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Samstag, 18. September 2010

Friedenspolizisten, Politskandale und Star-Kandidaten


Während der finanziell ruinierte Star-Fußballer Romário sein Glück als Polit-Kandidat versucht und Dilma Rousseff unter dem Skandal der Freundin Erenice leidet, bin ich in Rios Favelas unterwegs und gucke mir an, was die Friedenspolizisten hier so machen.

In der ältesten Favela des ganzen Landes steht ganz oben hoch über dem Hafen der Stadt eine winzige Kapelle. In der hängt ein einfaches Holzkreuz, und die weiß gekalkte Wand dahinter zieren mehrere Einschuss-Löcher. Drastischer lässt sich kaum illustrieren, wie ein ziviler Kriegszustand aussieht. Trotzdem sind nicht alle Anwohner froh über die bewaffnete Polizei-Präsenz, die seit Monaten Schießereien verhindert. Weil sie auch den illegalen Handel mit geraubten Waren und Fälschungen unterbindet, den Drogenhandel erschwert und überhaupt das ganze Morro in eine andere Lebensrichtung drängt.

Heute Nacht wird in der City of God ein Baile Funk stattfinden, einer dieser Party-Spektakel mit pornografischen Tänzen und harten Texten, die früher von Drogenbossen genehmigt wurden und mit reichlich Drogen und Waffen garniert waren. Dieser Baile ist vom Polizei-Kommandant genehmigt und wird von der Schocktruppe bewacht. Vielleicht gucke ich mir das an - wenn die Cidade de Deuzs nur nicht so furchtbar weit weg wäre.

Jedenfalls ist dies eine spannende Zeit - auch wenn viele skeptisch sagen: das ist nur Wahlkampf, spätestens nach der Olympiade ziehen die ihre Polizisten wieder ab. In der Zwischenzeit bewirken die Polizisten etwas. Und ob das nach der Olympiade noch jemand rückgängig machen kann, ohne sich politisch total zu verbrennen, das ist eine ganz andere Frage.

foto: wollowski

Samstag, 4. September 2010

Kunst und Drogen


„Die Kids hier sollten genauso leicht Zugang zu Kunst haben, wie zu Drogen und Alkohol“. Das hat Lu Araujo gestern zu mir gesagt. Lu hat für Olinda ein Musikfestival erfunden, das eine Woche lang klassische und folkloristische oder poppige moderne Instrumentalmusik in Olindas Barockkirchen bringt. Olinda ist bekannt für seine koloniale Altstadt, die sogar UNESCO-Weltkulturerbe-Rang hat. Von Olindas Slums ist weniger oft die Rede.

Heute traf ich Maestro Ivan, den Leiter des Orchesters für zeitgenössische Musik, Orquestra contemporanea de Olinda. Er arbeitet mit jungen Leuten – auch aus den Slums. Sie spielen unter anderem Musik, die Mestre Ivan erfunden hat. Eine abenteuerliche Mischung aus Klassik und Folklore, nordostbrasilianischen und afrikanischen Traditionen und der Moderne. Ein Kritiker der New York Times hat sie gehört und geschrieben, aus Brasilien sei seit Chico Science nicht mehr so Aufregendes gekommen.

Der Maestro hat mir heute erzählt, dass ihm kürzlich eine vielversprechende Flötenschülerin ihr Instrument zurück gebracht habe. Sie wolle nicht mehr spielen, habe sie dazu gesagt. Als er zu dem Mädchen nach Hause in die Favela V8 ging, um mit der Mutter zu sprechen, merkte der Maestro, dass diese ihm etwas verschweigen wollte. Zwei Wochen später war das Mädchen tot. Gesteinigt. Sie hatte sich in die Welt des Crack hineinziehen lassen und war – ungewöhnlich schnell und gewöhnlich brutal – dabei umgekommen.

