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Samstag, 17. April 2010

Skalpierte Frauen

Zurzeit läuft in Nordbrasilien eine Kampagne gegen das Skalpieren. Ja, in Brasilien wird bis heute skalpiert. Gar nicht mal selten. Vollständige Erhebungen gibt es nicht, aber es sind wohl mindestens 50 Skalps jedes Jahr, die vor allem im Norden vor allem Frauen und Mädchen vom Kopf gerissen werden. Im Norden nicht etwa deswegen, weil dort besonders viele Indiostämme besonders blutige Bräuche pflegen, sondern weil dort viele Menschen unter bescheidensten Umständen auf Booten leben.

Wer auf einem Boot lebt, verrichtet dort alle Alltagstätigkeiten, vom Waschen und Kochen bis zum Zähneputzen und Haare-Kämmen. In Brasilien hat der Kurzhaarschnitt für Frauen bestenfalls in Metropolen wie Sao Paulo oder Rio bescheidenen Einzug gehalten, für die absolute Mehrheit der Brasilianerinnen ist eine üppige lange Mähne der Inbegriff von weiblicher Schönheit. So auch für die meisten Bootsbewohnerinnen. Wenn diese während der Fahrt auf ihrem Boot ihre langen Haare kämmen, passiert es: Das Haar verfängt sich in der Schraube des ungeschützt offenliegenden Motors, wird aufgewickelt bis an die Haarwurzel – und dann reißt die Motorkraft der Frau den Skalp vom Kopf. Manchmal nur einen Teil der Kopfhaut mit Haaren, manchmal die kompletten Haare, manchmal inklusive Augenbrauen oder sogar Ohren und Teilen der Gesichtshaut. Manche Frauen sterben an den Unfallfolgen, alle werden grausam verunstaltet.

Viele Familien haben nicht genug Geld, der Verletzten eine Perücke zu kaufen, manche kümmern sich aus Abscheu nicht einmal mehr um die Unfallopfer ihrer Familie im Krankenhaus. Die verunstalteten Frauen leben im Abseits der Gesellschaft, finden nur unter großen Schwierigkeiten Partner oder einen Job. Allein im Bundesstaat Amazonas sind schätzungsweise 100.000 Boote mit Personen unterwegs –ein Drittel davon außerhalb jeder Kontrolle. Bislang hat die Vereinigung der skalpierten Frauen 1400 Opfer gezählt, die Dunkelziffer dürfte weit darüber liegen.

Anfang 2010 hat Lula ein Gesetz verabschiedet, das den 28. August zum Tag des Skalpierens erklärt. Kürzlich wurde zudem beschlossen, dass den Skalpierten eine gesetzliche Entschädigung von umgerechnet etwa 1450 Euro zusteht. Das ist selbst in Brasilien kaum genug für eine Schönheits-OP, die den Frauen ein normales Aussehen zurückgäbe. Die Vorsitzende der Vereinigung skalpierter Frauen, Maria do Socorro Pelaes Damasceno, verlor ihren Skalp als Siebenjährige und hat bereits diverse OPs hinter sich, in denen ihr Gesicht wieder hergestellt werden sollte. Bislang ohne zufriedenstellendes Ergebnis. „Wir fordern, dass Chirurgen, die OPs zur Wiederherstellung durchführen, in unseren Bundesstaat kommen, denn wir haben nicht die nötigen Mittel, um zu ihnen nach Sao Paulo oder Rio zu reisen“, sagt Maria

Obwohl bereits im Juli des vergangenen Jahres ein weiteres Gesetz verabschiedet wurde, welches den Einsatz ungeschützter Motoren auf Booten verbietet und mit Bußgeldern sowie Bootsführerscheinentzug bestraft, geht das Skalpieren weiter. „Wie sollen wir denn unseren eigenen Vater oder Ehemann anzeigen, wenn dieser unseren Lebensunterhalt verdient?“, gibt Maria do Socorro zu bedenken.

Hat mal jemand daran gedacht, dass der gesetzlich geforderte Schutz zu teuer sein könnte, für Menschen, die sich nach einem Unfall nicht einmal eine Perücke leisten können? Oder dass es vielleicht mehr Wirkung zeigen würde, Schutzvorrichtungen zu stiften, anstatt Strafen zu verhängen?

foto: Die Vorsitzende der Vereinigung skalpierter Frauen, Maria de Socorro, verlor außer ihrem Skalp auch beide Ohren (Antonio Cruz, Agencia Brasil)

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Vertreibung im Namen des Fortschritts


Hier in Pernambuco wird ja viel vom Fortschritt geschwärmt. Der Fortschritt ist vor allem der neue Industriehafen von Suape, und der soll der Wirtschaft des Bundesstaats einen ungeheuren Schub geben. Pernambuco wächst wie noch nie, heißt es. Zigtausende von Arbeitsplätzen werden entstehen, heißt es. Welchen Preis das hat, schreibt natürlich lieber keiner. Ich will auch gar nicht behaupten, ich wüsste genau, was es für Auswirkungen hat, wenn einerseits Mangrovensümpfe massenhaft trocken gelegt und andererseits neue Fahrrinnen für Cargoschiffe ausgebaggert, Flüsse umgeleitet oder versandet werden.

Natürlich sind die vielen neuen Arbeitsplätze nicht für die Einheimischen. Die haben fast alle viel zu wenig gelernt, um auch nur als Bauhelfer dabei zu sein. Die Neuen kommen aus Bahia und dem Süden, manche jetzt schon aus dem Ausland. Ein Teil der zugezogenen Arbeiter wohnt im Nachbarort Gaibu. Weil die sogenannten Peoes irgendwo essen und schlafen müssen, wird in Gaibu gebaut wie noch nie, und die Mietpreise haben sich im letzten Jahr ungefähr verdoppelt: Für die Firmen ist es immer noch billiger, vier Arbeiter in einer vollkommen überteuerten Mietwohnung unter zu bringen, als in einem Hotel. Jeder, der einen Löffel halten kann, eröffnet ein Restaurant oder bietet Mahlzeiten zum Mitnehmen an. Und morgens um sechs, wenn die großen Firmenbusse ihre Mitarbeiter abholen kommen, stehen Hunderte von Männern in knallroten Blaumännern überall an den Straßen. Manche Leute finden das einen schönen Anblick, weil Ausdruck des Fortschritts. Eine Bekannte findet es toll, dass es jetzt so viel Männerauswahl gibt. Ich fahre noch seltener nach Gaibu als vorher.

