Dienstag, 3. März 2009

Die Diktatur der Natur

In den Tropen, noch dazu auf dem Dorf, gerät man zuweilen in einen außerordentlichen Einklang mit der Natur. Wenn auch nicht immer freiwillig. Seit Karneval zum Beispiel regnet es nahezu pausenlos. In einer der wenigen Pausen habe ich Wäsche gewaschen. Allerdings nicht, wie meine Nachbarin, schon um fünf Uhr morgens. Und, ebenfalls anders als meine Nachbarin, neben leichten T-Shirts auch ein paar Leinendecken. Resultat: Die Wäsche der Nachbarin flatterte am späten Vormittag schon trocken an der Leine, während meine noch schwer und feucht hing, als der Regen wieder einsetzte. Die T-Shirts haben es inzwischen im Haus zu einer muffigen Trockenheit geschafft - die Leinendecken hängen immer noch im Regen. Das Beinahe-Trocknen und dann doch wieder Tropfnaß-Regnen wiederholt sich bereits seit mehreren Tagen – als wolle mir einer so richtig tief ins Unterbewußte einprägen: Wäsche gehört morgens um fünf gewaschen. Und Basta.

Mein Unterbewußtsein sträubt sich gegen jede Art von Bevormundung. Anders ist es kaum zu erklären, dass ich gestern morgens zwar schon ordentlich früh wach war, den regenfreien Moment aber nicht etwa dazu nutzte, die Pferde füttern zu gehen, sondern am Computer noch an einem Text arbeitete. Es sah durchaus freundlich aus, als ich schließlich das Haus verließ – ausgestattet mit einer Winterregenjacke. Ich hatte kaum die Hälfte des Wegs zurück gelegt, als die Sintflut über mich herein brach wie eine Strafe. Die jackenlosen Beine und die Füße in Flip-Flops waren sofort klatschnass. Als ich bei den Pferden angekommen war, fühlte sich auch mein T-Shirt unter der Jacke nicht mehr trocken an. Und als ich noch später im Laden meinen Einkaufszettel aus der Tasche ziehen wollte, fand ich nur noch einen glitschigen Klumpen Papierbrei.

Heute endlich habe ich es besser gemacht. Sobald sich ein wolkenfreies Fenster am Himmel auftat, habe ich mich in den Garten gestürzt und die nassen Blätter der letzten Woche zusammengeharkt. Habe die ertrunkenen Tomatenpflanzen gnadenlos dazu geworfen, trockene Blätter vom Hibiskus gezupft, den Basilikumbusch radikal gestutzt – und die abgetrennten Äste gleich wieder eingepflanzt. Weich genug war der sonst steinharte Lehmboden heute. Er war auch weich genug, um ihm einige derjenigen Pflanzen zu entreißen, die ich nicht so gern in meinem Garten mag. Die Vassouras etwa, die deswegen Besen heißen, weil ihre Zweige zwar biegsam, aber so hart sind, dass man aus ihnen prima Besen binden kann.

Zum Schluss habe ich noch einige Hibiskus- und Oleanderbüsche beschnitten und mit den Ästen den Versuch einer Gartenrandbepflanzung gestartet. Den ersten Ast hatte mir meine Nachbarin gereicht – also ist es die richtige Zeit zum Pflanzen. Ich fühlte mich ein paar Momente lang im perfekten Einklang mit der Natur. Macht ja nichts, wenn der nicht ganz freiwillig ist. Bis mir einfiel: Perfekter Tag zum Pflanzen heißt, es wird noch mehr regnen. Womöglich gleich nachher, wenn ich zum Capoeira-Training den dunklen Lehmweg bis auf den Berg hochklettern muss.

Abends weggehen ist von der Natur vermutlich nicht vorgesehen. Man muss ja auch morgens um fünf Uhr aufstehen – übrigens mit den Hühnern der Nachbarin – um ein bißchen was vom Tag zu haben, bevor es um sechs Uhr abends schon wieder dunkel wird. So wie jetzt gerade. Mein Leintuch ist übrigens endlich trocken geworden. Nur unten hat ihm der Regen ein paar Lehmspritzer verpasst. Eigentlich hätte ich die Sonne wohl nutzen sollen, um noch mehr Wäsche zu waschen. Mache ich morgen, falls es nicht regnet. Gleich nach dem Aufstehen. Von wegen Einklang. Eine echte Diktatur ist das.

