Erinnert sich noch jemand an Adventskalender? Die mit den kleinen Türchen zum Aufmachen? Manche hatten dahinter nur bunte Bildchen zu bieten, andere immerhin Milchschokolade –die besten waren eindeutig die mit dem Säckchen für jeden Tag, mit Marzipankartoffeln, Lebkuchenherzen, Mandelplätzchen und anderen Leckereien. Hier bekommt man im Advent bestenfalls trockene Panettone geschenkt. Deswegen stecken in meinem brasilianischen Adventskalender statt Süßigkeiten frohe Botschaften: für jede Woche eine.
Die erste frohe Botschaft ist ganz offiziell und kommt von der UNO. Im diesjährigen Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen ist Brasilien zum ersten Mal unter der Gruppe der „entwickelten Länder“ aufgeführt – zwar auf einem der hintersten Plätze, aber immerhin. Die Vereinten Nationen messen die „menschliche Entwicklung“ anhand von Lebenserwartung, Schulbildung und Wohlstand. Die Erhöhung der Lebenserwartung von 70,8 auf 71,7 Jahre hat der Präsident nicht als persönlichen Erfolg verbucht. Der Wohlstand hat sich dank Lula mindestens für die mehr als 11 Millionen Familien verbessert, die staatliche Sozialhilfe in Form der „Bolsa Familia“ beziehen – auch wenn das für manche weniger als 10 Euro im Monat sind. Die Schulpflicht erfüllen seit Lula auch mehr Kinder als vorher – nicht zuletzt, weil die Bolsa Familia nur ausgezahlt wird, wenn alle Kinder regelmäßig zur Schule gehen. Zusammengefaßt ließe sich also sagen, dass die Bolsa Familia Brasilien zu einem menschlich entwickelten Land gemacht hat.
Die zweite frohe Botschaft ist ebenfalls offiziell und lautet, dass alle brasilianischen Haushalte an das öffentliche Abwassernetz angeschlossen werden sollen. Bislang sind das nämlich nur knapp über die Hälfte – die anderen nutzen hausgemachte Sickergruben oder Improvisationslösungen. Das Programm zur flächendeckenden Abwassernetz-Einführung gehört nicht zu den dringendsten Prioritäten der Regierung (so wie etwa die Bekämpfung des Hungers). Gehen die Arbeiten im Abwasserbereich im bisherigen Tempo weiter, werden im Jahr 2122 alle Brasilianer angeschlossen sein. Die menschliche Entwicklung soll das aber nicht stören.
Die dritte frohe Botschaft sind eigentlich zwei - aus verschiedenen Bundesstaaten, die in letzter Zeit Schmach und Scham erleiden mußten. Im Pará blieb die Minderjährige L. wochenlang in einer Zelle mit 30 Männern eingesperrt – als der Fall bekannt wurde, gab das häßliche Schlagzeilen und Schelte für die Gouverneurin. Es gebe kein Frauengefängnis vor Ort, hieß die offizielle Erklärung. So etwas wird nicht mehr vorkommen. Nicht in dem Gefängnis von Abaetetuba jedenfalls. Denn das wird abgerissen. Frei nach dem Motto: Aus den Augen aus dem Sinn. Das Motto scheint auch den Regierenden von Bahia zu gefallen. Dort ist kürzlich – just nachdem Brasilien als Austragungsland der WM 2014 bestätigt wurde – eine Tribüne des vollbesetzten Stadions Fonte Nova bei einem Endspiel eingestürzt: sieben Tote, dreißig Verletzte. Passiert ist passiert, also nicht lange nach Schuldigen suchen, sondern: Weg damit! Auch das Stadion Fonte Nova soll abgerissen werden. Schnell, konsequent effizient.
"Weg damit“ ist selbst ein schönes Motto und könnte glatt über der vierten und schönsten frohen Botschaft stehen. Die kommt aus dem Senat und lautet: Die CPMF wird nicht verlängert. Die seit beinahe 15 Jahren immer wieder verlängerte „vorläufige“ Steuer auf den Geldverkehr hat seitdem wiederholt für Streit, Intrigen und Polarisierung gesorgt: Das Volk wollte sie nicht mehr zahlen, die Politiker wollten nicht ohne die genehmen Zusatzeinnahmen leben. Angeblich hat sogar der vielfach krimineller Taten beschuldigte Senatspräsident sich nur deswegen so lange im Amt halten können, weil er versprochen hatte. Stimmen für eine weitere Verlängerung der Lieblingssteuer der Regierung zu besorgen. Hat alles nicht geklappt Leute. Keine CPMF in 2008. 40 Milliarden Reais weniger in der Staatskasse. Das heißt: 40 Milliarden Reais mehr in unseren Kassen – solange keinem Schlaumeier einfällt, eine andere Steuer zu erfinden. Dafür lassen sich Unmengen Marzipankartoffeln, Lebkuchenherzen und Plätzchen kaufen! Besser als jeder Adventskalender. Sogar besser als der mit den Säckchen.