Am Wochenende haben mich Freunde zu einem Ausflug eingeladen. Mit einem kleinen wendigen Segler sind wir über den Fluss übergesetzt auf die Insel Tatuoca. Dort wohnen ein paar Dutzend Familien, darunter Dona Dete, die Tante der Bekannten. Tatuoca ist flach und sandig, mit Salinen, Mangroven und Waldstücken. Dona Dete wohnt in einem kleinen Haus aus Holz. Direkt am Wasser. Im Garten wachsen Papayas, Cashews, Kokospalmen. Ein paar Hühner streifen durch die Gegend. Auf der hinteren Terrasse im Lehmofen brennt den ganzenn Tag ein kleines Feuer, auf dem sich jederzeit ein Tässchen Kaffee brühen lässt oder ein Essen bereiten. Normalerweise ist Dona Dete hier allein mit ihrem Neffen. An Wochenenden kommt manchmal Besuch.


Außer uns war eine andere Nichte von Dona Dete da. Die hatte den größten Teil ihres Lebens auf Tatuoca und der benachbarten Insel Cocaia verbracht. In einem kleinen Häuschen direkt am Wasser. „Man musste keine zehn Schritte tun, um Muscheln zu suchen“, erinnert sie sich. „Bei Flut schwammen die Fische um unsere Terrasse herum.“ Als die Industrie sich nach Cocaia ausdehnte, ist sie vertrieben worden. Bekam eine gesetzlich festgelegte Entschädigung in die Hand gedrückt und eine Räumungsfrist von 15 Tagen. „Ich habe damals mehr geweint, als am Tag, an dem mein Vater gestorben ist“, erinnert sich die Nichte. Inzwischen wohnt sie seit mehr als zehn Jahren viele Kilometer entfernt im Landesinneren.

Dona Dete ist über siebzig, aber sie fegt ihren Garten jeden Tag selbst mit dem Reisigbesen. Nur das Trinkwasser kann sie sich nicht mehr selbst holen, denn dafür müsste sie über den Fluss rudern. „Sie wollen uns ja jetzt hier auch weg haben“, sagt sie, „ich weiß gar nicht, was ich machen soll, ich kann halt nicht mehr wie früher“. Und guckt auf ihren Garten und die Hibiskusbüsche. Es gibt Pläne, dass eine Siedlung für alle Bewohner von Tatuoca gebaut werden soll, auf dem Festland. Dort soll jeder Vertriebene ein Häuschen bekommen. „Aber wie werden sich denn die Leute gewöhnen?“, fragt sich Dona Dete. „Wer hier in dieser Freiheit gelebt hat, soll auf einmal in einer Siedlung wohnen, mit dem Nachbarn gleich nebendran?“ Ihr Holzhäuschen hat kein Schloss. Braucht es auch nicht. Manchmal übernachten Besucher im Garten in der Hängematte. Wenn frisch der Wind weht, stören dabei nicht mal Moskitos.

Die Kinder der Bekannten sammeln ein paar Kakteen und Orchideen zum Mitnehmen für ihren Garten. Sie paddeln im Ruderboot zur Insel Cocaia, deren langer weißer Sandstrand noch nicht für Tagesbesucher gesperrt ist. Bemalen sich mit Lehm und sammeln Muscheln, die sie gleich roh verputzen.



„Andere gehen mit ihren Kindern ins Shopping-Zentrum“, sagt mein Bekannter. Das ist vermutlich auch eine Art Fortschritt.


Fotos: Wollowski

Dienstag, 8. September 2009

Luxus am Lago Sul


Geplant war das alles ein bisschen anders. Aber wo Politik gemacht wird, ist meist das große Geld nicht weit, und das ist in Brasília nicht anders. Neben Rio und Sao Paulo hat sich die Verwaltungsmetropole im Landesinneren als Stätte des Luxus etabliert. Da mögen die Kommerz-Blocks zwischen den Wohnsiedlungen, die sogenannten Entrequadras Comerciais, ursprünglich noch so sozialistisch gleich angesetzt worden sein.

Was in Sao Paulo die DASLU, ist in Brasília die Magrella – zu Deutsch so etwas wie Hungerhaken. Auch wenn deren Chefin den Vergleich nicht gern hört, seit die DASLU-Chefin wegen Steuerbetrugs beim Import zu 90 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Über Magrellas Importverfahren ist uns nichts bekannt, in den Ständern hängen ohnehin überwiegend Produkte einheimischer Designer. Natürlich nicht ausgezeichnet. Preise sind Nebensache, bestätigt die Dame des Hauses. Im Hintergrund lockt die Champagner-Bar, oben wartet die Dachterrasse, und die besseren Kundinnen bekommen als kleines Dankeschön ein Schächtelchen erlesener Schokolade – aus der hauseigenen Fabrikation. Die liebsten Stammkundinnen, die durchaus um die 20.000 Dollar pro Monat bei Magrella lassen können, sind der Chefin eine hauseigenes Parfum als Präsent wert.

Ihre Kundinnen, so Cleuza, seien „hart arbeitende Geschäftsfrauen, die ihr Geld selbst verdienen und nicht von irgendwem zugeschoben bekommen.“ Überhaupt sei das ganze Gerede um Korruption und Geldwäsche vollkommen übertrieben. Man wohne und lebe eben gut in Brasília. Weil man arbeite.