Am Montagabend spielt Maestro Ivan mit dem Orchestra contemporanea de Olinda oben auf dem Platz vor der Kathedrale Igreja da Sé. Das ist einer der Höhepunkte der MIMO, Kritiker aus dem ganzen Land werden darüber berichten. In den sieben Jahren, seit die MIMO existiert, haben mehrere Tausend junge und nicht so junge Leute dabei an Workshops und Kursen teilgenommen. Manche waren schon professionelle Musiker, andere wollen es werden. Hoffen wir dass es Lu; Mestre Ivan und all den anderen gelingt, für immer mehr Kinder und junge Leute Kunst genau so erreichbar zu machen, wie Drogen. Damit sie wenigstens eine Wahl haben.

Foto: Promo

Dienstag, 3. August 2010

Zico haut auf den Tisch


So geht es nicht weiter. Brasilien wird in absehbarer Zeit die beiden größten Sportereignisse der Welt beherbergen, und gleichzeitig geraten immer wieder gerade die Sportstars in Schlagzeilen. Genauer gesagt, die Fußballer. Zuletzt und am schrecklichsten Bruno, der Torhüter und Kapitän des Vereins Flamengo in Rio de Janeiro. Gerade der Flamengo, der einst Größen wie den legendären Zico hervorgebracht hat. Wie gesagt, so geht es nicht weiter. Deshalb haut jetzt Zico haut jetzt auf den Tisch.

Seit zwei Monaten ist er in der Direktion des traditionellen Vereins – und musste dabei die schlimmste Phase des Vereins erleben. Fehltritte bringen Brasiliens Fußballstars regelmäßig – und häufig werden ausufernde Orgien, uneheliche Kinder, außereheliche Beziehungen, gar Kontakte zu käuflichen Transvestiten mit der einfachen Herkunft der Kicker erklärt. Die Favela-Wurzeln müssen auch als Erklärung herhalten, wenn die oft schwerreichen Jungs die Nähe von Banditen suchen. Fast schien es, als sei der Verein wie eine Mutter, die dem fehlgeleiteten Sohn alles verzeiht. Bruno etwa, wurde von seinem Verein nur beurlaubt, als ihm kriminelle Machenschaften bereits nachgewiesen waren und er außerdem unter schwerem Mordverdacht stand. Dagegen wirken andere Details wie Kinkerlitzchen. Etwa dass häufig für den frühen Morgen angesetzte Trainings verschoben werden mussten - weil mancher Star so früh einfach nicht erschien, womöglich weil er noch verkatert war.

Jetzt soll Schluss sein mit der mütterlichen Nachsicht. Wie ein strenger Vater will Zico endlich Konsequenz einführen, die bekanntlich bei jeder Art von Erziehung unerlässlich ist. Wer beim Flamengo fehlt, bekommt künftig Konsequenzen zu spüren, die von Strafgeldern über Sperrung bis zum Ausschluss aus dem Verein reichen sollen. „Wir sprechen hier von Idolen, die Millionen Brasilianer bewundern und imitieren. Ihr Verhalten sollte sich auf der Höhe dieser Vorbildrolle bewegen“, sagt Zico in einem Interview der Zeitschrift Veja. Eventuelle Vorbehalte, Vereine sollten sich nicht ins Privatleben ihrer Spieler einmischen, lässt er ebenso wenig gelten, wie die Herkunftsentschuldigungen. Ohne Disziplin gehe es nicht, sagt der Altstar, der in sechs Ländern als Spieler und Trainer gearbeitet hat, nur mit Talent komme niemand weit. Dafür seien die Vereine verantwortlich – und auch die Agenten der Spieler, die häufig nur schnelles Geld sähen, anstatt ihre Klienten menschlich zu beraten.

Ob es Zufall ist, dass Ronaldo Fenómeno gerade jetzt seinen Ausstieg für 2011 ankündigt? Das Wunderkind der WM 2002 kam immer mal wieder wegen ausufernden Partys oder wechselnder Gespielinnen in die Medien, aber noch treuer begleitete ihn ein anderes Disziplinproblem während seiner ganzen Karriere: die Vorliebe für Leckeres vom Grill und das daraus folgende Übergewicht. Ab 2011 darf der zum dritten Mal verheiratete Ronaldo endlich schlemmen wie er will. Er wird eine Eventfirma leiten, die außerdem auch Fußballerkarrieren betreut. Hoffentlich in Zicos Sinne.

