Eigentlich hätten sie den Wahlkampf komplett verbieten können. Statt dessen kommen die Verbote einzeln: Kandidatenwerbung auf Plakatwänden und Litfasssäulen ist in diesem Jahr verboten. Die beliebten Kandidaten-T-Shirts – von der ärmeren Bevölkerung gerne bis zur nächsten oder übernächsten Wahl getragen – sind in diesem Jahr verboten. Sogar kleine Kandidatenwerbegeschenke wie Kugelschreiber und Schirmmützen sind verboten. Und zum Glück sind auch die Lärmautos verboten. Lärmautos heißen auf Portugiesisch „Carros de som“ und sind eine Analphabeten-Erfindung: Weil jeder zehnte Brasilianer funktionaler Analphabet ist, kommen gedruckte Werbebotschaften nur bedingt beim potentiellen Wähler an. Das „Carro de som“ ist ein beliebiger Pkw, auf dessen Dach möglichst potente Lautsprecher geschraubt werden. Live übers Mikro in der Hand des Fahrers oder vom Band dröhnen die Werbespots in den Haushalt jedes Anwohners, an dem der mobile Werbetröter vorbeirollt: Morgens beim Zähneputzen erfahre ich so die neuesten Sonderangebote des Supermarkts Santo Agostinho, gipfelnd in der Aussage: „Die besten Angebote, todo dia, jeden Tag.“ Manche Nachbarn begrüßen sich schon so, mit „todo dia, todo dia“ anstatt „Guten Tag“.
Was den Politikern bleibt zur Selbstdarstellung? Private Räume. Das können auch private Heckscheiben sein. Von den Autos sämtlicher Politikerfamilienmitglieder strahlen Kandidaten. Die Gartenmauern all derjenigen, die sich einer offensiven Bitte nicht verschließen können, sind mit Namen und Nummern vollgepinselt. Auf dem Capibaribe-Fluss mitten in der Millionenstadt Recife trudeln Fischerboote, deren Segel Kandidatennamen tragen. Und an manchen Ampeln stehen Clowns mit Bambusstäben, zwischen denen sie bei jeder Rotphase mobile Transparente spannen. Mobil ist fast schon privat.
Privat ist auch die Wahlkampf-Sendezeit in Brasiliens größtem TV-Kanal Rede Globo. Geschickt in die Abendnachrichten eingeblockt, sprechen die Politiker zum Volk. Doch das Volk hört nicht zu. Weil die meisten einfach den Ton abdrehen, laufen die Spots inzwischen mit Untertiteln. Interessieren aber trotzdem kaum jemanden. Drei Themen sind Top-Titel im Marathon der Wahlversprechen: Arbeitsplätze schaffen, das Bildungswesen verbessern, die Kriminalität senken. Alles längst bekannt, längst versprochen und nie umgesetzt.
In diesem Jahr gibt es aber noch ein neues Thema: Ehrlich sein. „Ich klaue nicht, ich lüge nicht, ich bin nicht bestechlich“, verspricht Präsidentschaftskandidatin Heloisa Helena. Bis vor einiger Zeit hat die regierende PT das Monopol darauf beansprucht, Gutmenschen, Ethik-Apostel und korruptionsfreie Idealisten zu beherbergen. Dann kamen die Skandale. Der größte, der Mensalao, zeigte, daß mehr als ein Drittel des ganzen Senats in ein ausgeklügeltes Bestechungs-System verwickelt war. Minister nahmen an Treffen zum Organisieren der Korruption teil, Regierungsmitglieder wurden mit Dollarpaketen in der Unterhose gestellt, Abgeordnete ließen sich dafür bezahlen, daß sie bedürftigen Gemeinden mit öffentlichen Geldern Krankenwagen verschafften. Und jetzt die Geschichte mit dem Dossier. Hauptdarsteller: Alles ehrliche Ptler.
Lula sagt, er weiß von nichts, alle haben ihn betrogen. Und die Gegenkandiaten behaupten: Wir sind aber wirklich ganz ehrlich! Ehrlich sein ist eine tolle Sache. Jeder einzelne der ehrlichen Oppositionspolitiker oder jeder ehrliche Kandidat oder jede ehrliche Kandidatin könnte – um der Ehrlichkeit zum Sieg zu verhelfen - ein Impeachment des Präsidenten beantragen. Sogar ein ganz normaler Bürger kann das nach brasilianischem Recht. Macht aber keiner. Statt dessen sind Lulas Umfragewerte heute wieder auf über 50 Prozent gestiegen. Da könnte man doch wirklich gleich den Wahlkampf komplett verbieten.
