Samstag, 10. November 2007

Von der Rolle

Die USA und Brasilien haben wieder etwas gemeinsam. Nicht nur die Unkenntnis darüber, wo Brasilien geographisch anzusiedeln ist. In beiden wurden kürzlich Klopapier-Diebstähle publik.

In Rio ließ ein Mann gleich mehrere Rollen Toilettenpapier aus dem öffentlichen WC eines Sopping-Centers mitgehen. Der Mann war früher bei einer Reinigungsfirma angestellt gewesen – und wußte vielleicht deswegen, wo die Nachschubrollen aufbewahrt werden. Inzwischen war er arbeitslos, aber keineswegs zum geübten Dieb geworden. Anstatt die Diebesware ordentlich zu verstecken, lief er mit einem Karton unter dem Arm herum und verhielt sich dabei so auffällig, dass ein Wachmann des Einkaufszentrums ihn aufhielt.

Es half dem brasilianischen Dieb nichts, dass er den Wachmann von früher kannte. Es half ihm auch nichts, dass die paar Rollen Klopapier viel weniger wert sind, als allein der Polizeieinsatz kostet, um den Dieb abzuführen. Es half ihm erst recht nichts, dass der Arbeitslose erklärte, er hätte – bei gelungenem Raub – das Toilettenpapier verkaufen wollen, um Nahrungsmittel zu erwerben.

Ismael sitzt in Untersuchungshaft, bis sein Fall verhandelt wird. Die brasilianische Justiz gehört nicht zu den Schnellsten. Wenn jeder Klopapierdieb einsitzen muß, wird sich das auch kaum ändern. Andererseits gehen bekannterweise Politiker, denen weit schwerwiegende Taten nachgewiesen werden, gerne straffrei aus.

Im Regierungssitz von Fond du Lac in Wisconsin verschwindet seit einiger Zeit immer wieder Klopapier aus der Herrentoilette. Dies fiel einem der Regierungsmitglieder auf: Der aufmerksame Allen Buechel vertritt die These, dass der Papierdieb zweimal wöchentlich seine Raubzüge unternimmt. Irgendwann werde jemand den Mann in flagranti erwischen, hofft Buechel. Alle Kabinettsmitglieder sind aufgerufen, auf Verdächtige zu achten, auch wenn der Verlust gering sei, wie Buechel anmerkt: „Wir kaufen nicht die beste Qualität“.

Die zuständige Polizei wollte sich zu dem Fall nicht äußern, aber es muß angenommen werden, dass es sich bei dem US-Dieb um einen Politiker oder Angestellten im Regierungssitz handelt. Ob der, sobald er gefaßt ist, auch abgeführt und in den Knast gesteckt wird, wie sein Kollege in Rio?

Donnerstag, 8. November 2007

Mitten in Afrika

Ich lebe mitten in Afrika. Glauben jedenfalls zwei Prozent der Brasilianer. Vier bundesweite Bildungstests verursachen hierzulande jedes Jahr Schmach und Scham und Pein und große Diskussionen um eine Bildungsreform – so unterirdisch sind jedes Mal die Ergebnisse.

Kürzlich kam es noch schlimmer. Und schuld war nicht mal einer der üblichen Bildungstest, sondern die Untersuchung „Pulso Brasil“ (der Pulsschlag Brasiliens). Im Laufe des Puls-Tests sollten die Befragten ihr eigenes Land auf einer Weltkarte zeigen.

Jeder Dritte gab auf, ohne überhaupt zu versuchen, Brasilien zu lokalisieren – das größte Land Südamerikas, in das Deutschland locker 24mal hinein passen würde. Die Mutigeren aber ebenso Ahnungslosen rieten einfach drauflos. Zwei Prozent siedelten Brasilien im Kongo an, ein Prozent sah das Land des Samba und Fussball gar im Tschad.

Von denen, die immerhin in Südamerika suchten, lagen auch noch viele falsch: Sie verwechselten Brasilien mit dem kleineren Nachbarn im Süden: Argentinien. Man kann ihnen vielleicht zugute halten, dass die Formen der beiden Länder sich entfernt ähneln – auch wenn Argentinien nicht annähernd so viel Küste vorzuweisen hat. Ausserdem befinden sich die Irrenden in illustrer Gesellschaft: US-Präsident Reagan teilte einst bei einem Besuch in Brasília fröhlich mit, wie erfreut er sei, sich in Buenos Aires zu befinden.

Vermutlich kann auch das die Bildungsplaner nicht trösten, aber als ich vor Jahren beschloß, von Brasilien aus zu arbeiten, fragten viele deutsche Journalisten-Kollegen mich bewundernd, ob ich denn schon gut genug Spanisch könne. Für Journalisten ist es demnächst ohnehin egal, wo sie leben: Chicagoer Lokalnachrichten werden längst ebenso von Billigschreibern in Indien verfaßt wie Teile der Wirtschaftsnews von Reuters. Ich könnte vermutlich ebensogut mitten in Afrika leben, und hätte ganz ähnliche Geschichten zu erzählen. Könnte nur sein, dass die Leute im Kongo und im Tschad besser wissen, wo ihr eigenes Land liegt.
 
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