Foto (Zico) gesehen bei: http://urubunews.com.br/francisco-aiello-novo-comentarista-o-zico-dirigente/

Freitag, 23. Juli 2010

Neue Banditen an die Macht?


Bald ist es wieder soweit. Das brasilianische Volk wird seine Vertreter wählen. Und die Banditen stehen schon Schlange. Das darf man sich getrost vorstellen wie ein direktes Erbe der Kolonialzeit: Damals haben die Herren einfach ihren den Sklaven und sonstigen Untertanen gesagt, wo es lang ging. Und als es dann etwas zu wählen gab, hieß das noch lange nicht, dass wirklich gewählt wurde. Denn natürlich gab es da immer noch Herren, die ihren Untertanen sagten, wo das Kreuz zu machen war.

Heute sagen die Bandenchefs auf den Hügeln vor allem von Rio de Janeiro schon den Kandidaten, ob sie überhaupt Wahlkampf machen dürfen, in dem jeweiligen Slum. Und vorsichtshalber auch noch den Bewohnern desselben, wen sie zu wählen haben. Natürlich vorzugsweise Leute aus den eigenen Reihen. Das klappt gut und ist schwer nachweisbar. Bei den letzten Wahlen hat das Wahlgericht in Rio recherchiert, dass mindestens 100 der Kandidaten für politische Ämter in der Stadt zur Zeit des Wahlkampfs des Mordes angeklagt oder sogar bereits wegen eines Mordes verurteilt waren. Untersucht hat das Gericht diese Fälle nicht etwa, um diese Kandidaten auszuschließen. Die Beamten forderten einen Metalldetektor am Eingang ihres Gerichtsgebäudes und brauchten dafür Argumente. Solange ihnen keine Verbindung zum organisierten Verbrechen nachgewiesen ist, durften Mörder so lange gewählt werden, bis sie in letzter Instanz verurteilt waren. Ganz legal.

Damit soll jetzt Schluss sein. Bei den jetzt bevorstehenden Wahlen soll bereits das neue Wahlgesetz in Kraft treten. Mehr als eineinhalb Millionen Menschen hatten ihre Unterschrift unter den Gesetzesentwurf gesetzt, der im Mai verabschiedet worden ist und strengstes Vorgehen gegen Wahlverbrechen vorsieht. Wegen bestimmter Verbrechen vorbestrafte Kandidaten sollen gar nicht mehr zugelassen, Stimmenkauf und Co. generell verhindert werden. Das klingt gut und ist sicher ein Fortschritt. Ob aber wirklich alle Banditen außen vor bleiben – da ist sich nicht mal der Präsident des Wahlgerichts sicher, wie er kürzlich in einem Interview der Zeitschrift Veja zugab.

„Man darf nicht vergessen, dass die politischen Parteien die ersten sind, wenn es darum geht, Kandidaten mit schmutziger Weste zu legitimieren“, sagte Nametala Machafo Jorge reichlich direkt. Und genau hier schließt sich der Kreis. Die Banditen auf den Hügeln sagen den Untertanen wo es langgeht, und welcher Kandidat der wichtigste ist. Wenn dadurch dieser Kandidat für eine Partei ein interessantes Gewicht bekommt, - dann wird wohl die Partei einiges für ihn tun. Schmutzige Vergangenheit lässt sich prima vertuschen. Dass theoretisch die Einträge ins Strafregister theoretisch im Internet abrufbar sind, stört dabei keinen großen Geist – erfahrungsgemäß gucken die Wähler da sowieso selten nach.