Donnerstag, 28. September 2006
Sonntag, 5. Februar 2006
Als ich letztens Talentscout war
Der Fußball von Salvador ist die Musik. Die meisten Jungs in Brasilien träumen ja davon, Fussballstar zu werden. Weil das der Lotteriegewinn für große Träumer aus kleinem Elternhaus ist. Also kicken die Brasilianer allüberall, am Strand, im Urwald, im Schlamm. Natürlich spielen auch die Bahianer Fußball. Nur haben sie aktuell nicht mal einen Zweitligaverein vorzuweisen. Vielleicht hat es damit zu tun, daß sich die Leute in Salvador gerne einen anderen Traum aussuchen: Den von der großen Karriere als Musiker.
Vor der Tür der Musikschule Pracatum in Salvador drängen sich die Träumer und Träumerinnen. Da hängen die neuen Kurslisten, Meilensteine auf dem Weg zum Ruhm. Die Musikschule gehört dem Sänger und Komponisten Carlinhos Brown, und der hat es schon lange geschafft. Ich bin hier, um Carlinhos Browns Projekte kennenzulernen. Plaudere ein bißchen mit ein paar Mädels, die noch nicht wissen, ob sie die Aufnahmeprüfung geschafft haben, und muss dann weiter Richtung Tonstudio, um den Meister zu treffen. Da läuft mir eine der beiden Nachwuchsmusikerinnen nach und hält mir ihr Schulheft hin: „Bitte gib mir ein Autogramm“. Hey, ich bin nicht berühmt, Mädchen! Da muß ein Mißverständnis vorliegen! „Nein bitte, ich will so gerne eine Unterschrift von dir“. Komme mir ein bißchen lächerlich vor, als ich meinen Namen in ihr Heft kritzele - aber arrogant abzulehnen geht ja irgendwie auch nicht.
Vor der Tür des Tonstudios sitzt ein grauhaariger Mann. Ja, der Meister ist da drin, bestätigt er mit glücklich leuchtenden Augen und zeigt mir die Klingel. Drinnen spricht Carlinhos von seinen Träumen, von mehr schwarzem Selbstbewusstsein und von Musik und Aufmerksamkeit und Mitgefühl in der Welt. Darüber vergißt er, so konkret zu werden, wie das Journalisten gerne hätten. Das kommt morgen!, verspricht er. Denn der große Visionär hat über seinen Ideen die Zeit vergessen und muß jetzt weg. Küßchen und tschüs. Draussen ist es dunkel. „Na, kommt er gleich?“, fragt der grauhaarige Mann, der immer noch da auf der Bank sitzt. Er spielt nämlich Gitarre und singt und hat soeben privat seine erste CD aufgenommen. Die will er gleich Carlinhos Brown geben. Wenn der hoffentlich zum Haupteingang raus geht. Sonst kommt der Grauhaarige morgen wieder und wartet weiter auf seine Chance.
Ich bin kaum zwei Schritte gegangen, da treffe ich meine Autogrammjägerin. Zusammen mit einer Freundin kommt sie auf mich zugerannt: „Kannst du uns deine Adresse geben?“, bittet sie. „Wir wollen dir etwas schicken!“ Was habe ich nur getan, um die beiden so zu beeindrucken? Ich gebe ihnen eine Visitenkarte und gehe zum nächsten Termin. Interview mit Diogo. Diogo ist dreizehn und lernt seit drei Jahren Rhythmusinstrumente, Gesang, Musiktheorie, Gitarre und Tontechnik an der Musikschule Pracatum. Übt stundenlang jeden Tag. Fehlt nie. Den Namen der eigenen Band kann Diogo erst nach heftigem Nachdenken fehlerfrei schreiben. Als Musiker ist der Dreizehnjährige beeindruckend erfahren, hat schon mit Carlinhos Brown gespielt, ist schon in Rio de Janeiro aufgetreten und sogar einmal in Spanien. Natürlich träumt Diogo davon, Profimusiker zu werden. Einer mehr hier in Salvador: Allein in Diogos Stadtviertel mit seinen paar Tausend Einwohnern gibt es mehrere Musikschulen, ungezählte Bands und noch mehr Träumer. Wie viele Musiker in Salvador von der Musik leben können, hat niemand gezählt. Wegen der vielen Karnevalsbands mögen es ein paar mehr sein als anderswo. Ich hoffe, Diogo wird einmal dazu gehören.
Als ich mich von Diogo verabschiede, löst sich ein Schatten aus dem Dunkel – wieder die Mädels. Eine der beiden drückt mir einen Umschlag in die Hand: „Das ist unsere CD! Wir haben nämlich eine Forró-Band! Die mußt du dir unbedingt anhören!“ Na klar! So ist das! Musik ist der Fußball Salvadors. Der Lotteriegewinn für große Träumer aus bescheidenen Elternhäusern. Bei so großen Träumen kann eine deutsche Journalistin schon mal unverhofft in die Rolle eines internationalen Talentscouts geraten. Und jetzt? Wie weiter? Möchte jemand eine Forró-Band aus Salvador produzieren? Bitte melden!