Betty wohnt und lebt offensichtlich gut: Vielleicht zwei Hektar Grund direkt am Lago Sul – der exquisiten Wohnlage der Stadt – mehrere pavillion-ähnliche Wohn- und Atelierräume aus edlen Tropenhölzern und viel Glas. Betty sammelt nicht irgendwelche Kunst, sondern die Größten. Bei ihr hängen die Modelle, nach denen die Engel in der Kathedrale gefertigt wurden. Ihre Küchenwände sind mit Werken von Athos Bulcao gekachelt. „Fast alles Geschenke, die ich vor lange Zeit bekommen habe“, sagt sie, „es ist unglaublich, was das alles heute wert ist.“ Betty arbeitet grafisch. In einem historischen Eisenbahnwaggon, zu dem sie sich demnächst einen originalgetreuen Bahnhof in den Garten bauen lassen will. Obwohl sie selbst lieber fliegt, und zwar mit ihrem eigenen Flugzeug. Ihr Mann, der Anwalt, hat auch eines. Geld verdienen muss Betty nicht.

Lucio Costa soll an Menschen mit offenem Geist gedacht habe, als er Brasílias weitläufige Raumnutzung entwarf. In den Superquadras sollten Maurer und Künstler, Politiker und Wissenschaftler zusammen wohnen, sich in den Entrequadras Comerciais treffen und austauschen. Auch an Reiche hatte Costa gedacht. Die dürften auf weitläufigen Grundstücken ausnahmsweise architektonisch hochwertige Gebäude errichten, je einen Kilometer voneinander entfernt. Nur sollten diese Schmuckstücke nicht am Seeufer stehen. Denn das wäre nach dem Masterplan kein Wohn-, sondern ein Erholungsgebiet für die gesamte Bevölkerung geworden, mit Restaurants und Clubs und Sportanlagen.

Soweit der Plan. Aber wo Politik gemacht wird, findet sich immer ein Weg, Pläne umzumodeln. So lebt eben jetzt der Luxus am Lago Sul in Brasília. Für manche ist das auch sehr schön.

Foto: Agusto Areal / Lago Sul, Brasília

Dienstag, 18. August 2009

Globo-TV und der Bischof


Wer hätte das nicht schon länger geahnt? Dass die ach so edlen Pastoren der vielen evangelischen Freikirchen und Sekten hier in Brasilien nicht immer rein spirituell motiviert sind? Hier auf dem Dorf jedenfalls ist nicht zu übersehen, dass neben dem Groß-Unternehmer nur der Pastor ein neues Auto fährt und ständig schicke Anzüge trägt. Beachtlich ist auch, dass es in unserem kleinen Dorf gleich drei Kirchen solcher Gemeinden gibt. Muss alles finanziert werden. Also gehört es zumindest zum Pastorendasein dazu, ordentlich Spenden einzutreiben.

Kürzlich zeigte TV Globo in den Abendnachrichten Filmausschnitte, die scharf darauf schließen lassen, dass für den Bischof der Igreja Universal, Edir Macedo, das Spendensammeln längst zur Hauptbeschäftigung geworden ist: Während eines fröhlichen Bolz-Zusammentreffens mit anderen Unter-Pastoren seiner Kirche erzählt er seinen Jungs, wie sie die Gläubigen am besten um ihr Geld erleichtern. Und wird dabei ziemlich deutlich. Die Schäfchen sollten das eindeutige Gefühl bekommen: wenn sie spenden, kommen sie in den Himmel, wenn nicht, gehe es abwärts in die Hölle. Und dass die Pastoren dabei nur nicht zu zimperlich vorgingen, mahnt ihr Kirchoberhaupt: „Bescheidene Pastoren machen keine Schnitte“. Poltern und donnern muss der geistliche Geldeintreiber „ständig im Kampf gegen den Dämon“, ein Held sein, ein Retter – und vor allem ein Kämpfer für die Kirchenkasse. Selbst kann Macedo das übrigens bestens.

Mit dem reichlich fließenden Ablass-Geld lassen es sich die Kirchenoberen gut gehen. Während es bei unserem Dorfpastor nur für ein neues Auto reicht, so hat Macedo sich neben anderen Immobilien gleich zwei Wohnungen in Miami leisten können. Gemeinsam mit anderen Seelenhütern feiert er seine Erfolge bei – ebenfalls gefilmten – Ausflügen in die Inselwelt von Angra dos Reis oder bei fröhlichen Tänzen mit den Kollegen. Besonders spirituell wirkt das alles nicht. Besonders neu ist es aber auch nicht.

Problematisch wurde die materielle Ausrichtung des Bischofs vor allem dadurch, dass er 2007 den TV-Sender Record kaufte – und seitdem eifrig daran bastelt, dem bislang nie herausgeforderten brasilianischen Einschalt-Sieger TV Globo knallharte Konkurrenz zu machen. Ungeniert kopiert Macedo die erfolgreichsten Globo-Formate – und macht seine Kopie nicht selten besser als das Original: Kein Problem mit den Spenden-Milliarden. So gut läuft die kirchliche Vergnügungsmaschinerie, dass sie TV Globo in letzter Zeit bedrohlich nahe kommt – und den Spitzenreiter in der Gunst des Publikums gelegentlich gar überholt. Genau das dürfte der Grund sein, warum TV Globo den Laien-Filme über Edir Macedo ganze neun Minuten bester Sendezeit gewidmet hat.

Schön ist das sicher nicht für die Gläubigen, zu sehen, wie ihre geistigen Vorbilder grölend lachen über ihre eigenen plumpen Sammelmethoden. Wie sie sich auf die Schenkel klopfen und so gar keinen Respekt für ihre Schäfchen zeigen. Seit dem 10. August sind der Bischof und neun seiner Mitstreiter außerdem angeklagt wegen Bandenbildung und Geldwäsche – weil sie das Spendengeld ins Ausland verschafft und wieder zurück geschmuggelt haben sollen, um es so für ihre Zwecke umwidmen zu können.

Natürlich konnte der Oberpastor solche Angriffe nicht ewig schweigend hinnehmen. Am Wochenende ließ er nun - in einer entsetzlich langatmigen Antwort-Sendung im eigenen Sender - verbreiten, dass TV Globo selbst allerlei Dreck am Stecken habe, angefangen von behaupteten illegalen Verflechtungen mit am Fall beteiligten Richtern und Staatsanwälten bis hin zum angeblich von Beginn an illegalen Erwerb des ganzen Senders. Höhepunkt der Sendung war schließlich ein Interview mit Macedo, zu dem dieser – ganz der einfache Gottesmann – im selbst gesteuerten Privatwagen anrollte, und frech behauptete, die Spenden-Millionen würden ausschließlich zum Bau von Kirchen und für gute Werke verwendet. Seine Gegner bei TV Globo hätten Angst vor ihm und seinem Erfolg, sagte der Bischof. Früher hätten sie Angst gehabt, er könne sich zum Präsidenten von Brasilien wählen lassen, jetzt fürchteten sie, er könne höhere Einschaltquoten erreichen.