Die Statistik sagt nichts darüber aus, ob die Nicht-Nachgucker dieselben sind, die für das neue Gesetz gestimmt haben. Oder zu welchem Prozentsatz die 1,6 Millionen Befürworter des neuen Gesetzes aus den Armensiedlungen kommen, in denen laut Gerichtspräsident Nametala „nicht mal das Grundlegendste gesichert ist: dass die Wahlen in Freiheit stattfinden, wie es in einer guten Demokratie der Fall sein sollte.“ Ziemlich sicher scheint hingegen, dass auch diesmal Banditen an die Macht gelangen werden. Vielleicht immerhin ein paar weniger als vor vier Jahren.

Foto : ssp.se.gov.br
So sieht man die Herren Kandidaten natürlich nicht, das Foto zeigt normale Banditen, ganz ohne reingewaschene Westen.

Samstag, 17. Juli 2010

Das Ende eines Fußballmärchens


Wer arm geboren wird in Brasilien, kann problemlos sein ganzes Leben arm bleiben. Oder er steigt auf. Dass es ein Slumbewohner zum Bankdirektor schafft, ist bekanntlich eher selten. Die Chancen darauf, Profi-Fußballer zu werden, sind auch nicht so groß, wie viele träumen, aber im Vergleich stehen sie doch deutlich besser. Am einfachsten ist es immer noch, eine Karriere im Drogen- und Bandenmilieu zu machen. Kein Wunder, dass beides oft sehr nah beieinander liegt.

Wenn ein Nachwuchskicker einen Profivertrag bei einem der großen Vereine bekommt, kann er oft auf einen Schlag seiner Mutter ein Haus und sich selbst ein Auto kaufen. Er wird zum Frauenheld und gern gesehenen Gast auf jeder Party – und selbst die Feinde seiner Kindheit wollen seine Freunde sein. Meist muss er mit dem Vertragsbeginn aber auch hinaus in die Welt der anderen. Die anderen, bei denen er nie dazu gehört hat. Weil die anderen immer schon Geld gehabt haben. Weil sie eine gute Schule besucht haben. Weil sie immer schon eine sichere Zukunft hatten. Dass sie immer noch nicht dazu gehören, verkraften viele nicht.

Manche schmücken sich mit dicken Diamanten und coolen Sprüchen, wie Carlos Alberto, der immer noch bei Bremen unter Vertrag steht, aber wegen seiner Anpassungsschwierigkeiten schon an so viele brasilianische Vereine zurück ausgeliehen wurde, dass man schnell den Überblick verlieren kann. Oder sie verlieren sich in Alkohol und Frauengeschichten wie Adriano, der bei Mailands Inter eine so beneidenswerte Karriere hingelegt hatte. Irgendwann ist der Zwei-Meter-Mann zusammengebrochen und ist untergetaucht. Gesichtet wurde er nach Tagen zuhause in seinem Slum in Rio.

Von Adriano existieren Fotos mit erhobener Waffe – angeblich nur ein Spielzeug. Er hat zugegeben, einem Drogenboss größere Geldmengen zugeschoben zu haben – angeblich, damit dieser Nahrungsmittel an die Armen verteilen sollte. Sein Kollege Vagner Love wird regelmäßig auf Funkparties in zweifelhafter Gesellschaft gesichtet. Alles kein Problem? Alles nur Spielerei? "Wir können die Jungs nicht von ihren Wurzeln abschneiden, da kommen sie eben her" – heißt es gerne von Seiten der Vereine. Das mag stimmen. Aber jetzt ist es komplizierter geworden. Im Fall Bruno.

Bruno ist ein vielversprechender junger Torwart, unter Vertrag beim traditionellen Flamengo-Club in Rio. Der 25Jährige verdient momentan beinahe 100.000 Euro im Monat und hat sich von seinem neuen Reichtum bereits ein Haus in Belo Horizonte, eine Wohnung in Rio und einen Jeep gekauft. Unter anderem. In die Schlagzeilen ist er jetzt allerdings wegen einer anderen Sache gekommen. Bruno steht unter dringendem Verdacht, an einem Mord beteiligt zu sein.

