Dienstag, 15. September 2009

Schwarz, weiblich, Marina


Der britische Guardian hat schon 2007 verkündet, Marina Silva sei eine der 50 Personen, die helfen könnten, die Welt zu retten. Damals war Marina noch brasilianische Umweltministerin – vermutlich die härteste Kämpferin, die den Posten je inne hatte. Zu hart für die Regierung. Weil Marina zum Beispiel die geplanten Mega-Wasserkraftwerke Jirau und Santo Antonio, die reichlich Arbeitsplätze, Steuergelder und Prestige schaffen würden, erst genehmigen wollte, nachdem deren Auswirkungen auf die Umwelt genau geprüft wären. Das Ende vom Lied: Marina trat im Mai 2008 vom Amt zurück. Ihr Nachfolger, Carlos Minc, hat zuletzt mit seiner Teilnahme am „Marsch für Marihuana“ in Rio Schlagzeilen gemacht.

Wer gedacht hat, damit sei Marina abgetreten, muss spätestens jetzt merken: Falsch gedacht. Marina ist eine Kämpferin, das beweist schon ein Blick in ihre Biografie, die sich liest wie ein Kitschroman. In einer armen Gummizapfer-Familie aufgewachsen mitten im Urwald, wo es weder Straßen, noch Gesundheistversorgung oder Schulen gab, konnte sie als 14-Jährige gerade mal die Uhr lesen und einfachste Rechenaufgaben lösen – um beim Gummiverkauf nicht übers Ohr gehauen zu werden. Mit 15 verlor sie die Mutter und übernahm die Haushaltspflichten für die 10köpfige Familie. So gesehen war es geradezu Glück, als sie mit 16 Hepatitis bekam. Die ließ sich nämlich nur in der Stadt behandeln.

Einmal in Rio Branco angekommen, blieb Marina einfach da. Suchte sich einen Job als Hausangestellte und lernte. Lernte alles, was sie vorher verpasst hatte. Mit 19 hatte sie bereits das Abitur nachgemacht und sich für die Aufnahmeprüfung an der Uni eingeschrieben.

Und so jemand sollte aufgeben, nur weil sie als Ministerin zu unbequem war? Statt dessen wird Marina Silva gerade noch deutlich unbequemer. Sie hat nämlich nach 30jähriger Zugehörigkeit zur Arbeiterpartei gerade die Farbe gewechselt und trägt neuerdings Grün statt Rot. Und die brasilianischen Grünen, so heißt es, wollen sie als Präsidentschaftskandidatin aufstellen.

Auch wenn die Kandidatur noch nicht offiziell bestätigt ist: das bringt die rote Dilma zum Zittern. Und den Präsidenten dazu, schnell einen Plan B und einen
Ersatzkandidaten auszuwählen. Denn Marina ist ein Überraschungsfaktor, dessen Wucht schwer einzuschätzen ist. Unermüdlich im Lernen: Die Senatorin, Mutter von vier Kindern und studierte Historikerin, steht kurz vor dem Abschluss eines Aufbaustudiums. Und unerbittlich in der Moral: Bereits in ihrem ersten politischen Amt als Gemeinderatsmitglied hat Marina freiwillig diverse Finanzhilfen wie die Wohnbeihilfe zurück gegeben und öffentlich gemacht, wie hoch sie selbst und die Ratsmitglieder bezahlt wurden. Weil sie das durchaus reichlich fand.

Das Ausland hat womöglich schon viel länger verstanden, wie effizient diese unspektakuläre Kämpferin ihre Arbeit für die Umwelt tut: In den letzten Jahren hat Marina Silva einen internationalen Preis nach dem anderen gewonnen. „Champions of the Earth“ von den Vereinten Nationen in 2007, den „Duke of Edinburgh-Award" vom WWF in 2008, und den nach dem Jostein-Gaardener-Werk benannten norwegischen „Sophie-Preis“ in diesem Jahr.

Kürzlich titelte die Zeitschrift Veja „Marina ist eine gute Nachricht“ und fragte die Senatorin, ob sie von Obama, dem ebenfalls schwarzen Präsidenten, inspiriert sei. Sie sei zwar auch schwarz, aber es sei doch vermessen, sich mit dem amerikanischen Präsidenten zu vergleichen, antwortete Marina bescheiden. Erwähnte dann aber ganz am Rande, was Freunde von ihr gesagt hätten, als Hillary und Obama gegeneinander angetreten waren: Da mussten die US-Amerikaner sich zwischen einer Frau und einem Schwarzen entscheiden. Wenn Marina in Brasilien für das Präsidentenamt kandidieren würde, hätten die Brasilianer solche Probleme nicht.

Foto: Ana Limp

1 Kommentar:

myemailu hat gesagt…

Toll, dass sich Marina offensichtlich nicht vom Establishment kleinkriegen lässt!

 
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