Heute hat der Präsident beim TV-Duell mit seinem Herausforderer Alckmin nicht blau gemacht. Das Klassenziel der Wiederwahl ist ja auch noch nicht erreicht. Immerhin sagten ihm gestern die Umfragen 50 Prozent voraus - gegen schlappe 43 für Alckmin. Vielleicht hat Lula deswegen leichthin versprochen, er werde heute abend über alles reden, was der andere wissen wolle, über Korruption, über Ethik, über Sicherheit...
Über Korruption muss er dann wirklich reden. Macht aber nix, der Mann ist vorbereitet. Fünf Minister aus seiner Regierung mussten wegen Korruptionsvorwürfen zurücktreten? Ein gutes Zeichen! Denn „die anderen Regierungen haben den Dreck immer nur unter den Teppich gekehrt“. Er hingegen habe schon als kleiner Junge bei seiner Mama zuhause das Sofa hochgehoben, um auch darunter sauber zu machen.
Im Dreck unter dem Sofa wühlen dann beide Kandidaten gekonnt herum. Sei es, dass Lula Alckmin für die Gewaltexzesse der kriminellen Vereinigung PCC in Sao Paulo verantwortlich macht oder dass Alckmin Lula "schwach" nennt, weil der sich nicht energisch gegen den Nationalisierungsspräsident von Bolivien gestellt hat, um die brasilianische Petrobras zu verteidigen.
Irgendwann schon kurz vor Schluss haben es die beiden Kandidaten geschafft, sich gegenseitig als Lügner zu beschimpfen - aber keiner von beiden hat über sein Regierungsprogramm gesprochen.
Ob das noch kommt, kann ich nicht sagen, denn just, als Alckmin den Präsidenten auf die miserable Energielage des Landes anspricht, ist es hier ganz schwarz geworden. Allgemeiner Stromausfall. Der erste Kommentar zum strombedingten Ende der Debatte kommt irgendwo da draußen aus der Nacht: „Scheiße Lula“ brüllt es.
Montag, 9. Oktober 2006
Mittwoch, 4. Oktober 2006
Der Segen des kurzen Gedächtnisses
Das Schöne an den Brasilianern ist, daß sie so gut vergeben und vergessen können. Sie sind absolut nicht nachtragend. Vielleicht haben sie auch einfach nur ein schlechtes Gedächtnis. Ein brasilianisches Sprichwort sagt, „wer keine Seiten umblättern will, ist es nicht wert, das Buch zu lesen.“ Die Brasilianer blättern fleißig um. Manchmal vergessen sie darüber sogar, das Buch zu lesen.
Ein besonders schönes Beispiel für das schwache Gedächtnis – oder für das großzügige Vergeben und Vergessen - des brasilianischen Volkes ist die Liste der Kandidaten, die soeben in den Senat und ins Abgeordnetenhaus gewählt wurden. Jeder zehnte der Abgeordneten ist irgendwelcher Unregelmäßigkeiten verdächtig, gegen 35 der 513 laufen Gerichtsverfahren – und mancher Hauptdarsteller der jüngsten Skandale ist vertreten: Die Brasilianer haben Ex-Minister Palocci gewählt, der wegen Korruptionsvorwürfen vor kurzem zurücktreten mußte. Sie haben den Ex-Chef der Arbeiterpartei PT gewählt, der ebenfalls wegen Korruptionsvorwürfen aus dem Amt entlassen wurde. Und sie haben den aktuellen PT-Parteichef gewählt, den Lula wenige Tage vor der Wahl als „Bandit“ beschimpft hat, weil er in den Dossier-Skandal verwickelt ist.
Mit überwältigender Mehrheit haben sie übrigens auch Fernando Collor in den Senat gewählt. Genau, den Ex-Präsidenten. Der 1992 wegen Korruptionsvorwürfen durch ein Impeachment abgesetzt wurde. Aber nach all den Jahren ist Collor ein anderer Mensch und kehrt „mit reinem Gewissen und gewaschener Seele“ in die Hauptstadt Brasilia zurück, wie er sagt.
Das ist die andere Seite des Vergebens und Vergessens: Mit Schuldgefühlen plagen sich brasilianische Politiker auch nicht lange. Präsident Lula kommentierte seine Niederlage im ersten Wahlgang wie folgt: „Jetzt werden wir einen gerechteren und ehrlicheren Wahlkampf haben. Und der zweite Wahlgang bietet auch bessere Voraussetzungen für die Debatte.“ Debatte? Hatte der Präsiden da nicht blau gemacht? Zum nächsten TV-Duell wird er wohl hingehen müssen. Sonst erinnert sich womöglich irgend jemand daran, was Herausforderer Alckmin gestern gesagt hat: „Lula hat seine Chance gehabt, und er hat sie vertan.“
Ein besonders schönes Beispiel für das schwache Gedächtnis – oder für das großzügige Vergeben und Vergessen - des brasilianischen Volkes ist die Liste der Kandidaten, die soeben in den Senat und ins Abgeordnetenhaus gewählt wurden. Jeder zehnte der Abgeordneten ist irgendwelcher Unregelmäßigkeiten verdächtig, gegen 35 der 513 laufen Gerichtsverfahren – und mancher Hauptdarsteller der jüngsten Skandale ist vertreten: Die Brasilianer haben Ex-Minister Palocci gewählt, der wegen Korruptionsvorwürfen vor kurzem zurücktreten mußte. Sie haben den Ex-Chef der Arbeiterpartei PT gewählt, der ebenfalls wegen Korruptionsvorwürfen aus dem Amt entlassen wurde. Und sie haben den aktuellen PT-Parteichef gewählt, den Lula wenige Tage vor der Wahl als „Bandit“ beschimpft hat, weil er in den Dossier-Skandal verwickelt ist.
Mit überwältigender Mehrheit haben sie übrigens auch Fernando Collor in den Senat gewählt. Genau, den Ex-Präsidenten. Der 1992 wegen Korruptionsvorwürfen durch ein Impeachment abgesetzt wurde. Aber nach all den Jahren ist Collor ein anderer Mensch und kehrt „mit reinem Gewissen und gewaschener Seele“ in die Hauptstadt Brasilia zurück, wie er sagt.
Das ist die andere Seite des Vergebens und Vergessens: Mit Schuldgefühlen plagen sich brasilianische Politiker auch nicht lange. Präsident Lula kommentierte seine Niederlage im ersten Wahlgang wie folgt: „Jetzt werden wir einen gerechteren und ehrlicheren Wahlkampf haben. Und der zweite Wahlgang bietet auch bessere Voraussetzungen für die Debatte.“ Debatte? Hatte der Präsiden da nicht blau gemacht? Zum nächsten TV-Duell wird er wohl hingehen müssen. Sonst erinnert sich womöglich irgend jemand daran, was Herausforderer Alckmin gestern gesagt hat: „Lula hat seine Chance gehabt, und er hat sie vertan.“
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