Posts mit dem Label Drogen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Drogen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 4. September 2010

Kunst und Drogen


„Die Kids hier sollten genauso leicht Zugang zu Kunst haben, wie zu Drogen und Alkohol“. Das hat Lu Araujo gestern zu mir gesagt. Lu hat für Olinda ein Musikfestival erfunden, das eine Woche lang klassische und folkloristische oder poppige moderne Instrumentalmusik in Olindas Barockkirchen bringt. Olinda ist bekannt für seine koloniale Altstadt, die sogar UNESCO-Weltkulturerbe-Rang hat. Von Olindas Slums ist weniger oft die Rede.

Heute traf ich Maestro Ivan, den Leiter des Orchesters für zeitgenössische Musik, Orquestra contemporanea de Olinda. Er arbeitet mit jungen Leuten – auch aus den Slums. Sie spielen unter anderem Musik, die Mestre Ivan erfunden hat. Eine abenteuerliche Mischung aus Klassik und Folklore, nordostbrasilianischen und afrikanischen Traditionen und der Moderne. Ein Kritiker der New York Times hat sie gehört und geschrieben, aus Brasilien sei seit Chico Science nicht mehr so Aufregendes gekommen.

Der Maestro hat mir heute erzählt, dass ihm kürzlich eine vielversprechende Flötenschülerin ihr Instrument zurück gebracht habe. Sie wolle nicht mehr spielen, habe sie dazu gesagt. Als er zu dem Mädchen nach Hause in die Favela V8 ging, um mit der Mutter zu sprechen, merkte der Maestro, dass diese ihm etwas verschweigen wollte. Zwei Wochen später war das Mädchen tot. Gesteinigt. Sie hatte sich in die Welt des Crack hineinziehen lassen und war – ungewöhnlich schnell und gewöhnlich brutal – dabei umgekommen.

Am Montagabend spielt Maestro Ivan mit dem Orchestra contemporanea de Olinda oben auf dem Platz vor der Kathedrale Igreja da Sé. Das ist einer der Höhepunkte der MIMO, Kritiker aus dem ganzen Land werden darüber berichten. In den sieben Jahren, seit die MIMO existiert, haben mehrere Tausend junge und nicht so junge Leute dabei an Workshops und Kursen teilgenommen. Manche waren schon professionelle Musiker, andere wollen es werden. Hoffen wir dass es Lu; Mestre Ivan und all den anderen gelingt, für immer mehr Kinder und junge Leute Kunst genau so erreichbar zu machen, wie Drogen. Damit sie wenigstens eine Wahl haben.

Foto: Promo

Donnerstag, 26. August 2010

Harte Konkurrenz beim Busbetteln


Die Busfahrt von Recife bis in die Kreisstadt Cabo ist lang genug für ein Nickerchen, und die meisten Passagiere nutzen das gerne. Solange es geht. Ziemlich bald nach der Ausfahrt aus dem Stadtzentrum stört uns meistens eine sonore Stimme. Heute hat sie einen Sao-Paulo-Akzent, ihr Text aber ist der gleiche wie immer. Einen guten Nachmittag wünscht der schlaksige junge Mann jedem einzelnen Passagier. Er sei hier auf Mission seiner Arbeit für junge Menschen und Familienväter, die in die Unterwelt der Drogen abgetaucht seien. Wenn einer von uns einen solchen Menschen in der Familie habe, so helfe uns dieses kleine Pamphlet, das als Päckchen mit einem hübschen Kugelschreiber und einem beleuchteten Schlüsselanhänger verpackt ist. Für eine kleine Spende von nur 2 Reais gebe es diese Päckchen, die Menschen aus der Unterwelt retten können.

Er selbst sei auch acht Jahre lang abhängig gewesen, von Crack und Kokain und Alkohol und Marihuana, sagt der junge Mann. Er sei aus Sao Paulo hergekommen, zum Entzug. Ihm sei geholfen worden, jetzt wolle er anderen helfen. Gott werde uns danken, wenn er unser Herz berühren konnte. Und so weiter. Viele kaufen die Päckchen. Zwei Reais können die meisten eben noch entbehren, ein Drogenproblem gibt es in den meisten Familien, ein Herz hat jeder, und Gottes Dank ist auch nicht zu verschmähen. Ich schätze, die Missionare für den Drogenentzig gehören zu den erfolgreichsten Busbettlern im Großraum Recife.