Bei einer Party, die der junge Mann selbst als „Orgie“ bezeichnet, hat er eine junge Frau kennengelernt. Eliza sah gut aus, war jung und sie war vor allem scharf darauf, einen Profi-Fußballer zum Freund zu haben. Dafür war sie schon mit mehreren ins Bett gegangen. Vor gut einem Jahr tat sie das auch mit Bruno. Und wurde schwanger. Das Sex-Intermezzo hatte dem Torwart so gut gefallen, dass er es noch mindestens zweimal wiederholte. Die Folgen gefielen dem seit Jahren verheirateten Star gar nicht. Er soll Eliza deswegen mit folgenden Worten gedroht haben: Ich will dieses Kind nicht und ich bin zu allem bereit, damit du dieses Kind nicht bekommst. Du kennst mich nicht und weißt nicht, wozu ich fähig bin, denn ich komme aus der Favela.“

Eliza ist tot. Misshandelt, verprügelt und schließlich erwürgt, zerteilt und Rottweilern zum Fraß vorgeworfen. Es sieht ganz so aus, als habe Bruno das veranlasst, der junge Held aus dem Fußballmärchen. Wie ist so eine Barbarei zu erklären? Weil Bruno aus der Favela kommt? Weil das seine Wurzeln sind? Weil er bei seinem kometenhaften Aufstieg jegliches Gefühl für die Realität verloren hat? Oder ist er einfach ein Psychopath, der zufällig auch noch Fußballer ist?

Foto: http://urubuzadams.wordpress.com/noticias/

Sonntag, 1. November 2009

Endlich Frieden für die Banditen


„Bewohner von Mittelklasse-Vierteln werden die Favela-Agglomeration Complexo do Alemão, im Norden von Rios beneiden”, behauptete Dilma, Lulas Präsidentschaftskandidatin bei einem Besuch dort zu Anfang dieses Monats. Eine erstaunlich optimistische Prognose, wenn man bedenkt, dass der Complexo do Alemão zu den gefährlichsten Gegenden von Rio gehört und fest in den Händen ihres “Besitzers” FB liegt. Drogengroßhändler Fabiano Anastácio da Silva, besser bekannt als Fabiano der Geier oder eben kurz FB, herrscht wie ein König, er lässt auf dem Hügel „Alemão“, der 13 Favelas mit insgesamt 65.000 Einwohnern zusammenfasst, nach Belieben Menschen festnehmen, frei lassen oder töten.

Im September vergangenen Jahres etwa wurden diverse verkohlte Leichen von minderen Drogenhändlern aufgefunden. Damals hatten mehr als 800 Polizisten in einem Großeinsatz den Complexo gestürmt. Außer den Leichen fanden sie 20 Kilo Kokain, 30 Kilo Marihuana, 3 Maschinengewehre, 32 zwölf-kalibrige Schrotflinten und reichlich Munition. Es wäre naiv, anzunehmen, dies sei das gesamte Waffenarsenal gewesen, über das Fabiano der Geier verfügt.

Dennoch kündigte Rios Sicherheitschef José Mariano Beltrame damals statt weiterer Aktionen an, er werde seine Männer vom Complexo do Alemão abziehen. Weil ihre Gegenwart die Aktionen des PAC stören könnte. Seine euphemistisch verbrämte Aussage bedeutet im Klartext: Favela-Chef FB könnte sich durch die Anwesenheit der Polizisten gestört fühlen. Und wenn der totalitäre Herrscher dieses Reichs innerhalb der Stadt Rio sich gestört fühlt, dann wird auch aus dem PAC nichts. Und der PAC wiederum, soll ja laut Dilma dafür sorgen, dass die Mittelklasse-Bevölkerung demnächst lieber im Complexo do Alemão wohnen will, als in ihren Mittelklasse-Vierteln. Dafür sollen umgerechnet rund 260 Millionen Euro in den Complexo fließen – mehr als dreimal so viel als im Jahr 2008 in ganz Brasilien für neu angelegte städtische Kanalisationssysteme ausgegeben wurde.

