätzchen. Eine dicke Frau im Kittel wartet auf Post von ihrem Sohn, jeden Montag kommt sie gucken, ob er geschrieben hat, so wie andere Leute sonntags in die Kirche gehen. Ein alter Mann im verschlissenen Anzug wartet auf seinen Rentenbescheid, fünfzig Jahre arbeitet er als Zuckerrohrpflücker, jetzt mag er nicht mehr. Seu Chico kennt die meisten Wartenden mit Namen. Die dicke Dame vorn in der Schlange muß ihm nicht mal ihren Ausweis hin halten, schon streift er das Gummiband vom Stapel „Suape“ und blättert die Briefe einzeln durch. Von A bis Z. Nichts vom Sohn für die Dame. „Wirklich nicht?“, fragt sie traurig und Seu Chico blättert freundlich noch einmal von Z bis A. Wirklich nichts.
„Deins geht ganz schnell“, beruhigt mich ein wartender Bürobote in Uniform, als er meinen aviso sieht. Tatsächlich, zielstrebig schlurft Seu Chico zu einem Aktenschrank und angelt einen dicken Umschlag herunter. Sorgfältig malt er die Nummer des aviso auf ein Formular, das ich unterschreiben muß, bevor er mir den Umschlag überreicht wie ein Geschenk. Für einen Kuchen ist er allerdings reichlich flach. Es sind Zeitschriften. Für 28 Euro per Luftpost aus Deutschland geschickt. Sie waren sechs Wochen unterwegs. Ob der Kuchen auch so lange braucht? „Wenn du die Registrierungsnummer hast, kannst du nachmittags Vladimir anrufen“, rät mir Seu Chico. Vladimir ist Herr über den Computer des Postamts. Er kann auf der Stelle herausfinden, wo mein Kuchen ist, verspricht Seu Chico und schreibt mir die Telefonnummer auf.
Nachmittags erreiche ich Vladimir. „Ich rufe gleich zurück“, sagt er, nachdem ich ihm das Problem geschildert habe. Zum Zeitvertreib fange ich an, mir das Schicksal meines Kuchens auszumalen: Von einem altersschwachen Postauto gefallen und im Strassengraben gelandet, Opfer von streunenden Hunden oder gar Ratten? Verschimmelt im tropischen Lagerraum einer schlampig organisierten Verteilzentrale? Verputzt am Kaffeetisch eines hungrigen Briefträgers? Nach kaum zehn Minuten klingelt das Telefon. Vladimir hat den Computer befragt. „Dein Päckchen ist nie bis nach Brasilien gekommen!“, sagt er. „Es ist noch in Deutschland. Du mußt dort nachforschen lassen.“ Oh je. Wer schon einmal einen Nachforschungsantrag bei der deutschen Post gestellt hat, weiss: Dafür sind umständliche Formulare auszufüllen. Abzustempeln. Einzureichen. Und die Bearbeitung dauert meistens deutlich länger als zehn Minuten.
Letztens rief mir Luciana abends auf der Strasse hinterher: „Komm mal wieder deine Post holen, ich habe einen aviso für dich!“ Das muß der Kuchen sein, dachte ich. Meine Mutter hat mir einen Geburtstagskuchen geschickt, und wo ich wohne, kommt keine Post an. In den Strandorten der Gegend gibt es weder Briefträger noch Postämter. Statt dessen hat jedes Dorf einen Einwohnerverein mit einem Vereinsgebäude und Postfächern für die Vereinsmitglieder. Wer Post bekommen will, muß zuerst Mitglied im Einwohnerverein werden, um einen Schlüssel für eine der bienenwabenkleinen Postfächern zu ergattern. Für knapp 60 Eurocents pro Monat und Mitglied sortiert Luciana, die Vereinsangestellte meines Dorfs, die Briefe in die Fächer. Kommen Sendungen, die nicht in die Waben passen – wie etwa Geburtstagskuchen – , hinterläßt der Postwagenfahrer einen „aviso“, einen Hinweiszettel, dass ein Päckchen im nächsten Postamt wartet. Und weil es nur eine kurze Zeit dort wartet, sagt Luciana in solchen Fällen Bescheid. Nach Feierabend, auf der Strasse und ganz ohne Dienstvorschrift oder Überstundenlohn.