Ich habe mich schon oft gefragt, was bei diesem Sammeln rumkommt, das angeblich das ganze Entzugszentrum finanziert. Heute rechne ich endlich nach. Wenn jedes verkaufte Päckchen sagen wir einen Real Gewinn bringt, dann hat der Schlaks heute nach Abzug des Buspreises in etwa 10 Minuten Vortrag rund 3 Reais eingenommen. Hochgerechnet wären das 18 in der Stunde, deutlich über hundert am Tag, bei einer Fünftagewoche weit über 2000 im Monat. Dreißig von ihnen seien unterwegs in den Bussen der Stadt, hat der Schlaks gesagt, und sechzig in Behandlung. Das macht womöglich mehr als 60.000 im Monat, mehr als 1000 pro Behandelten, nicht schlecht.

Kaum will ich wieder einnicken, weckt mich eine andere Stimme. Einen schönen Nachmittag wünscht der Bedürftige jedem einzelnen Passagier (sich an „jeden einzelnen“ zu wenden, müssen diese Jungs in einem Seminar fürs professionelle Busbetteln lernen, sie haben es alle, alle drauf). Und er wolle um eine kleine Unterstützung bitten. Er sei morgens um sechs Uhr aus dem Haus gegangen, auf der Suche nach einem Hilfsjob, allein vergebens. Er habe Familie, wie wir, er wolle überleben wie wir. Deswegen bitte er hier um eine kleine Unterstützung. Gott werde es uns danken. Familie hat jeder, einen festen Job kaum jemand, kurz: auch dieser Mann bekommt auf seiner Tour durch unseren Bus ein paar Münzen zusammen.

Warum also macht er sich jetzt wieder von vorne auf den Weg? Einen schönen Nachmittag, jedem einzelnen von Ihnen, tönt es neben meinem Ohr. Das ist nicht der Gleiche, das ist schon wieder ein neuer Busbettler. Dieser trägt Rauschebart und reichlich Übergewicht und will uns – im Namen Jesus – um eine kleine Unterstützung bitten. Weil er nämlich vier kleine Kinder hat. Oha, in dem Alter?, denke ich, und im selben Moment tönt es resolut aus dem hinteren Busteil: „Du hinterfotziger Alter, was brauchst du denn noch kleine Kinder! Geh lieber arbeiten!“ Das nimmt der Alte zum Stichwort, um seine Bittrede erstaunlich spontan in eine flammende Predigt umzuwandeln. Die damit beginnt, dass es Gott nicht gefalle, wenn seine Schäfchen den Nächsten nicht ehren – ihn nämlich. Wer Gottes Willen nicht tue, der komme in die Hölle, jawoll. Und außerdem Homosexuelle und Huren, das sei alles nichts wert, komme alles in die Hölle. Immer heftiger wird der Gottesmann, immer röter sein Gesicht – und immer frostiger die Atmosphäre im Bus. Dass seine Chancen auf milde Gaben gerade unter Null rutschen, scheint er nicht zu bemerken. Unter lauten Geschimpfe sowohl seinerseits, als auch seitens der Passagiere, und vielen „in Jesus Namen“, seinerseits, drängt sich der erfolglose Bettler durch den Bus.

„He Busfahrer“, brüllt die Frauenstimme von vorhin, „jetzt lässt du aber keine solchen Wegelagerer mehr rein, ja! Wir malochen für unser Geld, wir haben nichts übrig für solche Nichtsnutze!“ Vor dem Kassierer zählt gerade ein Mann Kleingeld für das Busticket, aber es scheint nicht zu reichen. Da dreht sich der Mann zu uns und hebt an: „Ich wünsche jedem einzelnen von Ihnen einen guten Nachmittag und bitte…“. Die Worte „.. um eine kleine Unterstützung“ gehen bereits im lautstarken Protest der Passagiere unter. Das macht den Mann wütend. „Das gefällt Gott nicht“, droht er, „Gott mag es nicht, wenn einer gibt, aber dabei denkt, das ist doch ein Nichtsnutz, ein Dieb, ein…“, lange sucht er nach einer Steigerung, bis er sie endlich findet: „… ein Kiffer!“ Mit offenem Herzen müsse man geben. Ja, es gebe Menschen, die Jesus Namen beschmutzen, die in Seinem Namen stehlen, aber ER gehöre zu den ehrenhaften Menschen, das müsse doch jeder gleich sehen. „Schwätz nicht rum, geh nach Hause, hier gibt’s nichts für dich“, bescheidet ihm die resolute Frau von hinten.