Zu den in den Nachrichten gezeigten Filmen und seinen eigenen hässlichen Worten darin, sagte der Bischof nichts. Statt dessen sprach er von religiösen Vorurteilen und rief dazu auf, „die Kirche müsse in diesen Zeiten harter Angriffe besonders stark wachsen.“

Ich fürchte, die Schäfchen werden ihm auch das abnehmen. Was ist anderes von Menschen zu erwarten, die glauben, sie kommen in den Himmel, wenn sie nur genug Spenden abdrücken?

Das Foto zeigt eine der Immobilien des Bischofs.

Mittwoch, 18. März 2009

Vier Bier weniger für die nächste Rate


Wenn Paulo nicht wäre, wüsste ich heute noch nichts davon. Weil ich ja grundsätzlich nichts auf Raten kaufe, nie gekauft habe, und auch hier im Land der Super-Raten nicht damit anfangen werde. Aber Paulo will jetzt dabei einsteigen. Paulo ist Anfang Vierzig, sieht aus wie Fünfzig, und arbeitet unregelmäßig. Eigentlich ist er Musiker, aber da es zum Durchbruch nie gereicht hat, verdingt er sich notfalls auch als Hilfskraft auf dem Bau oder zu sonstigen Gelegenheitsjobs. Das Resultat ist ein sehr bescheidenes und zudem unvorhersehbares Einkommen. Deswegen hat Paulo bislang auch keine Ratengeschäfte gemacht: Selbst monatliche Winzraten von 30 oder 40 Reais waren ihm nicht geheuer.

Doch neuerdings gibt es Ricardo Salinas im brasilianischen Nordosten. Salinas ist einer der reichsten Männer Mexikos, nicht ganz so wie Carlos Slim, aber auch beachtlich. Seine Familie hat ihr Vermögen mit Läden für Elektroartikel gemacht, die vor allem Geringverdiener zu ihren Kunden zählen. Die Salinas bieten dieser spezielle Kundenschicht nicht nur ein spezielles Warenangebot, sondern auch ganz besonderen Kredit bei ihrer eigenen Bank „Banco Azteca“. Vor ziemlich genau einem Jahr hat die brasilianische Zentralbank Salinas erlaubt, seine erste Banco Azteca in Brasilien zu eröffnen, in Recife. Seitdem bietet Salinas nach den Geringverdienern in Mexiko, Guatemala, Honduras, Peru und Panamá auch den Gelegenheitsjobbern Brasiliens seine Konditionen.

Die folgen der Theorie, dass Erziehung besser mit Lob funktioniert, als mit der Rute. Ds bedeutet nicht etwa, dass Salinas aus Menschenfreundlichkeit niedrige Zinsen böte. Er nimmt im Ratengeschäft 100 Prozent. Die Konkurrenz verlange 120 behauptet er. Das werde ich jetzt nicht nachprüfen. Ich bin sicher, die Kunden gewinnt Salinas nicht durch 20 Prozent weniger Jahreszinsen, denn die meisten Ratenkäufer rechnen sich nicht mal den Gesamtpreis der Ware aus, die sie per Unterschrift erstehen, geschweige denn die Zinsen oder gar deren Prozentsatz. Den gemeinen Geringverdiener interessiert vor allem, wie viel er wie oft zu zahlen hat. Und Ricardo Salinas bietet wöchentliche Raten, statt monatliche. Die können gelegentlich bei bescheidenen 5 Reais liegen, das sind weniger als 2 Euro, und so eine Summe erschreckt nicht mal Leute wie Paulo.

Noch besser: Wenn so ein Gelegenheitsjobber bei einer besonderen Gelegenheit eine größere Summe verdient, kann er auch mehrere Raten auf einmal oder gar die kompletten Schulden bezahlen – in diesem Fall werden ihm keine Zinsen berechnet. Wer einfach nur zum normalen Fälligkeitstermin seine Wochenrate abliefert, bekommt immerhin schon einen Rabatt von 20 Prozent. Bislang gibt es keine Statistiken darüber, aber ich könnte wetten, dass Salinas eine der besten Rückzahlungsquoten des Landes hat. Paulo jedenfalls hat beschlossen, dass er sich jetzt endlich einen Ghettoblaster zulegen wird. Der kostet 12 Reais in der Woche, und das, so Paulo „sind vier Bier weniger am Wochenende, und schon habe ich das Geld für die Rate zusammen.“

Foto: blogdoguilhon.blogspot.com

Freitag, 30. Januar 2009

Der Jeitinho in der Krise


In jedem Reiseführer steht er beschrieben: der brasilianische Jeitinho, der auch in der größten Unmöglichkeit immer noch einen Ausweg möglich macht, mit viel Kreativität, Flexibilität und Sinn für Humor – nur manchmal gefährlich nah an der Grenze der Gesetze. Per Jeitinho habe ich schon einen Augenarztbesuch für die Hälfte des üblichen Honorars bekommen – weil ich nicht mehr Geld dabei hatte und ein Notfall war. Ich habe illegal Käse eingeführt – weil ich beinahe in Tränen ausgebrochen bin, als der Zöllner mir erklärte, dass Käseeinfuhr verboten sei und meine Kostbarkeiten von Rechts wegen in den Müll müssten. Ich habe Banken nach Ende der Öffnungszeit betreten und von Busfahrern Kekse geschenkt bekommen, kurz: Ich habe gelernt, dass es keine ausweglosen Situationen gibt. Nach all den wunderbaren Ausnahme-Regelungen der letzten Jahre lautet meine normale Reaktion auf eine unangenehme Sachlage inzwischen: „Lässt sich da denn kein Jeitinho finden?“ Es lässt sich meistens einer finden.