Gebaut werden die größte Erste-Hilfe-Station des Bundesstaates Rio de Janeiro, Wohneinheiten für Bedürftige und sechs Drahtseilstationen. Die Drahtseilbahn soll die Bewohner des Complexo mit dem Stadtzentrum verbinden und so ihre Beweglichkeit erhöhen. Bis Ende 2010 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Ein großes Geschenk des Staates an seinen Gegenspieler, und das sollen die Menschen des Alemão natürlich mit Kandidatin Dilma verbinden. Damit sie gleich wissen, wem sie dankbar sein und wen sie also nächstes Jahr wählen sollen. Dilma zeigte sich bei ihrem – höchstwahrscheinlich mit Parallelherrscher FB abgesprochenen – Besuch beeindruckt von Qualität und Ausmaßen der Baumaßnahmen und äußerte die Ansicht, die Gewalt, welche die Gegend bislang prägt, werde sicher abnehmen. Weil der Staat ja nun seine Pflichten in der Slum-Agglomeration do Alemão nicht mehr ignorierte.

Schon zwei Wochen später bekamen Dilmas schöne Worte einen hässlich zynischen Unterton, als Vertreter der Drogenmafia Comando Vermelho einen Polizeihubschrauber abschossen, der einen internen Konflikt zweier Fraktionen überflog. Beltrame verglich die Aktion dramatisch mit dem Angriff der AL Qaeda auf die USA. So überrascht waren nicht alle von diesem Gewaltausbruch: Die Ex-Polizeichefin und jetzige Abgeordnete Marina Magessi hatte bereits kurz nach der Rede der Kandidatin Dilma gewarnt: „Seit die Polizei wegen der PAC-Baumaßnahmen den Complexo do Alemão meidet, fliehen die ganzen Banditen dorthin.“.

Letzten Sonntag feierte der Complexo do Alemão mal wieder eine Funk-Party – ein Freudenfest anlässlich des abgeschossenen Polizei-Hubschraubers. Dabei sang DJ Will den beliebten Refrain: „Hier kommt die Militärpolizei nicht rein, hier gibt es nur Taliban, Terroristen der Al Qaeda!“.

Also hat Lula sein Ziel erreicht. Im Dezember des vergangenen Jahres hatte er angekündigt, er werde den Complexo do Alemão in ein „Territorium des Friedens“ verwandeln. Auch Dilma hat Recht: Der Complexo ist tatsächlich friedlicher geworden. Für die Banditen.

Foto (Banditen fackeln Busse ab): Ricardo Moraes/Reuters

Sonntag, 18. Mai 2008

Eine Favela zum Anfassen

Ob es der Ruch des Gefährlichen ist? Die romantisch-verklärte Vorstellung einer Gemeinschaft der Unterdrückten? Der harte Beat, der Leben und Sterben auf den Hügeln zu untermalen scheint? Irgend etwas finden die Fremden an der Favela, dieser brasilianischen Armensiedlung. Vor allem, wenn sie so einen unvergleichlichen Blick bietet, wie auf den Hügeln von Rio de Janeiro.

Angefangen hat es mit den Favela-Touren - manche erinnert die Fahrt in offenen Jeeps an eine Safari-Tour mit Großwildbeobachtung, aber inzwischen besuchen die meisten diverse Sozialprodukte in den Siedlungen, die zumindest einen kleinen Anteil am Umsatz einstreichen. Dann kam der Film City of God über die Favela Cidade de Deus: er soll weltweit knapp eine halbe Million Menschen in die Kinos gelockt haben. Und Baile Funk, die Musik der Favela-Parties, auf denen die Bandenmitglieder gerne mit erhobenem MG tanzen, läuft erfolgreich in Clubs und London. Paris und Berlin. Neuerdings vertreten von einem Deutschen: MC Gringo, der das heimatliche Stuttgart gegen eine Armensiedlung von Rio eingetauscht hat, und jetzt die Favela-Musik in der Welt verbreiten will.