„Also ehrlich“, sagt meine Nachbarin, „die meisten sind doch einfach faul.“ Die andere ergänzt: „Und dann betteln sie noch in Jesus Namen, das ist doch das Allerletzte!“ Und die Frau von hinten brüllt: „Fahr nur zu Fahrer, drück mal richtig auf die Tube, und lass bloß niemanden mehr rein!“ Halt, brüllt da der Bettelnde, stopft eilig sein Kleingeld wieder in die Tasche, und macht sich auf, wieder auszusteigen. „Muss ich ja nun, hat ja nicht geklappt“, sagt er zum Abschied vorwurfsvoll an niemanden Bestimmtes gerichtet. Sogar beim Busbetteln ist die Konkurrenz groß geworden.

Foto: Diese Frau bittet für ihr krankes Kind. Bild gesehen bei http://olivacijunior.blogspot.com/2010_04_01_archive.html

Sonntag, 1. November 2009

Endlich Frieden für die Banditen


„Bewohner von Mittelklasse-Vierteln werden die Favela-Agglomeration Complexo do Alemão, im Norden von Rios beneiden”, behauptete Dilma, Lulas Präsidentschaftskandidatin bei einem Besuch dort zu Anfang dieses Monats. Eine erstaunlich optimistische Prognose, wenn man bedenkt, dass der Complexo do Alemão zu den gefährlichsten Gegenden von Rio gehört und fest in den Händen ihres “Besitzers” FB liegt. Drogengroßhändler Fabiano Anastácio da Silva, besser bekannt als Fabiano der Geier oder eben kurz FB, herrscht wie ein König, er lässt auf dem Hügel „Alemão“, der 13 Favelas mit insgesamt 65.000 Einwohnern zusammenfasst, nach Belieben Menschen festnehmen, frei lassen oder töten.

Im September vergangenen Jahres etwa wurden diverse verkohlte Leichen von minderen Drogenhändlern aufgefunden. Damals hatten mehr als 800 Polizisten in einem Großeinsatz den Complexo gestürmt. Außer den Leichen fanden sie 20 Kilo Kokain, 30 Kilo Marihuana, 3 Maschinengewehre, 32 zwölf-kalibrige Schrotflinten und reichlich Munition. Es wäre naiv, anzunehmen, dies sei das gesamte Waffenarsenal gewesen, über das Fabiano der Geier verfügt.

Dennoch kündigte Rios Sicherheitschef José Mariano Beltrame damals statt weiterer Aktionen an, er werde seine Männer vom Complexo do Alemão abziehen. Weil ihre Gegenwart die Aktionen des PAC stören könnte. Seine euphemistisch verbrämte Aussage bedeutet im Klartext: Favela-Chef FB könnte sich durch die Anwesenheit der Polizisten gestört fühlen. Und wenn der totalitäre Herrscher dieses Reichs innerhalb der Stadt Rio sich gestört fühlt, dann wird auch aus dem PAC nichts. Und der PAC wiederum, soll ja laut Dilma dafür sorgen, dass die Mittelklasse-Bevölkerung demnächst lieber im Complexo do Alemão wohnen will, als in ihren Mittelklasse-Vierteln. Dafür sollen umgerechnet rund 260 Millionen Euro in den Complexo fließen – mehr als dreimal so viel als im Jahr 2008 in ganz Brasilien für neu angelegte städtische Kanalisationssysteme ausgegeben wurde.

Gebaut werden die größte Erste-Hilfe-Station des Bundesstaates Rio de Janeiro, Wohneinheiten für Bedürftige und sechs Drahtseilstationen. Die Drahtseilbahn soll die Bewohner des Complexo mit dem Stadtzentrum verbinden und so ihre Beweglichkeit erhöhen. Bis Ende 2010 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Ein großes Geschenk des Staates an seinen Gegenspieler, und das sollen die Menschen des Alemão natürlich mit Kandidatin Dilma verbinden. Damit sie gleich wissen, wem sie dankbar sein und wen sie also nächstes Jahr wählen sollen. Dilma zeigte sich bei ihrem – höchstwahrscheinlich mit Parallelherrscher FB abgesprochenen – Besuch beeindruckt von Qualität und Ausmaßen der Baumaßnahmen und äußerte die Ansicht, die Gewalt, welche die Gegend bislang prägt, werde sicher abnehmen. Weil der Staat ja nun seine Pflichten in der Slum-Agglomeration do Alemão nicht mehr ignorierte.