Sogar in der Krise. Die zwar laut Lula das Land höchstens streifen wird, aber trotzdem bereits hier und da zu spüren ist. Zum Beispiel bei den Angestellten in der Motorradfabrikation in Manaus. Der Verkauf von Motorrädern ist stark zurückgegangen, die Produktion läuft lahm. Mit Jeitinho haben die Firmen trotzdem 4000 drohende Entlassungen verhindert. Ihr Rezept ist einfach: Kurzarbeit. Die Monteure schuften einen Tag weniger pro Woche, genießen ein langes Wochenende und behalten alle ihren Job. Der Clou dabei: Das geht ohne Lohnkürzung. Weil die Firmen sich ausgerechnet haben, dass sie an dem einen Tag pro Woche so viel an Strom, Transportkosten und Kantinenessen einsparen, dass sie den Arbeitern getrost die normale Summe auszahlen können. Außerdem hat die Firma die nicht gearbeiteten Stunden sozusagen gut: Sobald das Auftragsvolumen wieder steigt, können sie ihre Jungs so lange kostenlos zu Überstunden verpflichten, bis das Konto wieder ausgeglichen ist. Das spart Bürokratie-Aufwand, Unmut unter den Arbeitern und bares Geld.

Schlechter dran sind die Müllsammler: Sie bekommen wegen der gesunkenen Rohstoffpreise nur noch 5 Centavos pro Kilo Alteisen - und damit ein Sechstel dessen, was die Schrotthändler ihnen noch im November letzten Jahres bezahlt hatten. Kupfer und Plastikflaschen bringen noch die Hälfte, Aludosen ein knappes Drittel und Pappe ein Viertel des alten Preises. Wenn man bedenkt, dass der normale Müllsammler ohnehin bis zu zwölf Stunden am Tag unterwegs ist, kann er die Verluste durch Mehrarbeit kaum ausgleichen: Da steckt dann sogar der Jeitinho in der Krise.

Foto: Papiersammler Gilson in Rio de Janeiro am Ende eines Arbeitstages (wollowski)

Mittwoch, 14. Januar 2009

Der Gouverneur und die Stromrechnung


Wenn meine Nachbarin nicht gefragt hätte, wäre es mir gar nicht aufgefallen: Die Stromrechnung von Dezember ist noch nicht gekommen. Ihre nicht, meine auch nicht. Dona Didi war deshalb besorgt, weil mit der hiesigen Stromversorgungsgesellschaft Celpe nicht zu spaßen ist. Spätestens bei der zweiten, am Fälligkeitsdatum nicht bezahlten Rechnung kommen die Herren mit der Leiter auf dem Auto und stellen die Versorgung ab. Gnadenlos.

Manchmal kommen sie sogar schon Tage nach Fälligkeit der ersten Rechnung. Wer dann bereits gezahlt hat, aber gerade nicht zuhause ist, kann Pech haben: Ist die Zahlung im System der Celpe noch nicht verzeichnet, tun die Männer ihren grausamen Dienst. Danach wieder ans Netz angeschlossen zu werden, dauert oft lange und kostet extra. Manche Witzbolde rufen hier in der Gegend wenn sie jemanden besuchen nicht „Hallo“ vor dem klingellosen Haus, sondern „Celpe“ – nichts könnte jeden Hausbewohner schneller aus dem Mittagsschläfchen aufschrecken. Kurz: Die Celpe ist unbeliebt. Sehr unbeliebt. Und ihre Forderungen sind normalerweise eher überpünktlich.

Waren sie auch im Januar. Zumindest bei diversen Regierungsgebäuden im Bundesstaat Pernambuco. Wer darüber einen Schreck bekam, war der Gouverneur Eduardo Campos persönlich. Die Rechnungen fielen nämlich außergewöhnlich hoch aus. Grund ist eine Tariferhöhung aus dem Jahr 2005, die damals als ungültig erklärt und nun drei Jahre später doch von einem Gericht als zulässig genehmigt wurde. Die entsprechende Summe schlug die Celpe einfach allen Stromempfängern auf die Dezember-Rechnung auf. Ohne Erklärung. Ohne zusätzliche Zahlungsfrist. Und unbesehen der Tatsache, dass in vielen Häusern längst nicht mehr die Stromverbraucher von 2005 wohnen und manche sogar den Besitzer gewechselt haben. Manche Rechnungen wurden durch die zusätzlichen Forderungen bis zu 300 Prozent teurer.

Der Gouverneur verwandelte sich angesichts dieser Rechnungen von einem diskret zurückhaltenden, immer ruhigen, meist verbindlich lächelnden Politiker flugs in einen Normalbürger und Stromverbraucher: Bei seiner Presseerklärung letzte Woche wurde der Mann so laut, wie man es sonst nur vom Beschwerdeschalter der Celpe kennt. Da brüllen – meist folgenlos – die unpünktlichen Zahler ebenso wie die vielen Stromverbraucher, bei denen ein oder mehrere Elektrogeräte Opfer einer der häufigen Schwankungen der Stromspannung geworden sind. Ich kenne Menschen, denen sind so in einer einzigen Nacht TV, Ghettoblaster, Kühlschrank und sämtliche Ventilatoren durchgebrannt. Nach zwei Tagen kam ein Celpe-Mann nachgucken. Bat sich weitere 24 Tage zur internen Prüfung seines Berichts aus. Seitdem wurde nichts mehr gehört. Bei Tropentemperaturen 24 Tage ohne Kühlschrank und Ventilator zu leben, ist nicht besonders spaßig.

Eduardo Campos war inzwischen bei der nächsthöheren Instanz, der Kontrollbehörde der Stromversorger. Vorläufiges Ergebnis: Mindestens müssen die Nachforderungen in Raten zahlbar sein. Außerdem wird geprüft, ob sie in der berechneten Höhe überhaupt zulässig sind. „Niemand soll die aktuellen Rechnungen bezahlen“ ruft der Gouverneur dem Volk Hoffnung zu. Das ist er sich selbst und seinen Wählern schuldig. Schließlich hat er im vergangenen Jahr das Rennen um die Wählergunst nicht zuletzt wegen seines Versprechens niedriger Stromrechnungen gewonnen. Seine eigene Rechnung ist erst mal aufgegangen: Seit dieser Erklärung und der öffentlichen Celpe-Beschimpfung sind die Sympathiewerte für den Gouverneur auf spektakuläre 87 Prozent gestiegen.