Mittwoch, 19. Dezember 2007
Freitag, 14. Dezember 2007
Brutale Gewalt gegen selige Sängerinnen
Die Gläubigen hier sind eine Plage. Jeder kann glauben, was er will, keine Frage. Und dass hier im armen Nordosten Glauben besonders Not tut, ist leicht verständlich. Warum aber können die Priester der diversen religiös inspirierten Gemeinschaften von den Pfingstkirchen bis zu den Zeugen Jehovas sich nicht in einem geschlossenen Raum treffen, wie andere Religionsgemeinschaften auch? Oder ihren Open-Air-Gottesdienst wenigstens in menschenverlassenen Gegenden abhalten?
Tatsache ist, dass jedes noch so kleine Dorf zwar deutlich mehr Kirchengebäude als Schulen besitzt (letztens schallte mir lautstarkes „Hallelujah!“ sogar aus einer palmwedelgedeckten Lehmhütte mitten im Wald entgegen – die Hütte war eine Baptistenkirche), die Schafe Gottes sich aber trotzdem gerne irgendwo auf dem Bürgersteig zusammenfinden, um ausgiebig und zu bester Sendezeit zu loben und zu preisen und zu schimpfen. Üblicherweise bewaffnet sich der Priester mit einem Megafon und schmettert seine Überzeugungen jedem ungefragt ins Wohn- oder Schlafzimmer, der im Umkreis von 200 Metern wohnt. Dabei wird hart umgesprungen mit allen, die ihr Leben nicht augenblicklich unserem Herrn Jesus Christus überantworten, und jede Aussage bekräftigt durch ein gebrülltes Glória Deus.
Der andere Teil der wenig besinnlichen Andacht ist womöglich noch schlimmer. Er besteht aus Gesang. Der Herr ist offensichtlich deutlich großmütiger als ich: Er stört sich nicht daran, dass die berufenen Sänger jeden Ton umso lauter in die Nacht schreien, je weniger sie ihn treffen.
Vielleicht sind die Gläubigen ja auch alle ein wenig taub. Oder sie brauchen reichlich Lautstärke zur Befestigung ihrer noch wackeligen Überzeugungen.
Letztens zogen zwei religiöse Damen in die Nebenwohnung ein. Das erfuhr ich um halb sechs Uhr morgens, als in Partylautstärke eine christliche Wecksendung die Töpfe in meiner Küche zum Singen und mich in meinem Bett zum Kochen brachte. Wenig später wechselte das Programm von Erwachet! auf ein Kinder-ABC-Lied. Bis zum fünften „Piu-Piu-Piu“-Refrain hielt ich still. Dann malte ich mir mein weiteres Leben mit diesen Nachbarinnen aus und ging zu meiner Vermieterin, um ihr vorsichtig zu erklären, dass ich am Schreibtisch mein Geld (und ihre Miete) verdiene, was bei Piu-Piu-Beschallung ab halb sechs Uhr morgens eindeutig gefährdet sei. Fátima ist eine freundliche und verständnisvolle Person. Sie erklärte den Neu-Mieterinnen höflich und bestimmt die Lage, und fünf Minuten später war Ruhe. Zwei Minuten lang. Dann hub eine der Religiösen an, im Vorgarten Wäsche zu waschen und dabei zu singen. Ganz in der Tradition der schallend schiefen Töne und kein bißchen leiser als vorher das Radio gedröhnt hatte. Ich gebe zu, dass ich in den nächsten Minuten an allerlei Unchristliches dachte, von Ich-brauche-dringend-eine-Stinkbombe über Woher-bekomme-ich-eine-CD-von-Black-Sabbath bis zu Wenn-das-so-weitergeht-werde-ich-zur-Amokläuferin.
So weit kam es Gott-sei-Dank nicht. Kurz bevor ich der seligen Sängerin ins Gesicht sprang, erhob sich eine Männer-Stimme aus dem Nachbarhaus. „Schluss!“ donnerte die Stimme. „Und zwar sofort! Wenn diese Verrückte noch eine Minute länger die Welt mit ihrem Gejaule stört, komm ich rüber und regele die Sache!“ Augenblicklich trat Stille ein. Wenig später hörte ich die Damen sich bei Fátima beschweren. Noch ein wenig später trugen sie ihre Siebensachen an meinem Fenster vorbei – sie zogen wieder aus.