Schon zwei Wochen später bekamen Dilmas schöne Worte einen hässlich zynischen Unterton, als Vertreter der Drogenmafia Comando Vermelho einen Polizeihubschrauber abschossen, der einen internen Konflikt zweier Fraktionen überflog. Beltrame verglich die Aktion dramatisch mit dem Angriff der AL Qaeda auf die USA. So überrascht waren nicht alle von diesem Gewaltausbruch: Die Ex-Polizeichefin und jetzige Abgeordnete Marina Magessi hatte bereits kurz nach der Rede der Kandidatin Dilma gewarnt: „Seit die Polizei wegen der PAC-Baumaßnahmen den Complexo do Alemão meidet, fliehen die ganzen Banditen dorthin.“.

Letzten Sonntag feierte der Complexo do Alemão mal wieder eine Funk-Party – ein Freudenfest anlässlich des abgeschossenen Polizei-Hubschraubers. Dabei sang DJ Will den beliebten Refrain: „Hier kommt die Militärpolizei nicht rein, hier gibt es nur Taliban, Terroristen der Al Qaeda!“.

Also hat Lula sein Ziel erreicht. Im Dezember des vergangenen Jahres hatte er angekündigt, er werde den Complexo do Alemão in ein „Territorium des Friedens“ verwandeln. Auch Dilma hat Recht: Der Complexo ist tatsächlich friedlicher geworden. Für die Banditen.

Foto (Banditen fackeln Busse ab): Ricardo Moraes/Reuters

Montag, 23. März 2009

Haben wir uns wirklich daran gewöhnt?


Gestern abends saß ich mit Freunden im alten Hafenviertel von Recife unter Bäumen. Ein Schlagzeuger, ein Kontrabassist und ein Saxophonist spielten Jazzklassiker von Over the rainbow bis Summertime. Irgendwann kam eine uneitel wirkende junge Frau dazu und machte mit ihrer Stimme Töne zum Gänsehautbekommen, wie früher Ella Fitzgerald oder hierzulande Elis Regina. Das war so schön, dass den Zuhörern an den Bartischen manchmal momenteweise die Konversation erstummte. So etwas kommt nicht oft vor bei den gesprächsfreudigen Recifensern. Katharina, so hieß die Frau, mag ein bisschen mit schuld daran sein, dass es bis auf weiteres jeden Sonntag Jazz in Recife Antigo geben wird.

Bis auf weiteres heißt: Bis das Publikum der neuen Attraktion müde ist und die Bar durch die Musik keinen besseren Umsatz macht. Oder, bis die sensationelle Sängerin wieder abgereist ist. Katharina ist nämlich Engländerin, seit eineinhalb Jahren hier und hat Recife allmählich satt. Das erklärt ihr brasilianischer Freund und sieht dabei nicht sehr glücklcih aus. Sie hingegen sieht nicht im mindestens aus, als habe sie irgendetwas satt, in diesem Moment. Was gefällt ihr denn nicht? Ihr brasilianischer Freund druckst ein bisschen. Dann sagt er es doch. „Die Gewalt“.

Wer würde an einem solchen lauen Abend mit so wunderbarer Musik an Gewalt denken? Ich hatte nicht daran gedacht. Meine Freundin auch nicht. Vielleicht sind die Engländer da empfindlicher, überlegt sie, vielleicht haben wir uns einfach mehr daran gewöhnt, dass wir hier mit Gewalt leben müssen.

Damit leben müssen wir wirklich, keine Frage. Letztens zum Beispiel, wurde hier im Nachbarviertel einer umgebracht. Ein recht frisch Zugezogener, der eine gut gehende Kneipe führte. Niemand weiß, ob er einem alten oder einem neuen Streit zum Opfer gefallen ist. Aber eine schwerwiegende Angelegenheit muss es gewesen sein, denn die Täter haben ihn nach dem eigentlichen Mord noch gevierteilt. Die Kneipe des Opfers ist vielleicht drei Kilometer Luftlinie von meinem Haus entfernt. Für mich bleibt die Tat trotz der geographischen Nähe so unvorstellbar, dass die Geschichte etwas Irreales hat. Es geschehen gelegentlich Morde hier. Meist sind es Abrechnungen unter Drogenabhängigen und Drogenhändlern, gelegentlich Eifersuchtsdramen. Normalerweise erzählt mir eine Nachbarin so eine Geschichte, und ich versuche, mir keine Einzelheiten dabei vorzustellen.