Meine Nachbarin Didi wartet trotzdem ängstlich auf ihre Rechnung: Politikern traut sie beinahe ebenso wenig wie der Celpe.

Dienstag, 9. Dezember 2008

Mogelpackung Mindestlohn


Mit der Zeit entpuppt sich mancherlei als Mogelpackung in diesem Land. Zum Beispiel das Gerücht, dass am Strand von Ipanema nur die gleichnamigen Girls mit den perfekt modellierten Körpern flanieren. Klar gibt es dort sensationelle Strandschönheiten - meist umringt von mindestens Hobbyfotografen. Manchmal handelt es sich auch um professionelle Models, die von Profifotografen in den Sand bestellt wurden, weil sie mal wieder das Klischee illustrieren sollen. Dazu brauchen sie Models, weil die normale Carioca durchaus einen Bauchansatz oder gar Hüftgold dabei hat, wenn sie sich in die Wellen stürzt. Echt wahr. Sagt nur keiner, und zeigt erst recht keiner auf Fotos. Damit nicht genug der Demontage: Es ist nicht nur manche Carioca nicht perfekt, es kann nicht einmal jeder Brasilianer Samba tanzen. Wen wundert es angesichts solcher Fakten, wenn reichlich Brasilianer weniger als den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn pro Monat verdienen?

Das statistische Bundesamt verzeichnet, dass „nur noch“ etwa jeder fünfte Brasilianer mit maximal einem halben Mindestlohn im Monat auskommen muss – im Nordosten sogar jeder dritte. Die Hälfte der Bevölkerung des Landes kann immerhin über zwischen einem halben und zwei Mindestlöhnen verfügen. Dieser salário mínimo liegt momentan bei 415 Reais, umgerechnet knapp 140 Euro. Wenn man bedenkt, dass eine Gasflasche zum Kochen zurzeit 35 Reais und ein Kilo Brot 6 Reais kostet, dann ist es erstaunlich, wie solche Geringverdiener überhaupt überleben. Aber das interessiert manch anderen wenig.

Zum Beispiel Nelsinho. Den Besitzer einer Zuckerrohrplantage hier im Nordosten habe ich über gemeinsame Bekannte vor einigen Jahren kennengelernt – damals mein erster Kontakt mit einem „Coronel“; wie die einfachen Leute bis heute die besser Gestellten nennen. Der Coronel trug einen imposanten Bierbauch zur Halbglatze und jovialem Lächeln und erzählte mir gleich zu Beginn unserer Bekanntschaft sichtlich stolz, dass er seine neue Köchin für deutlich weniger als den Mindestlohn eingestellt habe: schließlich äße sie mittags meistens Reste und müsse also kaum Lebensmittel einkaufen. Ich war damals zu geschockt, um gleich geistesgegenwärtig zu fragen, ob sie mit den Resten auch ihre Kinder zu Hause ernähren sollte.

Später lernte ich Seu Antonio kennen, stolzer Empfänger eines kompletten Mindestlohns, der nur gelegentlich ein paar Wochen verspätet ausgezahlt wurde. Seu Antonio arbeitete auf einem ländlichen Anwesen von vielleicht zwei Dutzend Hektar Größe. Dort versorgte er 20 Milchkühe, ein Dutzend Rinder, sechs Pferde und diverses Geflügel. Molk morgens und abends mit der Hand, schnitt karrenweise Futtergras, da die Weiden mager waren, verabreichte Medikamente und raspelte Hufe, flickte Zäune und baute materialkostenfrei Unterstände aus selbst geschnittenen Pfosten und Kokospalmwedeln. Weil das reichlich Arbeit für einen einzigen Mann ist, half ihm sein zwölfjähriger Sohn in jeder Minute, die der Knirps nicht in der Schule verbrachte. Seu Antonios Frau sammelte die Früchte der Obstbäume, röstete Cashewkerne, fegte das Areal rund um die Gebäude und putzte das Herrenhaus, wenn die Familie des Besitzers sich angekündigt hatte. Manchmal kündigte sie sich nur an und kam dann doch nicht. Dann hatte Seu Antonios Frau umsonst geputzt. Streng genommen tat sie das ohnehin immer, denn Lohn bekam nur Seu Antonio. Gekündigt hat der alte Viehzüchter erst, als sein knausriger Chef ihm vorschreiben wollte, wie er die Rinder zu behandeln hätte.

Meine Freundin Patrícia arbeitet seit einem Jahr als Kassiererin in einem Supermarkt für einen Mindestlohn im Monat – obwohl sie wegen der größeren Verantwortung an der Kasse 759 Reais verdienen müsste – 80 Prozent mehr. Sie steht von morgens um halb acht bis abends um zehn im Laden, kassiert, putzt, füllt Regale auf. Eine Stunde Mittagspause, sechseinhalb Tage die Woche, ein Monat Ferien im Jahr. Leider hat sie mich dieses Jahr in den Ferien wieder nicht besucht, weil die Chefin ihr das Urlaubsgeld erst am Ende des Monats ausgezahlt hat und Patrícia deswegen ihre ganzen Ferien pleite zuhause verbracht hat. Kündigen? Denkt sie oft drüber nach. Aber dann sagt sie: „Wer weiß, ob ich danach etwas anderes finde“. Vorsichtshalber bewerben? Geht nicht, denn die potentiellen neuen Arbeitgeber rufen gerne beim Noch-Chef an, um sich dessen Urteil anzuhören. Und wer schon auf dem Absprung ist, hat dann manchmal schnell keinen Noch-Chef mehr.