Nicht dass ich es befürworte, wenn Männer brutal ihre Stimme erheben, um gegen Frauen vorzugehen. Grundsätzlich bin vollkommen gegen ein solches Verhalten. In diesem Fall war ich allerdings geradezu dankbar für die Brutalität. Eine echte Plage läßt sich eben nicht durch höfliche Bitten vertreiben.
Tatsache ist, dass jedes noch so kleine Dorf zwar deutlich mehr Kirchengebäude als Schulen besitzt (letztens schallte mir lautstarkes „Hallelujah!“ sogar aus einer palmwedelgedeckten Lehmhütte mitten im Wald entgegen – die Hütte war eine Baptistenkirche), die Schafe Gottes sich aber trotzdem gerne irgendwo auf dem Bürgersteig zusammenfinden, um ausgiebig und zu bester Sendezeit zu loben und zu preisen und zu schimpfen. Üblicherweise bewaffnet sich der Priester mit einem Megafon und schmettert seine Überzeugungen jedem ungefragt ins Wohn- oder Schlafzimmer, der im Umkreis von 200 Metern wohnt. Dabei wird hart umgesprungen mit allen, die ihr Leben nicht augenblicklich unserem Herrn Jesus Christus überantworten, und jede Aussage bekräftigt durch ein gebrülltes Glória Deus.
Der andere Teil der wenig besinnlichen Andacht ist womöglich noch schlimmer. Er besteht aus Gesang. Der Herr ist offensichtlich deutlich großmütiger als ich: Er stört sich nicht daran, dass die berufenen Sänger jeden Ton umso lauter in die Nacht schreien, je weniger sie ihn treffen.
Vielleicht sind die Gläubigen ja auch alle ein wenig taub. Oder sie brauchen reichlich Lautstärke zur Befestigung ihrer noch wackeligen Überzeugungen.
Letztens zogen zwei religiöse Damen in die Nebenwohnung ein. Das erfuhr ich um halb sechs Uhr morgens, als in Partylautstärke eine christliche Wecksendung die Töpfe in meiner Küche zum Singen und mich in meinem Bett zum Kochen brachte. Wenig später wechselte das Programm von Erwachet! auf ein Kinder-ABC-Lied. Bis zum fünften „Piu-Piu-Piu“-Refrain hielt ich still. Dann malte ich mir mein weiteres Leben mit diesen Nachbarinnen aus und ging zu meiner Vermieterin, um ihr vorsichtig zu erklären, dass ich am Schreibtisch mein Geld (und ihre Miete) verdiene, was bei Piu-Piu-Beschallung ab halb sechs Uhr morgens eindeutig gefährdet sei. Fátima ist eine freundliche und verständnisvolle Person. Sie erklärte den Neu-Mieterinnen höflich und bestimmt die Lage, und fünf Minuten später war Ruhe. Zwei Minuten lang. Dann hub eine der Religiösen an, im Vorgarten Wäsche zu waschen und dabei zu singen. Ganz in der Tradition der schallend schiefen Töne und kein bißchen leiser als vorher das Radio gedröhnt hatte. Ich gebe zu, dass ich in den nächsten Minuten an allerlei Unchristliches dachte, von Ich-brauche-dringend-eine-Stinkbombe über Woher-bekomme-ich-eine-CD-von-Black-Sabbath bis zu Wenn-das-so-weitergeht-werde-ich-zur-Amokläuferin.
So weit kam es Gott-sei-Dank nicht. Kurz bevor ich der seligen Sängerin ins Gesicht sprang, erhob sich eine Männer-Stimme aus dem Nachbarhaus. „Schluss!“ donnerte die Stimme. „Und zwar sofort! Wenn diese Verrückte noch eine Minute länger die Welt mit ihrem Gejaule stört, komm ich rüber und regele die Sache!“ Augenblicklich trat Stille ein. Wenig später hörte ich die Damen sich bei Fátima beschweren. Noch ein wenig später trugen sie ihre Siebensachen an meinem Fenster vorbei – sie zogen wieder aus.
Nicht dass ich es befürworte, wenn Männer brutal ihre Stimme erheben, um gegen Frauen vorzugehen. Grundsätzlich bin vollkommen gegen ein solches Verhalten. In diesem Fall war ich allerdings geradezu dankbar für die Brutalität. Eine echte Plage läßt sich eben nicht durch höfliche Bitten vertreiben.
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