Zuerst habe ich sie gar nicht bemerkt. Was am Rand eines Weges passiert, den man ständig fährt, sieht man ja irgendwann nicht mehr. Die Erinnerung produziert ein immer gleiches Bild auf die Netzhaut, weil das Gehirn anderweitig beschäftigt ist. Mit Musik aus dem Kopfhörer, Gedanken, Träumen. Also habe ich auf dem Weg nach Recife lange nur Zuckerrohr-Pflanzungen gesehen. Wie immer. Endlose grüne Hügel voller Zuckerrohr, eine gnadenlos den Boden aussaugende Monokultur. Aber hübsch anzusehen. Und sicher nicht unproduktiv.
Irgendwann sind sie mir dann aufgefallen. Dicht aneinander gedrängte Holzgerüste in einer langen Reihe, direkt am Straßenrand. So nah an der Bundesstraße bauen normalerweise Verkäufer ihre Buden auf, die den Vorbeisausenden allerlei Früchte, selbst geröstete Nüsse, Pflanzen oder Tontöpfe anbieten. Dazu bedecken sie ein Holzgerüst mit einer schattenspendenden Plane, breiten ihre Ware auf einem improvisierten Tisch darunter aus, und treten mit einer Probe in der Hand ganz nah an den Asphalt. Über diesen Holzgerüsten hingen keine Planen, und es waren auch keine Menschen zu sehen. Seltsam, aber nicht seltsam genug, um länger darüber nachzudenken.
Bis sie mir wieder auffielen. Die Holzskelette hatten sich zu einem ganzen Gerüstdorf vermehrt, und manche von ihnen waren inzwischen mit schwarzer Plastikplane bedeckt. Andere hatten Plastikplanen-„Wände“ bekommen, und einige waren mit Brettern und Preßspanplatten verrammelt. Langsam wurde mir klar, dass hier keine potentiellen Fruchtverkäufer am Werk waren, sondern dass dies eine sogenannte Land-Besetzung der MST werden sollte, der Bewegung der Landlosen, die hier im Nordosten besonders aktiv und aggressiv agiert. Noch sah das Ganze allerdings eher aus wie ein halbfertiges Bühnenbild für eine Freilichtaufführung im nächsten Sommer
Dabei blieb es auch.
Lange.
Erstaunlicherweise schien sich niemand an den unschönen Bauwerken am Straßenrand zu stören: Der Rand von Bundesstraßen fällt unter den Hoheitsbereich des Verkehrsamts und darf natürlich nicht bebaut werden. Vielleicht zählen planenbedeckte Holzgerüste nicht als Bauten, vor allem, wenn sie so offensichtlich unbewohnt sind
Irgendwann waren sie plötzlich nicht mehr unbewohnt. Rauchfahnen von Herdfeuern stiegen aus mehreren Hütten auf, Menschen lehnten aus Plastikplanen-Fenstern, andere standen in Grüppchen beieinander und schwätzten. Vielleicht zwei Dutzend Personen waren in das Bühnenbild eingezogen.
Wenn Vertreter des MST Land besetzen, ergeht normalerweise auf Antrag der Grundbesitzer eine einstweilige Verfügung, in der den Besetzern eine Frist gesetzt wird, binnen derer sie das fremde Land zu räumen haben. Gleichzeitig beginnt die Untersuchung, ob es sich um unproduktive Ländereien und um Landlose mit Anspruch auf eigenen Grund und Boden handelt.
Kritiker halten die Fristenlösung für falsch, weil die Landbesetzer meist gar nicht die besetzten Ländereien in Besitz nehmen wollten, sondern die Aufmerksamkeit der Medien erreichen und damit Druck auf die Regierung ausüben. Und die Frist zur Räumung lasse ihnen exakt die Zeit, diese eigentlichen Ziele zu erreichen.
Ich fand es spannend, politische Aktualität mal live aus dem Busfenster beobachten zu können. Wie würde es weiter gehen? Boden beackern wollten die Leute hier sicherlich nicht – der war ja schon beackert. Ging es also um Presse?