Meine Erfahrungen ohne statistischen Wert: Die Leute können noch so schlecht behandelt werden, sie kündigen nicht. Nicht hier im Nordosten auf dem Land. Dabei sind die hier zitierten Fälle unendlich steigerbar, immerhin ist auch in Brasilien Krise. Kürzlich etwa erzählte mir ein Angestellter der Großgrundbesitzerfamilie hier im Dorf, dass er neuerdings nicht mehr angestellt sei, weil die Erbengemeinschaft, die den Besitz jetzt verwaltet, sparen wolle. Seitdem kommt er immer noch sieben Tage die Woche von sieben Uhr morgens bis sechs Uhr abends zur Arbeit. Nur verdient er jetzt nicht mehr einen Mindestlohn inklusive Sozialabgaben, sondern nur noch 80 Reais pro Woche. Um auszurechnen, wie viel das im Monat macht, fehlt ihm die Schulbildung. Es sind beschämende 320 Reais, kaum mehr als 100 Euro. Was nutzt es ihm da, wenn der gesetzliche Satz demnächst wieder angehoben wird? Für ihn ist der salário mínimo nur eine Mindestlohn-Mogelpackung.

Dienstag, 6. März 2007

Individuelle Spenden

Die Brasilianer sind so was von individuell. Ganz bestimmt die im Nordosten. Und ich wette, die meisten wissen das nicht einmal. Die meisten meckern einfach – wie meine Nachbarn, meine Vermieter und diverse Bekannte – seit ein paar Monaten ganz besonders über hohe Stromrechnungen. In der Menge war das schon etwas verwunderlich, weil von den mir bekannten Fällen niemand eine Mikrowelle, einen Deckenventilator oder sonstige Stromfresser neu angeschafft hat, die das Phänomen erklären könnten. Im Gegenteil, hier in Pernambuco hat der frisch gewählte Gouverneur sogar versprochen, gleich nach der Wahl die Strompreise zu senken. Weil zugegebenermaßen viele schon im letzten Jahr und vor der Wahl gemeckert haben.

Die aktuelle Rechnung meines Nachbarn – Single, PC-User, kein Ventilador, keine Mikrowelle – beläuft sich auf 39 Reais. Klingt gar nicht so schlimm. Nur hat er im Vormonat vier Kilowattstunden mehr verbraucht und dafür knapp 20 Reais bezahlt, wie die statistischen Angaben auf der Rechnung zeigen. Hm. Sonst stimmt alles, Privathaushalt-Tarifklasse, abgelesene Werte. Was kostet denn so eine Kilowattstunde? Ein Vergleich zeigt: Ich bezahle pro kwh 0,12 Reais. Meine Nachbarin bezahlt 0,35, und Ricardo 0,49. Und die erst seit der letzten Rechnung. Vorher waren es bei ihm 0,15 (bis 30 Kilowattstunden) und 0,26 Reais (für alles, was darüber liegt).

Beim genauen Studium der Rechnungen fällt noch etwas anderes auf: Die aktuelle Rechnung weist neben dem üblichen Beitrag zur Strassenbeleuchtung einen weiteren Posten auf, der sich Spendenkampagne nennt. In Klammern dahinter steht nicht erstattbar. Ich erinnere mich, irgendwo gelesen zu haben, daß neuerdings per Stromrechnung gespendet werden kann, für irgendein Kinderprojekt. Kann. Auf der Rechnung ist weder erkennbar, welches Projekt von der Spendenkampagne profitiert, noch, wie es anzustellen ist, wenn einer nicht spenden will. Ricardo spendet schon seit drei Monaten fleißig – er hat es nur nicht gemerkt.

Überhaupt sollte man der Lektüre der Stromrechnung – und zwar von allen Seiten – deutlich mehr Sorgfalt widmen. Die wichtigsten Infos verbergen sich auf der bunten Außenseite: Wer alles rechtzeitig bezahlt, kann nämlich sogar gewinnen. Und zwar einen vollkommen kostenlosen Hamburger – wenn er ein Lokal der Fastfood-Kette Bob’s aufsucht und dort zuerst einen Hamburger mit kleinem Getränk bestellt und bezahlt. Hätte man mal früher wissen müssen. Dann hätte man auch rechtzeitig gezahlt. Zum Beispiel mit der Hipercard, der Kreditkarte eines Supermarktes. Wer die Stromrechnung mit der begleicht, gewinnt automatisch eine zusätzliche Frist von 40 Tagen – und kann derweil fleissig Hamburger spachteln.

Ganz klein steht über der Hipercard-Geschichte auch noch: Du spendest, und dein Team gewinnt. Alle Fußballfans mal herlesen: Zeig deinem Verein, daß du ein besonderer Fan bist. Gestatte die Spende von einem Real auf deiner Stromrechnung – und sie wird dem Verein deiner Wahl zukommen. Daneben ist eine Telefonnummer angegeben. Das läßt zumindest hoffen, daß die Fußballspende nicht automatisch mit der nächsten Rechnung abgebucht wird, wie die Spendenkampagne. Ob man die auch über diese Servicenummer abbestellen kann? Oder muß man sich da beim Energieversorger in die Schlange stellen und persönlich vorsprechen? Am besten gleich morgen, denn die Zwangsspenden sind ja. nicht erstattbar

Im Internet, wo man zum Glück auch in Brasilien fast alles nachgucken kann, findet sich schliesslich eine lange Liste der Strompreise des ganzen Landes. Am teuersten ist demnach die Energie im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, mit 0,41 Reais pro kwh, am billigsten im Amazonas mit 0,24 Reais. Pernambuco liegt irgendwo dazwischen mit 0,33 Reais pro kwh. Soweit so übersichtlich. Nur sind die offiziellen 0,33 Reais auf den mir vorliegenden Rechnungen nirgendwo berechnet worden. Dabei ist dieser Tarif laut Internetauskunft der Stromanbieterkontrollorganisation noch bis 28. April gültig. (Über die diesjährige Erhöhung wird diskutiert, es drohen rund 10 Prozent.)

Auch ein neuer Blick auf die Rechnungen bringt keine Aufklärung. Nur so viel: der Strompreis ist seit Wahl des Gouverneurs tatsächlich gesunken. Will sagen: die Steuer auf den Strom ist gesunken. Registrierte sozial schwache Familien, die nicht mehr als 50 Kilowattstunden im Monat verbrauchen, zahlen gar keine Steuer mehr. Und die anderen immerhin fünf Prozent weniger als vorher. So steht es auf einer der Rechnungsrückseiten. Das ist doch mal ein gehaltenes Wahlversprechen. Und nicht mal individuell verschieden. Das wissen bestimmt die meisten auch nicht.

