Wasser kommt ja hier nicht einfach aus dem Hahn, wie man das in Deutschland so gewohnt ist. Im Sommer, der hier demnächst so richtig losbrennt, wird in vielen Strandorten das Leitungswasser rationiert: 24 Stunden für die eine Dorfhälfte, die nächsten 24 Stunden für die andere. Oder so ähnlich. Glücklich, wer einen großen Wassertank besitzt. Die anderen füllen Flaschen und Eimer und Schüsseln. Und waschen an den trockenen Tagen im gleichen Wasser erst die Haare und dann die Wäsche.
Dabei ist Brasilien reich. Das Land verfügt über nahezu 15 Prozent der gesamten Süsswasserreserven der Erde. Nur die Verteilung ist ungerecht - wie ja überhaupt das Meiste hier in Brasilien ungerecht verteilt ist. Im menschenarmen Amazonasgebiet ist überreichlich Wasser, der gesamte Nordosten hingegen muß mit kümmerlichen drei Prozent auskommen. Und wie von allen Dingen nehmen sich auch vom Wasser die Reichen am meisten. Die haben in ihren Strandhäusern Swimming-Pools im Hollywood-Stil, in denen sie jede Woche mehrere Kubikmeter Wasser austauschen. Wenn es richtig heiß wird, berieseln manche ganztägig ihr Hausdach aus dem Gartenschlauch – zur Kühlung. Und damit es nicht so staubt, sprengen sie außerdem die Strasse vor ihrem Haus mehrmals täglich. Jeder Brasilianer verbraucht statistisch gesehen mehr als 400 Liter Wasser am Tag. Wenn die einen ihre Pools füllen, bleibt für die anderen nicht mehr viel übrig.
Das ist auch im Paradies nicht anders. Das Paradies ist ein winziger Abschnitt einer Steilküste in einem Nationalpark südlich von Recife. In einem Nationalpark darf natürlich eigentlich niemand wohnen. Weil aber schon Bewohner da waren, bevor der Park geschützt wurde, leben doch Menschen hier: Für die Alt-Eingesessenen gilt das Gesetz nicht. Für das öffentliche Wasserwerk gilt es sehr wohl: Es darf für die Paradiesbewohner keine Wasseranschlüsse legen. Der Vorteil daran: Wo keine Anschlüsse sind, kann auch nicht rationiert werden. Also haben sich manche der Nationalparkbewohner ein paar Meter Rohre gekauft, haben nachts das Hauptrohr auf der Hauptstrasse angezapft und ihren eigenen Anschluß gelegt. Weil das Ganze schnell gehen mußte, und weil das Paradies auf Granit ruht, haben sie die Rohre nicht sehr tief vergraben. Das heißt: Es ist ziemlich leicht, die illegalen Rohre noch illegaler anzuzapfen.
Das tun anscheinend jeden Tag neue Nachbarn bei unserem Wasserrohr. Bei mir kommt nämlich seit Tagen nur noch kümmerliches Tröpfeln an. Und gestern, als ich unter der Dusche stand, ist auch das Tröpfeln versiegt. Als ich das meinem Vermieter erzählt habe, hat der heute ganz früh morgens brutal und konsequent alle Schmarotzer von unserer Leitung abgekoppelt. Daraufhin sprudelte es hier wieder üppig. So ein paar Stunden lang. Dann hat sich wohl einer der Abgekoppelten gerächt und unsere Leitung mit einem schweren Stein gesprengt. Die Kriege der Zukunft werden ums Wasser geführt, sagen Experten. Üben die Paradiesbewohner schon für die Kriege der Zukunft?
Dienstag, 31. Oktober 2006
Montag, 30. Oktober 2006
Sieg für den Mann aus Marzahn
Er ist der Mann aus Marzahn. Ich meine, wenn man sich mal vorstellt, wer Lula in Deutschland wäre. Einer, der sich mit Schule nicht lange abgegeben hat, der Hunger gelitten hat, sagen wir in Castrop-Rauxel, bis er mit seiner Mutter in die Großstadt flüchtet. Wo es dann doch nur für Marzahn reicht. Da wächst der Junge auf, bolzt auf der Strasse mit seinen Kumpels, wird Metallarbeiter, malocht aber nur kurz, weil er gleich einen Finger verliert und sich außerdem in der Gewerkschaft engagiert. Der Typ aus Marzahn lernt, öffentlich aufzutreten. „Kumpels“ bleibt sein Lieblingswort, auch als Präsident. Die verpaßte Bildung holt er nie mehr nach. Kommt viel besser an, wenn er sich selbst als Aufstiegswunder stilisiert, nach dem Motto: „Wenn einer wie ich Präsident werden kann, dann gibt es keine Grenzen!“ Ein Mann aus dem Volk, der viel schwitzt und viel redet. Der „icke dette kieke mal“ sagt. Einer wie wir.