Im 30 Kilometer entfernten Cabo de Santo Agostinho gibt es ein spezielles Postamt nur für die Strandorte. Eine Art Lieferanteneingang mit einem einzigen Schalter, an dem keine Briefe aufgegeben werden können, nur abgeholt. In kleinen mit Gummibändern zusammengehaltenen Stapeln wartet dort vor allem die Korrespondenz all derjenigen, die kein Postfach haben. Jeweils ein Stapel für jeden Ort, schön alphabetisch geordnet: Telefonrechnungen, Ratenzahlungsmahnungen, dazwischen sehr vereinzelt mal ein handgeschriebener Brief von Verwandten.
Seu Chico ist Herr über die Stapel. Während er konzentriert in den Umschlägen blättert, halten die Wartenden ein Schwätzchen. Eine dicke Frau im Kittel wartet auf Post von ihrem Sohn, jeden Montag kommt sie gucken, ob er geschrieben hat, so wie andere Leute sonntags in die Kirche gehen. Ein alter Mann im verschlissenen Anzug wartet auf seinen Rentenbescheid, fünfzig Jahre arbeitet er als Zuckerrohrpflücker, jetzt mag er nicht mehr. Seu Chico kennt die meisten Wartenden mit Namen. Die dicke Dame vorn in der Schlange muß ihm nicht mal ihren Ausweis hin halten, schon streift er das Gummiband vom Stapel „Suape“ und blättert die Briefe einzeln durch. Von A bis Z. Nichts vom Sohn für die Dame. „Wirklich nicht?“, fragt sie traurig und Seu Chico blättert freundlich noch einmal von Z bis A. Wirklich nichts.
„Deins geht ganz schnell“, beruhigt mich ein wartender Bürobote in Uniform, als er meinen aviso sieht. Tatsächlich, zielstrebig schlurft Seu Chico zu einem Aktenschrank und angelt einen dicken Umschlag herunter. Sorgfältig malt er die Nummer des aviso auf ein Formular, das ich unterschreiben muß, bevor er mir den Umschlag überreicht wie ein Geschenk. Für einen Kuchen ist er allerdings reichlich flach. Es sind Zeitschriften. Für 28 Euro per Luftpost aus Deutschland geschickt. Sie waren sechs Wochen unterwegs. Ob der Kuchen auch so lange braucht? „Wenn du die Registrierungsnummer hast, kannst du nachmittags Vladimir anrufen“, rät mir Seu Chico. Vladimir ist Herr über den Computer des Postamts. Er kann auf der Stelle herausfinden, wo mein Kuchen ist, verspricht Seu Chico und schreibt mir die Telefonnummer auf.
Nachmittags erreiche ich Vladimir. „Ich rufe gleich zurück“, sagt er, nachdem ich ihm das Problem geschildert habe. Zum Zeitvertreib fange ich an, mir das Schicksal meines Kuchens auszumalen: Von einem altersschwachen Postauto gefallen und im Strassengraben gelandet, Opfer von streunenden Hunden oder gar Ratten? Verschimmelt im tropischen Lagerraum einer schlampig organisierten Verteilzentrale? Verputzt am Kaffeetisch eines hungrigen Briefträgers? Nach kaum zehn Minuten klingelt das Telefon. Vladimir hat den Computer befragt. „Dein Päckchen ist nie bis nach Brasilien gekommen!“, sagt er. „Es ist noch in Deutschland. Du mußt dort nachforschen lassen.“ Oh je. Wer schon einmal einen Nachforschungsantrag bei der deutschen Post gestellt hat, weiss: Dafür sind umständliche Formulare auszufüllen. Abzustempeln. Einzureichen. Und die Bearbeitung dauert meistens deutlich länger als zehn Minuten.
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