Samstag, 7. November 2009

Sicherheits-Seil gegen die Bekehrung


Heute morgen haben sie mich erwischt. Ich hatte den Müll an die Straße gestellt und dann vergessen, das Seil wieder zu spannen.

Gleich nach meinem Einzug hier habe ich nämlich ein dickes Seil in die Einfahrt gespannt. Gegen die Missionarinnen. Hier im Dorf sind schätzungsweise 80 Prozent der Bewohner religiös fanatisch. Sei es bei den Baptisten, bei den Erlösern oder der Osterbewegung. Im Dorf selbst gibt es drei solcher Kirchen, neben der die kleine katholische Kapelle beinahe wie eine Puppenstube wirkt. Und die Hirten der Schäfchen dieser Kirchen schicken alle Tage Missionarinnen aus. Es sind immer Frauen. In Zweier- oder Dreier-Grüppchen ducken sie sich unter großen bunten Sonnenschirmen durchstreifen unermüdlich die Sträßchen des Dorfs nach Opfern. Mein Seil hat sie bisher abgehalten. Die Haustür ist auch weit genug davon entfernt, als dass sie sich zum Rufen inspiriert fühlten.

Jetzt standen sie direkt an meine Haustür, und die beiden Hunde hatten nicht einmal gebellt. Faules Pack. Freundlich fragte die eine: „Bist du gerade beschäftigt?“. Nun ja, es war samstags vormittags zur Frühstückszeit. „Ich arbeite gerade“, sagte ich vorsichtshalber. „Ah, dann werde ich dich nur ganz kurz stören“, sagte die Missionarin und blätterte in ihrer Bibel. „Nur so viel, will ich dir sagen. Manche glauben ja, Jesus sei nur für die Reichen da. Aber nein, er segnet auch die Armen.“ Offensichtlich sieht es hier aus wie bei armen Leuten. Zur Bekräftigung ihres Urteils suchte sie weiter in der Bibel und las mir einen entsprechenden Vers vor, der vielleicht zwei Zeilen lang war. Länger können sich die meisten Dörfler wohl nicht konzentrieren. Ich eingeschlossen, denn ich hörte den Spruch und vergaß ihn in derselben Sekunde. „Jesus war auch ein einfacher Mensch“, sagte die Dame noch. Auch? Wie ich? Wie sie? Ich zog es vor, nicht nachzufragen, um das Gespräch nicht in die Länge zu ziehen.

Prüfend blickte die Retterin der Seelen mir ins Gesicht und fragte dann: „Liest du gern?“ Da antwortete es aus mir heraus „ja“, bevor ich nachdenken konnte. Das brachte mir ein Heftlein mit dem Titel ein: „Wer ist Jesus“, auf dem vorne ein für einen maximal 37-Jährigen ziemlich verlebter Typ in Gesundheitssandalen abgebildet ist. Innen erklärt ein Text, dass Jesus vor 2000 Jahren gelebt hatte, ein Lehrer war, der seine Lehren lebte, und dass er die Liebe gelehrt und gelebt hatte. Später ist noch die Rede von den Wundern, die er vollbracht hat, und dass wie seine Liebe imitieren sollen. Klingt hübsch. Illustriert ist das Ganze mit Bildern von Korngaben tragenden Männern und blonden Kindern. Sieht nicht sehr nach Brasilien oder dem biblischen Land aus.

Das Kleingedruckte am unteren Rand des Heftleins erklärt, warum: Es ist eine Produktion von www.watchtower.org – und wer mehr Informationen möchte, bekommt Adressen der Zeugen Jehovas in Angola, Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Ecuador, USA, Französisch Guyana, Mosambik, Paraguay, Peru, Portugal, Surinam, Uruyguay und Venezuela. Nach welchen Kriterien die Länder wohl so zusammen gefasst worden sind?

Die freundliche Dame jedenfalls hat sich gleich verabschiedet, nachdem sie mir die Lektüre in die Hand gedrückt hatte. Ihr gutes Werk für heute ist getan. Und „nächstes Mal“, so kündigt sie an: „da werden wir uns dann länger unterhalten!“

Ich weiß, was dann kommt: Einladungen und Einladungen und Abholkommandos zum Besuch des „Culto“, den ich beinahe täglich bis in mein Wohnzimmer vernehme, mit all den gebrüllten Sündenbekenntnissen und Attacken auf die Geldbörsen der Schafe. Denn umsonst ist bei diesen Leuten nur das allererste Heftlein. Kaum waren die Missionarinnen außer Sichtweite, habe ich deswegen sofort mein Sicherheits-Seil gespannt. Vielleicht sollte ich noch ein Schild dazu hängen: Vorsicht bissige Hunde.