Kommentare:

das Nasobem hat gesagt…

Dazu passt vielleicht ein Text, den ich 2005 schrieb, als ich für 8 Monate in Curitiba lebte:

Regen auch ohne Wald

Eigentlich sollte man sich nicht wundern, wenn man in einem Land wohnt, welches (noch) das größte Regenwaldgebiet der Welt beherbergt. Zwar wird der Wald mit großem Eifer und Erfolg abgeholzt, aber der Regen bleibt – zumindest in Curitiba. Hier weiß jeder, dass niemand weiß, wann der nächste Tropfen fällt. Aber er fällt – so sicher wie das Laub deutscher Bäume. Im Grunde herrscht in Curitiba wettertechnisch das ganze Jahr April. Wolkenloser Himmel, eine Stunde später Gewitter und kurz darauf wieder Sonnenschein? Wieso auch nicht? Genauso schnell fallen und steigen die Temperaturen. Gefühlt, fallen sie in Curitiba aber schneller und öfter als sie steigen. Dazwischen gibt es dann auch mal Perioden in denen es wochenlang nur regnet, oder nur bedeckt ist, oder nur die Sonne scheint. Allerdings sind solche stabilen Wetterlagen eher ein Zeichen, dass das Wetter verrückt spielt.

Aber wir wollen nicht klagen, die Temperaturen sind auch in der »kältesten Stadt Brasiliens« meistens im zweistelligen Bereich – selbst im Winter. An solchen Tagen gibt es eigentlich nur ein Schuhwerk, dass dem ständigem Nass trotzt: Havaianas. So wie das Wasser von allen Seiten in die Gummischlappen spült, so läuft es eben wieder heraus. Wer sich mit normalem Schuhwerk hinaus traut und sich mit riesigen Schirmen vor dem tropfenden Himmel zu schützen versucht, sollte wissen: die eigentliche Gefahr droht von unten! Es ist das Meer der unzähligen Löcher und Senken. Tagsüber lediglich harmlose, aber sichtbare Stolperfallen, verwandeln sich Gehwege und Straßen im Regen in Rinnsale, Schlammlöcher und Seen. Wehe dem, der kleine trübe Pfützen in ihrer potenziellen, senkrechten Dimension leichtfertig unterschätzt.

Als besonders tückisch erweisen sich die vielen losen und teilweise unterspülten Pflastersteine, die Tretminen gleich, das lehmige Nass aus den Fugen bis unter die Gürtellinie spritzen. Wer sich diesen Fallen im Slalom zu entziehen weiß und auch keine entgegenkommenden Regenschirme in die Augen bekommt, sollte eines davon zumindest der Straße widmen. Schnell ist ein kleiner See jenseits des Gehwegs und der herannahende Bus übersehen, und plitsch-platsch war alle Mühe umsonst.

Der Regen ist aber auch eine wirtschaftliche Sicherheit für die vielen fliegenden Regenschirmhändler, die beim ersten Tropfen wie Regenwürmer aus den Löchern zu kriechen scheinen und die Straßen noch vor dem Regenguss überspülen. Überhaupt wird einem erst bei Regen bewusst, dass es eigentlich kaum ein Geschäft gibt, dass nicht mit einem kleinen Sortiment Regenschirme auf dem Markt vertreten ist. Und seien wir doch mal ehrlich – verlieren tun wir sie wieder, sobald sich auch der Regen in der Sonne verliert.

Christian H. Schmeißer hat gesagt…

Der Tiel hat mich angelockt...!
Denn das ist eigentlic "mein" Thema! ;=)

Eine superschöne website - sehr ansprechend!

Schau doch mal bei mir rein...

gruss amino schmitler
- Der grüne Diktator

 
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