Freitag, 13. Oktober 2006

Heute kaufen, nächstes Jahr bezahlen

Die brasilianische Wirtschaft funktioniert gut, steht in allen Zeitungen. Eigentlich kann das nicht sein. Denn die Brasilianer können nicht rechnen. Oder nicht denken. Jedenfalls nicht in die Zukunft.


Letztens habe ich in einem Plattenladen CDs angeguckt. Die sind hier genau so teuer, wie in Deutschland, nur verdienen die Menschen weniger. Deswegen steht Brasilien auch mit an der Spitze bei der Herstellung von Raubkopien. Sogar der Präsident, der ja nicht so richtig schlecht verdient, kauft sich gerne raubkopierte DVDs. Als ich den Plattenladen verlassen wollte, ohne etwas gekauft zu haben, rief mir der Verkäufer in einem letzten Überzeugungsversuch nach: „Hey, wenn du jetzt kaufst, fängst du erst 2007 an zu bezahlen!“


Kurz darauf zücke ich an der Supermarktkasse die Kreditkarte, da fragt die Kassiererin: „Wollen Sie sofort zahlen oder in Raten?“ So geht das nämlich hier in Brasilien. Heute genießen und nicht an morgen denken. Als mir ein Paar Schuhe nach ausgiebigem Anprobieren doch zu teuer ist, zeigt sich die Verkäuferin höchst verwundert: „Den Preis kann man aber in 12 Raten aufteilen!“ Ja und? Die zwölf Raten muß ich trotzdem bezahlen, denke ich. Das ist deutsches Denken. Die Brasilianer leben anders. Sie konsumieren ganz gelassen im Hier und Jetzt. Schmeichelnde Worte und zwingende Fakten überzeugen früher oder später jeden. Wer auf Pump kaufen will, aber keine Kreditkarte hat, läßt sich bei den großen Läden eine Kundenkarte ausstellen. Die bieten noch längere Rückzahlfristen, noch niedrigere Zinsen, noch mehr Ware, noch mehr Schulden. Um eine solche Kundenkarte zu bekommen, braucht man eine Art Leumund. Der muß weder persönlich anwesend sein, noch irgendwie für den Beleumundeten haften. Er muß nur eine Festnetz--Telefonnummer haben.


Weil ich eine solche habe, bekomme ich gelegentlich seltsame Anrufe. „Kennen Sie Milton Santos?“, fragte mich kürzlich eine sanfte Frauenstimme. Kennen ist leicht übertrieben. Milton ist der Bekannte eines Bekannten, den ich letztens auf einem Fest getroffen habe. Kann mich nicht erinnern, Milton meine Telefonnummer gegeben zu haben. „Oh, können Sie ihm bitte ausrichten, er möge sich bei der Calca Calcados melden? Er hat seine Ratenzahlungen bei uns etwas vernachlässigt,“ erklärt die Frauenstimme. Ob die das darf? So einfach die Finanzengpässe von Milton Santos in die Welt hinaus posaunen? Oder ist er selbst schuld, weil er meine Nummer angegeben hat, obwohl wir uns nur flüchtig kennen?


Meine Bekannte Virginia ruft mich lieber selbst an: „Paß auf, wenn dich jemand von der Millora anruft, dann sagst du denen, daß ich als Kellnerin arbeite und 400 Reais im Monat verdiene, ja?“ Ok. Mache ich. Beim ersten Mal hatte ich noch Gewissensbisse. Ich habe nämlich keine Ahnung, ob Virginia als Kellnerin arbeitet. Ich weiß nur, daß sie mir nie das Geld zurückgezahlt hat, das ich ihr vor zwei Jahren geliehen habe. Aber weder die Millora, noch irgendein anderer Laden, in dem Virginia Kundenkarten besitzt, hat mich je angerufen.


Ich bin nach sechs Jahren immer noch zurückhaltend gegenüber den ganzen Ratengeschäften. Das einzige, was ich mir zugestehe, ist ein Konto“ im Kramladen. Das heißt, ich kann dort jederzeit mal schnell einen Liter Milch einpacken, auch wenn ich grade kein Geld in der Tasche habe. Besitzer Dimaz schreibt alles in ein kleines Schulheft und ich zahle so ungefähr einmal pro Woche. „Ein Konto“ kann man auch beim Gemüsehändler, an der Tankstelle oder im Restaurant haben. Es kostet keine Zinsen und schadet eigentlich nur dem Ladenbesitzer. Und damit der brasilianischen Wirtschaft. Oder? Während die Regierung die Staatsschulden an den IMF vorzeitig zurückgezahlt hat, treiben Banken, Unternehmer und Illegale das Volk immer weiter in den Konsumrausch auf Pump.


Manche Brasilianer gehen zum Geldhai, um ihre dringenden Wünsche zu befriedigen. Sie müssen entweder verzweifelt oder dumm sein: Der Geldhai gibt zwar Bares auf die Hand heraus ohne viel zu fragen, aber dafür treibt er später mindestens zehn Prozent Zinsen ein. Jeden Monat. Inzwischen vergeben manche Banken Kleinkredite an Menschen ohne Einkommensnachweis, und Kreditkarten für Arme mit Kreditlimits von bis zu 200 Euro werden auch immer beliebter. Schwieriger zu bekommen, sind altmodische Scheckhefte. Die sind hier äußerst begehrt, weil man sie vordatieren kann. Als das Vordatieren in Mode kam, ging es erst um maximal 30 Tage, bis zum nächsten Lohn eben. Das reichte irgendwann nicht mehr. Inzwischen wetteifern die Unternehmen darum, wie viele Tage man bei ihnen vordatieren darf. Es gibt Läden, die akzeptieren Schecks, die auf ein Datum in 120 Tagen ausgestellt sind. Das sind vier Monate. Wenn der Kunde Glück hat, überlebt der Laden solange gar nicht. Aber soweit denken die Ladenbesitzer wohl nicht in die Zukunft.
 
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