Vor der Tür der Musikschule Pracatum in Salvador drängen sich die Träumer und Träumerinnen. Da hängen die neuen Kurslisten, Meilensteine auf dem Weg zum Ruhm. Die Musikschule gehört dem Sänger und Komponisten Carlinhos Brown, und der hat es schon lange geschafft. Ich bin hier, um Carlinhos Browns Projekte kennenzulernen. Plaudere ein bißchen mit ein paar Mädels, die noch nicht wissen, ob sie die Aufnahmeprüfung geschafft haben, und muss dann weiter Richtung Tonstudio, um den Meister zu treffen. Da läuft mir eine der beiden Nachwuchsmusikerinnen nach und hält mir ihr Schulheft hin: „Bitte gib mir ein Autogramm“. Hey, ich bin nicht berühmt, Mädchen! Da muß ein Mißverständnis vorliegen! „Nein bitte, ich will so gerne eine Unterschrift von dir“. Komme mir ein bißchen lächerlich vor, als ich meinen Namen in ihr Heft kritzele - aber arrogant abzulehnen geht ja irgendwie auch nicht.
Vor der Tür des Tonstudios sitzt ein grauhaariger Mann. Ja, der Meister ist da drin, bestätigt er mit glücklich leuchtenden Augen und zeigt mir die Klingel. Drinnen spricht Carlinhos von seinen Träumen, von mehr schwarzem Selbstbewusstsein und von Musik und Aufmerksamkeit und Mitgefühl in der Welt. Darüber vergißt er, so konkret zu werden, wie das Journalisten gerne hätten. Das kommt morgen!, verspricht er. Denn der große Visionär hat über seinen Ideen die Zeit vergessen und muß jetzt weg. Küßchen und tschüs. Draussen ist es dunkel. „Na, kommt er gleich?“, fragt der grauhaarige Mann, der immer noch da auf der Bank sitzt. Er spielt nämlich Gitarre und singt und hat soeben privat seine erste CD aufgenommen. Die will er gleich Carlinhos Brown geben. Wenn der hoffentlich zum Haupteingang raus geht. Sonst kommt der Grauhaarige morgen wieder und wartet weiter auf seine Chance.
Ich bin kaum zwei Schritte gegangen, da treffe ich meine Autogrammjägerin. Zusammen mit einer Freundin kommt sie auf mich zugerannt: „Kannst du uns deine Adresse geben?“, bittet sie. „Wir wollen dir etwas schicken!“ Was habe ich nur getan, um die beiden so zu beeindrucken? Ich gebe ihnen eine Visitenkarte und gehe zum nächsten Termin. Interview mit Diogo. Diogo ist dreizehn und lernt seit drei Jahren Rhythmusinstrumente, Gesang, Musiktheorie, Gitarre und Tontechnik an der Musikschule Pracatum. Übt stundenlang jeden Tag. Fehlt nie. Den Namen der eigenen Band kann Diogo erst nach heftigem Nachdenken fehlerfrei schreiben. Als Musiker ist der Dreizehnjährige beeindruckend erfahren, hat schon mit Carlinhos Brown gespielt, ist schon in Rio de Janeiro aufgetreten und sogar einmal in Spanien. Natürlich träumt Diogo davon, Profimusiker zu werden. Einer mehr hier in Salvador: Allein in Diogos Stadtviertel mit seinen paar Tausend Einwohnern gibt es mehrere Musikschulen, ungezählte Bands und noch mehr Träumer. Wie viele Musiker in Salvador von der Musik leben können, hat niemand gezählt. Wegen der vielen Karnevalsbands mögen es ein paar mehr sein als anderswo. Ich hoffe, Diogo wird einmal dazu gehören.
Als ich mich von Diogo verabschiede, löst sich ein Schatten aus dem Dunkel – wieder die Mädels. Eine der beiden drückt mir einen Umschlag in die Hand: „Das ist unsere CD! Wir haben nämlich eine Forró-Band! Die mußt du dir unbedingt anhören!“ Na klar! So ist das! Musik ist der Fußball Salvadors. Der Lotteriegewinn für große Träumer aus bescheidenen Elternhäusern. Bei so großen Träumen kann eine deutsche Journalistin schon mal unverhofft in die Rolle eines internationalen Talentscouts geraten. Und jetzt? Wie weiter? Möchte jemand eine Forró-Band aus Salvador produzieren? Bitte melden!
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