Die letzte Woche habe ich in der Favela Pereira da Silva verbracht, in der auch MC Gringo lebt, wenn er nicht gerade auf Deutschland-Tournee ist. Angeblich lebt er in einer ziemlich schicken 80-Quadratmeter-Wohnung. Deren Miete er angeblich nicht gerade pünktlich bezahlt. Damit ist einiges bereits gesagt: Erstens ist Pereira da Silva vermutlich die zahmste aller Favelas in Rio, weil hier die Elitetruppe Bope trainiert und verhindert, dass die Drogenmafia auf dem kleinen Hügelstück herrscht. Zweitens ist so eine kleine Favela von der Struktur eher mit einem Dorf als mit einem Viertel einer Millionenstadt zu vergleichen – jeder weiß alles über jeden, manchmal sogar noch ein bisschen mehr. Und drittens gibt es in der Pereira da Silva eine Pousada.

Die Pousada Favelinha ist nicht billiger als die Backpacker-Hotels im Viertel Catete. Trotzdem ist sie beliebter. Vielleicht, weil man sich bei nur fünf Zimmern und reichlich Gemeinschaftsraum mit Aussicht eher zuhause fühlt als in einem Hotel. Vielleicht, weil Andreia, die Chefin des Hauses, mit ihrer schnoddrigen Art eine ganz besondere Stimmung zu schaffen versteht. Vielleicht aber auch, weil die Fremden es ungeheuer spannend finden, in einer echten Favela zu wohnen.

Brasilianer kommen nämlich keine. "Die haben Vorurteile", vermutet Andreia. Nur ein japanischstämmiger Brasilianer war mal da, der schon seit Jahren im Ausland wohnte. Besonders gerne buchen Deutsche, Skandinavier und Holländer in der Favelinha. Wenn sie erst einmal da sind, zittern manche vor Angst, weil sie das Haus ja auch mal verlassen müssen. Hätten dann gerne einen Begleiter. Mit manchen klettert der Russo (der zwar Russe genannt wird, aber eigentlich Deutscher ist) die steilen Stufen vom größten Bau der ganzen Siedlung hinab bis zum Minibus, der sie in wenigen Minuten zum Largo do Machado fährt, in die Welt, in der auch die anderen Rucksackreisenden unterwegs sind. (Und in der die Chance, einem Taschendieb zu begegnen, deutlich höher ist.)

Die Stufen sind im Fall Pereira da Silva womöglich der größte Unterschied. Alles, alles, alles kommt und geht über die Stufen: Lebensmittel, Möbel, Kühlschränke, Zementsäcke, Müll und Menschen. So ab dem vierten Aufstieg beginnen sich die Anfänger-Muskeln zu gewöhnen - für ein echte Fitneß-Programm müßte man wohl einen Monat bleiben. Ansonsten ist Dorf: Ab dem zweiten Tag grüßt der Alte unten in der Bude am Eingang, ab dem dritten auch der Minibusfahrer. Und ein bißchen Favela: Am Wochenende wechselt auf der großen Muttertagsparty die Musik von Schmalz irgendwann bis zum harten Beat des Rio Funk, vielfach verstärkt durch das Hügel-Echo. Und an einem anderen Tag ballern irgendwo auf einem benachbarten Hügel tatsächlich Schüsse. Wie um die Fremden daran zu erinnern, dass sie sich in der Armensiedlungs-Variante für Anfänger befinden.

Für eine Recherche musste ich zwischendurch in die Cidade de Deus. Geht klar, sagte meine Kontaktperson zu mir, du kannst ruhig kommen. In der vergangenen Woche wäre das schwieriger gewesen, „da haben sie hier ein knappes Dutzend Leute umgenietet.“ Ich habe mir in der Cidade de Deus ein Fußball-Projekt angesehen. Dessen Trainer hat seinen Job bekommen, als sein Vorgänger unerwartet verstorben ist. An einer Querschläger-Kugel. Das ist weniger romantisch. Gut, dass es die Pereira da Silva gibt. Eine Favela zum Anfassen für die neugeirigen Fremden.
 
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