Seit dem ersten Januar 2009 sind in Recife 957 Menschen ermordet worden, Heute waren es bislang 22, diesen Monat 216 – so vermeldet der PE Body Count, eine Privatinitiative, die auf Gewalttaten hinweist und dafür im Stadtteil Derby in Recife sogar einen öffentlichen Mord-Zähler aufgestellt hat. Der Body Count läuft seit mehr als einem Jahr – verbessert hat sich die Lage seitdem nicht. Statistiken zeigen: Vor allem junge männliche Täter erschießen junge männliche Opfer. Vor allem in der Peripherie, vor allem nachts, vor allem nach Alkoholgenuss. Wer nicht zur Zielgruppe gehört, mag sich so halbwegs sicher fühlen.

In der Nacht vom Donnerstag auf Freitag ist im Vorort Jaboatao der Pfarrer Ramiro Ludeño erschossen worden. Der Padre war 64 Jahre alt und sein Fehler war es womöglich, einen Hilux zu fahren – ein Geländewagen in einer Preisklasse, die in Jaboatao Aufsehen erregt. In dieser Nacht die Aufmerksamkeit eines mageren jungen Drogensüchtigen, der sich erhoffte, vom Fahrer eines solchen Wagens sei ordentlich Asche zu holen. Vielleicht war der Pfarrer auch nicht ängstlich genug. Er händigte dem Dieb nämlich kein Geld aus, sondern griff statt dessen zur Gangschaltung. Darauf schoss der junge Mann und floh – ohne etwas erbeutet zu haben.

Der spanische Pfarrer Ramiro hatte 34 Jahre in Jaboatao gelebt. In dieser Zeit hat er sein Leben jungen Leuten ohne Perspektive gewidmet, denen er Jobs, Ausbildungsplätze und eine Zukunft besorgte. Menschen wie sein Mörder. Es haben viele geweint auf der Beerdigung von Padre Ramiro. Weil gerade die Bewohner der Peripherie sich nicht daran gewöhnen wollen, dass die Gewalt überall sein kann.

Am Sonntagabend spricht keiner vom Tod des Padre. Wir lauschen der Stimme der jungen Engländerin und spüren die nächtliche Brise auf der Haut. Heißt das wirklich, wir haben uns gewöhnt?

Foto: Casa da Moeda

Freitag, 21. November 2008

Der schöne Fabio und die Droge


Fabio Assuncao ist hier in Brasilien so etwas wie eine Mischung aus Til Schwaiger und Moritz Bleibtreu. Groß, blond und mit leuchtend blauen Augen, ist er das Mensch gewordene tropische Schönheitsideal für Männer. Ich habe den Super-Star vor Jahren einmal getroffen, als er bei der brasilianischen Variante von Oberammergau den Jesus gab: Er war nett und zugänglich und posierte bereitwillig mit der Pressedame, die mich begleitete und angesichts dieses Traummannes den eigenen – ebenfalls anwesenden - sofort und vollständig vergaß. Soviel zu seiner Wirkung. Damals. Als ich Fabio das letzte Mal sah, trat er in einer der Telenovelas als Held auf – immer noch groß und blond und blauäugig, aber seltsam abgemagert, müde und mit tiefen Schatten unter den Augen. „Der ist aber schnell alt geworden“, dachte ich mir. Jetzt weiß ich es – ebenso wie das restliche Brasilien - besser: Der schöne Fabio ist dem Kokain verfallen.

Die ersten haben das spätestens im Januar dieses Jahres vermutet, als der Schauspieler in Gesellschaft eines bekannten Dealers in Rio erwischt und deswegen zur Aussage gebeten wurde. Familienmitglieder sagten damals aus, Fabio nehme Kokain und sei deswegen in Behandlung. Die soll er abgebrochen haben. Und jetzt liegt am Kiosk eines der großen Nachrichtenmagazine mit der Schlagzeile: „Der Kampf ums Leben“ - ließe sich auch als "Kampf für das Leben" übersetzen. Natürlich geht es um die Droge.