So einen haben die Brasilianer gerade gewählt. Das Ende der Stimmen-Auszählungen muß man gar nicht mehr abwarten, er hat mit guten 60 Prozent (gegen 39 für Alckmin) so haushoch gewonnen, wie eigentlich schon im ersten Wahlgang erwartet. Weil der gemeine Brasilianer sich prima mit einem identifizieren kann, der fröhlich wie ein kleiner Junge die Nationalflagge herumschwenkt und „das Volk liebt mir“ sagt. Oder so ähnlich.
Schuld an dem Schreck zwischendurch war das Foto. Das Foto von den Millionen, die Lulas Parteigenossen für das Dossier gegen Serra bezahlen wollten. Erinnert sich noch jemand daran? Wie ein Mantra hat Gegner Alckmin bei jedem Treffen mit Lula danach immer wieder gefragt: „Und wo kommt das Geld her?“ Das war auf die Dauer fast ein bißchen nervig. Die Frage bleibt unbeantwortet. Lula-Gegner behaupten: Weil die Untersuchungen verschleppt wurden, um die Stichwahl nicht zu stören.
Jetzt ist nämlich alles zu spät und egal. Falls irgendwann doch noch bewiesen werden sollte, daß Lula in den Deal verwickelt war, dann wäre das ein Wahlverbrechen und das wäre theoretisch Grund genug für ein Impeachment. Aber ein Impeachment muß irgendwer beantragen. Und der Präsident des zuständigen Gerichts hat jetzt schon erklärt, er werde nicht gegen den Willen von Millionen von Wählern handeln. Und wenn Marco Aurélio keinen Handlungsbedarf sieht, falls Lula schuldig sein sollte, wer denn sonst sollte ein Impeachment beantragen? Wo doch das Volk selbst dauernd ein bißchen schummelt, ja schummeln muss, weil das Überleben so schwer ist?
Die Brasilianer sind Weltmeister im Schummeln. Früher hießen besonders begabte Schummler hierzulande „malandro“ – und das war ganz eindeutig ein Kompliment. Als „jeitinho“ ist die brasilianische Begabung nahezu weltweit bekannt, hart am Gesetz vorbei Lösungen zu finden, wenn alles aussichtslos scheint. Und in seiner endlosen Großzügigkeit scheint das brasilianische Volk seinen Regenten auch Schummeln im großen Stil zu vergeben. Solange sie aus dem Volk sind. Aus Marzahn eben.
So einen haben die Brasilianer gerade gewählt. Das Ende der Stimmen-Auszählungen muß man gar nicht mehr abwarten, er hat mit guten 60 Prozent (gegen 39 für Alckmin) so haushoch gewonnen, wie eigentlich schon im ersten Wahlgang erwartet. Weil der gemeine Brasilianer sich prima mit einem identifizieren kann, der fröhlich wie ein kleiner Junge die Nationalflagge herumschwenkt und „das Volk liebt mir“ sagt. Oder so ähnlich.
Schuld an dem Schreck zwischendurch war das Foto. Das Foto von den Millionen, die Lulas Parteigenossen für das Dossier gegen Serra bezahlen wollten. Erinnert sich noch jemand daran? Wie ein Mantra hat Gegner Alckmin bei jedem Treffen mit Lula danach immer wieder gefragt: „Und wo kommt das Geld her?“ Das war auf die Dauer fast ein bißchen nervig. Die Frage bleibt unbeantwortet. Lula-Gegner behaupten: Weil die Untersuchungen verschleppt wurden, um die Stichwahl nicht zu stören.
Jetzt ist nämlich alles zu spät und egal. Falls irgendwann doch noch bewiesen werden sollte, daß Lula in den Deal verwickelt war, dann wäre das ein Wahlverbrechen und das wäre theoretisch Grund genug für ein Impeachment. Aber ein Impeachment muß irgendwer beantragen. Und der Präsident des zuständigen Gerichts hat jetzt schon erklärt, er werde nicht gegen den Willen von Millionen von Wählern handeln. Und wenn Marco Aurélio keinen Handlungsbedarf sieht, falls Lula schuldig sein sollte, wer denn sonst sollte ein Impeachment beantragen? Wo doch das Volk selbst dauernd ein bißchen schummelt, ja schummeln muss, weil das Überleben so schwer ist?
Die Brasilianer sind Weltmeister im Schummeln. Früher hießen besonders begabte Schummler hierzulande „malandro“ – und das war ganz eindeutig ein Kompliment. Als „jeitinho“ ist die brasilianische Begabung nahezu weltweit bekannt, hart am Gesetz vorbei Lösungen zu finden, wenn alles aussichtslos scheint. Und in seiner endlosen Großzügigkeit scheint das brasilianische Volk seinen Regenten auch Schummeln im großen Stil zu vergeben. Solange sie aus dem Volk sind. Aus Marzahn eben.
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