Als ich das nächste Mal an der Hüttensiedlung am Rande der Zuckerrohr-Pflanzungen vorbei fuhr, war keine Presse zu sehen. Auch keine Bewohner oder Rauchfahnen. Der Wind zerrte an den Planen, Regen hatte den Boden aufgeweicht, und manche Gerüste hatten sich zur Seite geneigt. Als sei die Aufführung schon vorbei und nur das Bühnenbild übrig geblieben. Ein Pressetermin war die Inszenierung wohl nicht – ich habe in den Medien jedenfalls nichts dazu gefunden.
Seitdem habe ich nie wieder Menschen dort entdeckt. War wohl nichts mit dem Live-Erlebnis. Nur eins hat sich geändert: Ich gucke jetzt jedes Mal ganz genau hin, ob sich am Rand der Zuckerrohr-Pflanzungen etwas tut.
Montag, 7. April 2008
Freitag, 4. April 2008
Mückentöter für alle
"Wenn es zu Todesfällen kommt, wird die Sache heikel.“ Sagte Lula kürzlich. Er sprach über die Dengue-Epidemie in Rio, und verkündete in seiner spontanen Ansprache außerdem, der Kampf gegen die Krankheit müsse ansetzen „lange bevor die Mücke zubeißt“. Natürlich hat der Staatschef Recht, er kommt nur ein bisschen spät damit. Längst hat die Mücke reichlich Menschen gestochen, und heikel ist die Sache auch bereits: Mehr als 50 Menschen sind seit vergangenem Januar in Rio am Dengue-Fieber gestorben. Das öffentliche Gesundheitssystem steht kurz vor dem Kollaps, die Wartezeiten in der Notaufnahme betragen teilweise mehrere Stunden - zu viel vor allem für geschwächte Kinder. Mehrere sind deswegen der Krankheit erlegen.
Die Bewohner der Stadt sind verängstigt und wütend. „Sie haben uns ins Jahr 1900 zurückversetzt“, schimpft ein Leser der Tageszeitung „o Globo“ über die Politiker, die anstatt zu regieren, nur auf den Wahlkampf bedacht seien. „Glückwunsch an Lula in der Person seines Ministers Temporao“, schreibt ein anderer Leser, „niemals in der Geschichte dieses Landes hatten wir eine so signifikante Zahl an Dengue-Fällen“. Ein dritter meint, die Cariocas seien selbst schuld, denn sie mobilisierten sich nur für den Karneval, Fußball und Big Brother, anstatt Dengue-Brutstatten zu beseitigen.
Manche halten sich vorsichtshalber nur noch in Air Condition auf. Manche Homöopathen verschicken kostenlos Rezepte für ein Präventivmittel, das einmal wöchentlich eingenommen, vor Ansteckung schützen soll. Manche Privatkliniken hingegen haben Transparente an ihre Tür gehängt: „Hier keine Notaufnahme“. Laut Gesetz müssen auch Privatkliniken jeden akut medizinisch Hilfebedürftigen erstversorgen – das kann teuer werden, wenn so eine Epidemie erst einmal ausgebrochen ist.
Hier im Großraum Recife kommen seit Jahren mindestens alle zwei Monate Angestellte des Gesundheitsbehörde in allen Haushalten vorbei und kontrollieren diese auf Dengue-Risiken; sie leeren Blumentopfuntersetzer aus, streuen Pülverchen in stehendes Gewässer und erklären die Symptome der Krankheit, deren leichtere Variante gerne mit einer normalen Grippe verwechselt wird. Vor ein paar Jahren gab es hier reichlich Dengue-Fälle, inzwischen ist die Lage unter Kontrolle. Natürlich ist der Großraum Rio wesentlich größer und bevölkerter als der Großraum Recife. Ich weiß nicht, ob eine solche Dengue-Risiken-Kontrolle in Rio entweder nicht präventiv statt gefunden oder einfach nicht ausgereicht hat. Jetzt jedenfalls ist die Sache heikel.