Ziemlich reißerisch. Trotzdem war ich beeindruckt, denn wann spricht schon mal einer der Showstars über seine Suchtprobleme. Bis vor nicht allzu langer Zeit umgab gerade Kokain ja ein Ruf der Droge der Künstler und Intellektuellen, die den Verstand und die Sinne schärfe. Von Abhängigkeit und Verfall war eher selten die Rede. In seiner spektakulären Kokain-Beichte vermarktete Autor Stuckrad-Barre auch die schlimmsten Stunden noch irgendwie medienwirksam. Hierzulande wurde vor ein paar Jahren nach dem Tod der Sängerin Cassia Eller ebenso von Drogen gemunkelt wie schon einst bei Elis Regina. All diese Berichte waren – vergleichbar mit den Bildern einer erschreckend abgemagerten Amy Winehouse - meist purer Sensationalismus, und hatten mit einer Auseinandersetzung mit Drogen im Showgeschäft nichts zu tun. Von Veja konnte man eventuell mehr erwarten.

Pustekuchen. Das Magazin, das sich selbst gerne als Aufklärer, Wärter der Demokratie und überhaupt sehr seriös darstellt, macht keine Ausnahme. Ja, der Mann ist kokainabhängig. Aber ob, wie und wo er dagegen kämpft, erfahren wir gar nicht. Statt dessen eine Reihe seiner Symptome: Dass er Mühe hatte, Text zu lernen, dass er ständig am Set einschlief wegen der Beruhigungsmittel, die er gegen die Koksüberwachheit nahm. Dass er einmal zusammen gebrochen ist, und man ihm schon seit einiger Zeit beim Abnehmen beinahe zusehen konnte. Solange er trotzdem halbwegs funktioniert hat, durfte er weiter arbeiten. Nun ist vorläufig Schluss: Seine Hauptrolle in der Sechs-Uhr-Novela verschwindet flugs aus dem Drehbuch, und der Darsteller ist auf unbestimmt Zeit frei gestellt, um sich behandeln zu lassen. „Wenn er den Kampf gewinnt, könnte das Zeichen setzen“, behauptet der Autor der Veja-Geschichte.

Ob er solche Zeichen überhaupt setzen will, hat den Star anscheinend keiner gefragt. In seiner Presserklärung zum Ausstieg auf Zeit ist weder von Sucht noch von Kokain die Rede. "Gesundheitliche Gründe" gibt er diffus an. Zur Art, Dauer und sonstigen Details der Behandlung: keine Auskünfte. Und weil der Mann beliebt ist, auch bei den Kollegen, will von denen kaum einer was zum Thema sagen. Vielleicht, um ihn zu schützen. Vielleicht, um sich selbst zu schützen, denn wer weiß, ob sich der eine oder die andere nicht regelmäßig mit dem schönen Fabio zum Teco-Teco getroffen hat - wie die Leute es hier nennen, wenn sich Menschen gesellig ein paar Lines reinziehen. Bekanntlich koksen die Wenigsten allein und im Showbiz-Milieu koksen bekanntlich nicht wenige. Aber darüber redet keiner so gerne.

Nicht mal als Inhalt für eine Novela – Brasiliens wichtigste Informations- und Erziehungsplattform - hat Drogensucht bislang eine Chance gehabt: Zu viel Angst haben die Quotenhörigen vor einer Ablehnung des Themas durch das Publikums. Lesbische Liebe, Prostitution, Aids, häusliche Gewalt – alles haben die Zuschauer in Novelas schon gesehen, diskutiert und schließlich geschluckt. Drogen traut ihnen keiner zu. Das bemerkt der Veja-Autor kritisch. Aber seinem eigenen Publikum traut er die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema offensichtlich ebenso wenig zu.

Der schöne Fabio hat seinem Outing im Nachrichten-Magazin bislang nicht widersprochen. Wahrscheinlich hat er Besseres zu tun. Ich hoffe, dass er seinen heimlichen Kampf tatsächlich gewinnt. Und danach Zeichen setzt: Vor allem für die Medien.

Foto: PR
 
Add to Technorati FavoritesBloglinks - Blogkatalog - BlogsuchmaschineBrasilien