Foto: Wollowski

Sonntag, 1. November 2009

Endlich Frieden für die Banditen


„Bewohner von Mittelklasse-Vierteln werden die Favela-Agglomeration Complexo do Alemão, im Norden von Rios beneiden”, behauptete Dilma, Lulas Präsidentschaftskandidatin bei einem Besuch dort zu Anfang dieses Monats. Eine erstaunlich optimistische Prognose, wenn man bedenkt, dass der Complexo do Alemão zu den gefährlichsten Gegenden von Rio gehört und fest in den Händen ihres “Besitzers” FB liegt. Drogengroßhändler Fabiano Anastácio da Silva, besser bekannt als Fabiano der Geier oder eben kurz FB, herrscht wie ein König, er lässt auf dem Hügel „Alemão“, der 13 Favelas mit insgesamt 65.000 Einwohnern zusammenfasst, nach Belieben Menschen festnehmen, frei lassen oder töten.

Im September vergangenen Jahres etwa wurden diverse verkohlte Leichen von minderen Drogenhändlern aufgefunden. Damals hatten mehr als 800 Polizisten in einem Großeinsatz den Complexo gestürmt. Außer den Leichen fanden sie 20 Kilo Kokain, 30 Kilo Marihuana, 3 Maschinengewehre, 32 zwölf-kalibrige Schrotflinten und reichlich Munition. Es wäre naiv, anzunehmen, dies sei das gesamte Waffenarsenal gewesen, über das Fabiano der Geier verfügt.

Dennoch kündigte Rios Sicherheitschef José Mariano Beltrame damals statt weiterer Aktionen an, er werde seine Männer vom Complexo do Alemão abziehen. Weil ihre Gegenwart die Aktionen des PAC stören könnte. Seine euphemistisch verbrämte Aussage bedeutet im Klartext: Favela-Chef FB könnte sich durch die Anwesenheit der Polizisten gestört fühlen. Und wenn der totalitäre Herrscher dieses Reichs innerhalb der Stadt Rio sich gestört fühlt, dann wird auch aus dem PAC nichts. Und der PAC wiederum, soll ja laut Dilma dafür sorgen, dass die Mittelklasse-Bevölkerung demnächst lieber im Complexo do Alemão wohnen will, als in ihren Mittelklasse-Vierteln. Dafür sollen umgerechnet rund 260 Millionen Euro in den Complexo fließen – mehr als dreimal so viel als im Jahr 2008 in ganz Brasilien für neu angelegte städtische Kanalisationssysteme ausgegeben wurde.

Gebaut werden die größte Erste-Hilfe-Station des Bundesstaates Rio de Janeiro, Wohneinheiten für Bedürftige und sechs Drahtseilstationen. Die Drahtseilbahn soll die Bewohner des Complexo mit dem Stadtzentrum verbinden und so ihre Beweglichkeit erhöhen. Bis Ende 2010 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Ein großes Geschenk des Staates an seinen Gegenspieler, und das sollen die Menschen des Alemão natürlich mit Kandidatin Dilma verbinden. Damit sie gleich wissen, wem sie dankbar sein und wen sie also nächstes Jahr wählen sollen. Dilma zeigte sich bei ihrem – höchstwahrscheinlich mit Parallelherrscher FB abgesprochenen – Besuch beeindruckt von Qualität und Ausmaßen der Baumaßnahmen und äußerte die Ansicht, die Gewalt, welche die Gegend bislang prägt, werde sicher abnehmen. Weil der Staat ja nun seine Pflichten in der Slum-Agglomeration do Alemão nicht mehr ignorierte.

Schon zwei Wochen später bekamen Dilmas schöne Worte einen hässlich zynischen Unterton, als Vertreter der Drogenmafia Comando Vermelho einen Polizeihubschrauber abschossen, der einen internen Konflikt zweier Fraktionen überflog. Beltrame verglich die Aktion dramatisch mit dem Angriff der AL Qaeda auf die USA. So überrascht waren nicht alle von diesem Gewaltausbruch: Die Ex-Polizeichefin und jetzige Abgeordnete Marina Magessi hatte bereits kurz nach der Rede der Kandidatin Dilma gewarnt: „Seit die Polizei wegen der PAC-Baumaßnahmen den Complexo do Alemão meidet, fliehen die ganzen Banditen dorthin.“.

Letzten Sonntag feierte der Complexo do Alemão mal wieder eine Funk-Party – ein Freudenfest anlässlich des abgeschossenen Polizei-Hubschraubers. Dabei sang DJ Will den beliebten Refrain: „Hier kommt die Militärpolizei nicht rein, hier gibt es nur Taliban, Terroristen der Al Qaeda!“.

Also hat Lula sein Ziel erreicht. Im Dezember des vergangenen Jahres hatte er angekündigt, er werde den Complexo do Alemão in ein „Territorium des Friedens“ verwandeln. Auch Dilma hat Recht: Der Complexo ist tatsächlich friedlicher geworden. Für die Banditen.

Foto (Banditen fackeln Busse ab): Ricardo Moraes/Reuters
 
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