Mückenschutzmittel zum Auftragen auf die Haut und Insektizide zur Anwendung im geschlossenen Raum sind seit Monaten Verkaufsschlager in Rio. In manchen Restaurants kommt das Mückenspray gleichzeitig mit der Speisekarte auf den Tisch. Andere haben ihre Kellner mit einer totsicheren Waffe gegen die Aegypti ausgestattet: Eine Art Badmintonschläger, der auf Knopfdruck mit Strom geladen wird, und bei Berührung die Aedes Aegypti (und alle anderen Arten Insekten, bis hin zur Kakerlake) zischend und endgültig versengt. Eine Gruppe Amerikaner war davon so begeistert, dass sie kürzlich einem Kellner in der Barra da Tijuca kurzerhand die Todeswaffe abgekauft haben.
Wäre das nicht eine Lösung? Mückentöter für alle?
Die Bewohner der Stadt sind verängstigt und wütend. „Sie haben uns ins Jahr 1900 zurückversetzt“, schimpft ein Leser der Tageszeitung „o Globo“ über die Politiker, die anstatt zu regieren, nur auf den Wahlkampf bedacht seien. „Glückwunsch an Lula in der Person seines Ministers Temporao“, schreibt ein anderer Leser, „niemals in der Geschichte dieses Landes hatten wir eine so signifikante Zahl an Dengue-Fällen“. Ein dritter meint, die Cariocas seien selbst schuld, denn sie mobilisierten sich nur für den Karneval, Fußball und Big Brother, anstatt Dengue-Brutstatten zu beseitigen.
Manche halten sich vorsichtshalber nur noch in Air Condition auf. Manche Homöopathen verschicken kostenlos Rezepte für ein Präventivmittel, das einmal wöchentlich eingenommen, vor Ansteckung schützen soll. Manche Privatkliniken hingegen haben Transparente an ihre Tür gehängt: „Hier keine Notaufnahme“. Laut Gesetz müssen auch Privatkliniken jeden akut medizinisch Hilfebedürftigen erstversorgen – das kann teuer werden, wenn so eine Epidemie erst einmal ausgebrochen ist.
Hier im Großraum Recife kommen seit Jahren mindestens alle zwei Monate Angestellte des Gesundheitsbehörde in allen Haushalten vorbei und kontrollieren diese auf Dengue-Risiken; sie leeren Blumentopfuntersetzer aus, streuen Pülverchen in stehendes Gewässer und erklären die Symptome der Krankheit, deren leichtere Variante gerne mit einer normalen Grippe verwechselt wird. Vor ein paar Jahren gab es hier reichlich Dengue-Fälle, inzwischen ist die Lage unter Kontrolle. Natürlich ist der Großraum Rio wesentlich größer und bevölkerter als der Großraum Recife. Ich weiß nicht, ob eine solche Dengue-Risiken-Kontrolle in Rio entweder nicht präventiv statt gefunden oder einfach nicht ausgereicht hat. Jetzt jedenfalls ist die Sache heikel.
Mückenschutzmittel zum Auftragen auf die Haut und Insektizide zur Anwendung im geschlossenen Raum sind seit Monaten Verkaufsschlager in Rio. In manchen Restaurants kommt das Mückenspray gleichzeitig mit der Speisekarte auf den Tisch. Andere haben ihre Kellner mit einer totsicheren Waffe gegen die Aegypti ausgestattet: Eine Art Badmintonschläger, der auf Knopfdruck mit Strom geladen wird, und bei Berührung die Aedes Aegypti (und alle anderen Arten Insekten, bis hin zur Kakerlake) zischend und endgültig versengt. Eine Gruppe Amerikaner war davon so begeistert, dass sie kürzlich einem Kellner in der Barra da Tijuca kurzerhand die Todeswaffe abgekauft haben.
Wäre das nicht eine Lösung? Mückentöter für alle?
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